Nur gemeinwohlorientiert machen Fronleichnamsprozessionen Sinn
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In meiner Kindheit habe ich das Fronleichnamsfest als einen Tag großer Verbundenheit erlebt. In unserer Kleinstadt war alles auf den Beinen, die Häuser wurden festlich geschmückt, ganze Straßenzüge waren mit Gras- und Blumenteppichen ausgelegt und mein Großvater legte großen Wert darauf, dass die Fassade seiner Apotheke am Marktplatz beflaggt war. Als Mitglied des Stadtrats lief er selbstverständlich direkt hinter dem Himmel, unter dem der Pfarrer die Monstranz trug. Der Bürgermeister hielt während der Prozession den Saum des Chormantels.
Ein halbes Jahrhundert später gibt es diese geschlossene katholische Welt hierzulande kaum noch. Und schon damals hatte die volkskirchliche Fassade Risse und hinter der Fassade gab es Abgründe, die mir aber erst im Erwachsenenalter bewusst wurden. Später habe ich immer wieder erlebt, dass dieser Tag als eine Art Machtdemonstration oder als ein Fest der öffentlichen Selbstbehauptung inmitten einer überwiegend nicht-kirchlichen Umgebung zelebriert wurde. Diese Haltung hat mir nie zugesagt. Wo sie heute noch anzutreffen ist, finde ich sie eher peinlich oder in ihrer öffentlich zur Schau getragenen Sichtbarkeit sogar skurril.
Dabei transportiert dieses Fest mit seiner Tradition, das Kirchengebäude zu verlassen und mit dem eucharistischen Brot auf die Straße zu gehen, in meinen Augen eine durchaus zeitgemäße und wertvolle Botschaft. Fronleichnam kann tatsächlich ein Tag der kirchlichen Selbstvergewisserung sein, aber eben nicht gegen die nicht-kirchliche Umgebung, sondern verbunden mit ihr. Denn das macht für mich christliche Identität aus: Wir bleiben als Kirche nicht bei uns selbst, ziehen uns nicht hinter Mauern zurück, schon gar nicht als "heiliger Rest".
Wir sind in der Spur Jesu von Nazareth unterwegs, dessen bevorzugter Ort die Straße war, nicht der abgeschlossene sakrale Raum. Fronleichnamsprozessionen machen dann Sinn, wenn sie gemeinwohlorientiert und nicht selbstbezüglich gestaltet werden. In einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft verbindet sich mit dem Fest vor allem der Auftrag, als Christ*innen im öffentlichen Raum freundlich und verbindend unterwegs zu sein.
Der Autor
Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer in Würzburg.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.
