Kanonist: Totale Abhängigkeit von zölibatären Priestern durchbrechen

Der Schweizer Kirchenrechtler Adrian Loretan ruft die Kirche zu einer demokratischeren Leitungskultur auf und fordert dabei, eine "totale Abhängigkeit der Gläubigen von den zölibatären Priestern" zu durchbrechen. "Konkret bedeutet das zum Beispiel: die Aufhebung des Pflichtzölibats. Frauen können oberste Leitungsämter anvertraut werden", sagte der frühere Luzerner Professor in einem Interview des Magazins "Publik-Forum" (Ausgabe vom 29. Mai). "Aufgrund der eigenen demokratischen Rechtstradition" sollte die Kirche Menschenrechte und Demokratie einführen.
In seinen kirchenrechtlichen Forschungen sei er auf eine breite demokratische Tradition der Kirche gestoßen, so Loretan weiter. So habe etwa der Philosoph Jürgen Habermas (1929–2026) herausgearbeitet, "dass die mittelalterliche Westkirche ein Modernisierungsfaktor für den Westen als säkulare Rechtsgemeinschaft war". So sei die mittelalterliche Theorie, wonach das, was alle angeht, auch von allen behandelt und approbiert werden müsse, von den Päpsten in das Verfassungsrecht der Westkirche aufgenommen worden. "Damit war die Kirche die demokratische Institution in Europa, während das Reich mit dem Kaiser an der Spitze hierarchisch organisiert war." So entspreche auch Hierarchie ohne Synodalität nicht der demokratischen Rechtstradition der Kirche.
Menschenrechts-Tradition
Zudem gebe es eine katholische Tradition der Betonung der Menschenrechte. So habe bereits der als Anwalt und Verteidiger der indigenen Bevölkerung Amerikas in die Geschichte eingegangene spanische Theologe Bartolomé de Las Casas mit Menschenwürde und Menschenrechten argumentiert, die unterschiedslos allen Menschen qua ihres Menschseins zustünden.
Obwohl es bereits ausgearbeitete Versuche gegeben habe, dies zu tun, seien diese Gedanken paradoxerweise noch nicht in kirchliche Rechtstexte eingearbeitet worden. So thematisiere die erste Bischofssynode 1967 den Machtmissbrauch innerhalb der Kirche und fordere, diesem mit Menschenrechten in der Kirche entgegenzutreten. "Paul VI. ließ in der Folge Kirchenjuristen ein Grundgesetz der Kirche entwerfen, das einen Menschenrechts- beziehungsweise Grundrechtskatalog enthält. Der Entwurf wurde bisher noch nicht rechtlich in Kraft gesetzt", so Loretan.
Ein Schritt, der die demokratische und menschenrechtliche Rechtstradition der Kirche ernst nehme, ist laut Loretan die Entscheidung der deutschen Bischöfe, 33 Prozent der Leitungspositionen mit Frauen zu besetzen und damit faktisch eine "Frauenquote" einzuführen. "Erst mit dieser Ein-Drittel-Marke beginne eine nachhaltige Veränderung in der Leitungskultur." – Adrian Loretan war bis 2025 Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Universität Luzern. Vergangenes Jahr veröffentlichte er sein Buch "Der demokratische Rechtsstaat – eine Ideengeschichte". (mal)