Gastbeitrag von Andreas Püttmann

Je näher der Kirche, desto ferner der AfD

Veröffentlicht am 23.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Andreas Püttmann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Publizist Andreas Püttmann widerspricht dem Eindruck, die AfD sei längst in der Mitte der Kirchen angekommen. Praktizierende Christen hielten weiterhin deutlich mehr Abstand zur Partei als oft behauptet.

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Mit dem gen 30 Prozent strebenden Stimmenanteil der AfD in Umfragen wächst auch der Anteil der Kirchenmitglieder, die den Rechtsradikalen zuneigen. Alles andere wäre eine Überraschung, denn Zeittrends samt ihren "Irrungen und Wirrungen" gehen nie spurlos an großen Glaubensgemeinschaften vorbei. Dies wurde etwa infolge der 68er-Revolution auch im Kirchenmilieu sichtbar. Bis heute schmerzhaft ist die Verführbarkeit von Christen in den Dreißigerjahren, als es unter dem Einfluss des Nationalsozialismus eine opportunistische Kirchenaustrittsbewegung und Zweidrittelmehrheiten der "Deutschen Christen" in evangelischen Synoden gab. Die Ermahnung des Paulus: "Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist" (Röm 12,2), wird immer aktuell bleiben.

Zur Ironie des Anpassungs-Effekts gehört heute, dass in Social Media Heerscharen erklärter "Quer-" oder "Selberdenker" aufmarschieren, bei denen man nur ideologische Konfektionsware von der Stange, Standard-Feindbilder und vorgestanzte Schlüsselbegriffe der rechtsradikalen Bewegung findet, aber keinerlei Originalität. Menschen, die wie umprogrammiert, ja regelrecht abgerichtet wirken, aber andere als "Mietmaul" der "Altparteien" eines zur Diktatur degenerierten Staates schmähen.

Neue rechtsautoritäre Bewegung verfolgt Strategie ihrer Vorgänger

Die neue rechtsautoritäre Bewegung verfolgt gegenüber den Kirchen die Strategie ihrer Vorgänger: Einerseits wirft man sich in die Pose der Verteidigung eines identitären Kulturchristentums und sucht nach Brückenköpfen im Kirchenmilieu, deren ostentative Frömmigkeit sich als Feigenblatt vor der neuheidnischen Blöße der AfD eignet. Andererseits diskreditiert man kirchliche Autoritäten, die sich ideologischer Kollaboration verweigern, als korrumpiert, schwächlich und übermäßig politisiert, droht ihnen und ruft zum Kirchenaustritt auf. Zuckerbrot und Peitsche. Erfolgreich war man damit nicht. Bischöfe, Synoden und Räte, christliche Verbände und Initiativen, Wissenschaftler und Publizisten formulieren seit Jahren eine klare, theologisch-ethisch fundierte Abgrenzung zur AfD. Die "Christen in der AfD" blieben ein kläglich kleines Häuflein ohne wesentlichen, schon gar nicht mäßigenden Einfluss auf ihre Partei.

„Eine de facto bloß ererbte, nie verinnerlichte (oder verkümmerte), bloß noch nominelle Zuordnung zur Kirche begründet keine Kompetenz, ins Votum der "Kirchenbasis" addiert zu werden.“

—  Zitat: Andreas Püttmann

Folglich verweisen rechte Demagogen neuerdings, ihrer populistischen Logik gemäß, auf Umfragen, die angeblich einen wachsenden Zuspruch der Kirchenbasis zur AfD zeigen. Auch hier manipulieren sie wie üblich mit Scheinplausibilitäten und Halbwahrheiten. Die meisten Umfrageinstitute identifizieren nämlich gar nicht das Kirchenvolk im Sinne jener, die den Glauben in Gemeinden, Gremien, Gottesdiensten und Gebet, sozialem und kulturellem Engagement leben. Sie fragen allenfalls nach Konfessionszugehörigkeit und nur selten, auf Auftrag hin, nach Kirchgang, subjektiver Verbundenheit mit der Kirche, Glaubensüberzeugungen und Orthopraxie. Erst durch all dies wird aber Christsein konstituiert und gesellschaftlich relevant. Eine de facto bloß ererbte, nie verinnerlichte (oder verkümmerte), bloß noch nominelle Zuordnung zur Kirche begründet jedoch keine Kompetenz, ins Votum der "Kirchenbasis" addiert zu werden und zur christlichen Unbedenklichkeitserklärung für eine Partei beizutragen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Jeder Getaufte darf sich zur Kirche zählen und von seinen Rechten als Mitglied Gebrauch machen. "Zieh den Kreis nicht zu klein", lautet eine zum neuen geistlichen Lied geronnene Devise von Volkskirche, die ich immer vertrat, auch eingedenk des Verses vom Gottesknecht: "Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus" (Jes 42,3). Ich bin dankbar für jeden, der trotz Glaubenszweifeln oder -verlust den Kirchenaustritt scheut, und sei es nur aus Familientradition oder Ahnung positiver Wirkungen des Christentums. Geht es jedoch um das öffentliche Zeugnis Glaubens samt seiner Ethik gegen die Infragestellung religiöser Tabus oder Autoritäten, kann auch eine bloß soziologische Analyse nicht alle Kirchenmitglieder als Sprecher des Christentums über einen Kamm scheren. Vielmehr gilt es die "praktizierenden" Gläubigen zu befragen.

Plausible Abstufungen

ALLBUS-Daten (2023) weisen AfD-Anhänger beim Glauben an einen persönlichen Gott (12 Prozent) und Religiosität gemäß Selbsteinstufung auf einer Zehnerskala (7–10: 18 Prozent) als weitgehend areligiös aus, etwa gleichauf mit der FDP- und nahe der Linke-Klientel. Das Allensbacher Institut für Demoskopie identifizierte bis zum Herbst 2025 regelmäßig auch die Gruppe der Kirchennahen (Kirchgang mindestens "ab und zu"). Im September 2025, als 24 Prozent der Wahlberechtigten mit konkreter Parteiangabe zur Zweitstimme die AfD nannten, waren es bei denen ohne Kirchenzugehörigkeit 31 Prozent, unter kirchennahen Christen aber nur 11 Prozent der Protestanten und 10 der Katholiken. Die kirchenfernen Protestanten (23) und Katholiken (22) lagen dazwischen. Die im Blick auf die christliche Lehre plausiblen Abstufungen zeigten sich ähnlich in früheren Umfragen, auch bei separater Zählung für West- und Ostdeutschland wie durch das IfD 2018 und die Forschungsgruppe Wahlen (für die KAS) 2017.

Andreas Püttmann im Porträt
Bild: ©KNA

Andreas Püttmann lebt als Journalist und Publizist in Bonn.

Der über 20 Prozentpunkte große Unterschied zwischen Konfessionslosen und denen, die ihren Glauben mit der Kirche leben, wird durch die gröbere Auszählung "katholisch–evangelisch–ohne" in den gängigen Wahlanalysen verborgen. Doch selbst in diesen sind die Unterschiede meistens noch signifikant. Bei der Bundestagswahl betrugen die sie 18 (katholisch) zu 20 (evangelisch) zu 24 Prozent (ohne Konfession), bei der Europawahl 2024: 12–14–24, bei der Bundestagswahl 2021: 8–9–14. Auch bei Landtagswahlen ergab sich fast immer dieses Muster, zuletzt in Rheinland-Pfalz (17–20–22) und Baden-Württemberg (15–20–21), 2024 in Sachsen (20–23–34) und geringer ausgeprägt mit konfessionellem Platztausch in Thüringen (32–29–34).

Das Echo auf die jüngste INSA-Umfrage für Deutschland (26–27–30) war vielsagend für den dilettantischen und verzweckenden Umgang mit Demoskopie. Die "Welt" titelte: "AfD erreicht unter Konfessionslosen 30 Prozent – geringere Beliebtheit unter Katholiken", obwohl der konfessionelle Unterschied so marginal war, dass er von der Fehlermarge "geschluckt" wurde. AfD-Anhänger reagierten widersprüchlich: Die einen hetzten gegen immer schon "zurückgebliebene" Katholiken, andere hoben stolz hervor, dass nun auch mehr Katholiken AfD wählten. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" begab sich anlässlich des Katholikentags Thomas Jansen auf dünnes Eis mit der Behauptung, der "Mythos" vom "katholischen Bollwerk" sei "gründlich entzaubert worden"; "dass populistische und extremistische Parteien unter praktizierenden Katholiken deutlich weniger Zuspruch als im Bevölkerungsdurchschnitt erhalten [...] ist Vergangenheit"; der AfD-Stimmenanteil sei "selbst unter treuen Kirchengängern oft allenfalls geringfügig niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt". Das ist erstens schwammig ("oft" wo?) und zweitens im Blick auf die IfD-Auszählung nach Kirchgangsfrequenz schlicht falsch.

Kampf um jede Seele

Obwohl weit unterdurchschnittlich, bleiben auch 10 Prozent (jetzt wohl etwas mehr) der praktizierenden Katholiken als AfD-Wähler eine große Sorge und ein Ärgernis für die Kirche, das ihr Zeugnis für eine menschenfreundliche, freiheitliche, solidarische Gesellschaft konterkariert. Wo die 2017 von Kardinal Marx gezogenen "Roten Linien" – Rassismus, Antisemitismus, Überhöhung der eigenen Nation, Gleichgültigkeit gegenüber der Armut in der Welt, Verächtlichmachung anderer Religionen und der repräsentativen Demokratie, Hassrede – von Christen überschritten werden, und sei es nur indirekt durch Unterstützung einer Partei, in der all dies Platz findet, da kann eine Kirche Jesu Christi nur Scham empfinden – und zum Kampf um jede Seele aufrufen.

„Es müssen nicht alle Christen der Positionierung ihrer Kirchenleitungen zustimmen, damit diese als "gültig" zu betrachten sind.“

—  Zitat: Andreas Püttmann

Zugleich gilt es aber, nicht kleinmütig zu werden, sondern selbstbewusst auf das Gesamtzeugnis der Kirche zu verweisen, jenseits rechtskatholischer Subkulturen, die sich bezeichnenderweise besonders im Internet finden und die Papst Franziskus in "Evangelii Gaudium" (Ziff. 93–95) als narzisstisch in sich verkrümmt entlarvte. Mit Geisterfahrern ist in einer so großen Gemeinschaft immer zu rechnen. Vielleicht sogar besonders wenn sie schrumpft, denn erlebter Verlust kann Kränkung, Verkrampfung, Bitterkeit und die Suche nach neuen, falschen Verbündeten auslösen, die anscheinend auch zum Alten zurück wollen – aber nicht zum Evangelium, sondern zum geschlossenen Weltbild eines identitären Christianismus.

Christen in der Nachfolge Jesu sind ihrem eigenen Anspruch nach nicht "von der Welt", aber doch ganz in der Welt und damit Einflüssen der jeweiligen Gesellschaften ausgesetzt. Sie können sozialpsychologischen Dynamiken erliegen, die stärker sind als kirchliche Gebote und der Glaubenssinn des Gottesvolks. Dass politisch-ethische Ableitungen aus dem Glauben differerieren, hat mit Interpretationsspielräumen der Bibel und Inkulturation in regionale Traditionen zu tun. Auch kann es Christen fehlen an Disziplin, eigene Interessen und Affekte zu zügeln, und an einer realistischen Einschätzung ihrer Kompetenz und Urteilskraft. Dann können selbst einhellige und eindringliche Orientierungshilfen wie die Erklärung der deutschen Bischöfe "Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar" in den Wind geschlagen werden.

Katholische Republikverderber am rechten Rand

Katholische Republikverderber am rechten Rand gab es schon in der Weimarer Demokratie, etwa im "Reichskatholikenausschuss" der antiliberalen, deutschnationalen DNVP, später gar in der NSDAP. Nachher waren Jammer und Scham groß. Dass heute wieder ein Zehntel der subjektiv gläubigen Katholiken ihr Heil rechtsaußen statt im politischen Zentrismus suchen, überrascht nicht. Es sollte die anderen aber nicht so sehr beeindrucken und in Selbstzweifel stürzen, dass es sie abbringt vom "Geraden Weg" – so der schöne Titel von Fritz Gerlichs katholischer Wochenschrift 1932/33. 1934 wurde er von denen ermordet, die sein Glaubensbruder Franz von Papen an die Macht brachte.

Es müssen nicht alle Christen der Positionierung ihrer Kirchenleitungen zustimmen, damit diese als "gültig" zu betrachten sind. Aber ein starkes Zeichen ist es doch, wenn Kirche "von oben" und "von unten" sich hier trifft und demoskopisch eine christliche Schwarmintelligenz aufleuchtet, die von den Völkisch-Autoritären weg weist: Je näher der Kirche, desto ferner der AfD. Und so kam es nicht von ungefähr auch zum Motto des Katholikentags: Habt Mut, steht auf!

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn