Nach 5.000 Kilometern

Wie ein Priester das härteste Radrennen der Welt meisterte

Veröffentlicht am 18.07.2026 um 12:00 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Bonn ‐ Wüstenhitze, kaum Schlaf und 52.000 Höhenmeter: Ein Priester hatte zuletzt das härteste Radrennen der Welt gemeistert. Im katholisch.de-Interview spricht er über Glaube, Grenzerfahrungen und Papst Leo XIV.

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Er ist katholischer Priester in Bremen – und hat zuletzt eines der härtesten Radrennen der Welt gemeistert: Als Siebter von 18 gestarteten Solofahrern erreichte der 40-jährige Pawel Nowak das Ziel des Race Across America in Atlantic City. Am 16. Juni war er im kalifornischen Oceanside gestartet, um die 4.930 Kilometer lange Strecke durch 13 Bundesstaaten bis an die Ostküste in maximal zwölf Tagen zu schaffen. Dabei trotzte der gebürtige Pole Wüstenhitze, Regen, fast vollständigem Schlafentzug und rund 52.000 Höhenmetern.  

Mit seiner Teilnahme sammelte der Priester aus Bremen-Blumenthal zugleich Spenden für die Initiative "Trauerland", die Kinder begleitet, die einen nahen Menschen verloren haben. Im Gespräch mit katholisch.de spricht Nowak über die körperlichen und mentalen Herausforderungen des Extremsports, darüber, wie Menschen darauf reagieren, dass ein Priester Ultracycling betreibt, und welche Bedeutung die Begegnung mit Papst Leo XIV. im vergangenen Jahr für ihn hatte. 

Frage: Herr Nowak, beim härtesten Radrennen der Welt sind Sie als Siebter ans Ziel gekommen. Was war der erste Gedanke, als Sie Atlantic City erreicht haben? 

Nowak: Das kann ich ehrlich gesagt gar nicht genau sagen. Dass ich das Ziel erreichen würde, war für mich etwa 200 oder 300 Kilometer vor der Ziellinie bereits klar. Da kann man schon einschätzen, ob man das Zeitlimit schafft und welchen Platz man erreichen wird. Mein Team hatte mir außerdem gesagt, dass zwei Fahrer in meiner Nähe waren, die ich möglicherweise noch überholen könnte. Was ich im Moment des Zieleinlaufs genau gedacht habe, kann ich aber nicht sagen. Wahrscheinlich war ich einfach sehr dankbar – den Menschen, die mich begleitet haben, und Gott, dass ich heil und gesund ins Ziel gekommen bin. 

Frage: Gab es denn unterwegs einen Moment, in dem Sie ernsthaft dachten: "Ich schaffe das nicht"? 

Nowak: Nein, solche Momente gab es nicht. Physisch war ich, denke ich, sehr gut vorbereitet. Überraschend war für mich allerdings, dass mich mein Team etwa eine Woche vor Rennende immer wieder ermahnt hat, mich nicht so lange aufzuhalten und mehr zu fahren, weil wir nah am Zeitlimit waren. Das hat mich zunächst gewundert. Wir hatten noch knapp 2.000 Kilometer oder sogar mehr vor uns, und ich dachte, wir hätten noch genügend Zeit. Dann wurde aber klar, dass ich wirklich sehr viel fahren und die Pausen so kurz wie möglich halten musste, um innerhalb des Zeitlimits zu bleiben. Ich hatte 12 Tage, also 288 Stunden. Dass ich es nicht schaffen oder keine Kraft mehr haben würde, habe ich jedoch nie gedacht.

Bild: ©Katholischer Gemeindeverband in Bremen/Christof Haverkamp

Pawel Nowak ist Pastor in Bremen.

Frage: Hat Ihr Glaube Ihnen in schwierigen Momenten auf dem Rad Kraft gegeben?  

Nowak: Ganz spontan fällt mir keine konkrete Situation ein. Es gab aber einen Moment am zweiten Tag in der Wüste. Dort war es extrem heiß, sodass ich mich im Begleitfahrzeug und mit Eiswürfeln kühlen musste. Das war wirklich schwierig. Auch die hohen Berge waren eine große Herausforderung. Mehrmals führte die Strecke auf über 3.000 Meter Höhe. Solche Steigungen zu bewältigen, ist nicht leicht. In diesen Momenten haben mir der Kontakt zu Gott und das Gespräch mit ihm geholfen. Ich würde das vielleicht nicht sofort Gebet nennen, sondern eher ein Gespräch mit Gott – wie mit einem Freund, der an meiner Seite ist und mich begleitet. 

Frage: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten auf dem Rad eine "Standleitung zu Gott". Wie muss man sich das vorstellen? 

Nowak: Genau so. Wenn ich Rad fahre oder schwierige Momente erlebe, bin ich mir bewusst, dass Gott an meiner Seite ist und mich begleitet.  

Frage: Sie treffen verschiedene Menschen auf Ihren Fahrten. Wie reagieren jene in der Kirche auf Sie als Priester, der Ultracycling betreibt? 

Nowak: Die Menschen, die mich in meiner Gemeinde kennen oder aus der Gemeinde stammen, freuen sich und gratulieren mir. Ich denke, das ist für sie etwas Positives. Viele sagen, ich sei ein Vorbild. Das sehe oder empfinde ich allerdings nicht so. Ich glaube, es gibt bessere Vorbilder, an denen man sich orientieren kann. Trotzdem freue ich mich über die positive Resonanz und darüber, dass die Menschen sich mit mir freuen. 

Frage: Gibt es auch kritische Stimmen? Also, dass jemand fragt, ob Extremsport überhaupt zu einem Priester passt?  

Nowak: Nein, solche Stimmen habe ich bisher nicht gehört. Niemand hat mir gesagt, dass Extremsport nicht zu einem Priester passt. Ab und zu lese oder höre ich Kommentare von Menschen, die den Sport für gefährlich halten – etwa, weil man sich mit sehr wenig Schlaf im Straßenverkehr bewegt. Ich glaube allerdings, dass diese Menschen nicht wissen, worum es eigentlich beim Ultracycling geht und wie dieser Sport betrieben wird. Wenn man den Sport nicht kennt, kommt man natürlich zu solchen Einschätzungen. 

Pawel Nowak sitzt auf seinem Rad und fährt eine menschenleere Straße entlang.
Bild: ©privat

Auf der anspruchsvollen Strecke hat Pawel Nowak das Gespräch mit Gott geholfen.

Frage: Erreichen Sie über den Extremsport, also über Ultracycling, auch Menschen, die sonst kaum Berührung mit Kirche oder Glauben haben? 

Nowak: Ja, davon bin ich überzeugt. Gemeindemitglieder erzählen mir immer wieder, dass viele Menschen aus der Nachbarschaft oder von der Arbeit meine Fahrten verfolgen und mitfiebern. Viele schauen, wo ich gerade bin, wie schnell ich fahre und wie es mir geht. Das ist vielleicht nicht unmittelbar eine Begegnung mit dem Glauben, mit Gott oder mit der Kirche. Aber die Menschen wissen, dass ich katholischer Priester bin. Vielleicht trägt das irgendwann Früchte. 

Frage: Sie waren im vergangenen Jahr mit dem Rennrad beim Papst und sind von Norddeutschland aus bis nach Rom gefahren. Hat Sie der Segen oder die Begegnung mit Leo XIV. auf Ihren weiteren Fahrten begleitet? 

Nowak: Die Frage ist, in welchem Sinn mich der Segen oder die Begegnung begleitet hat. Ich schaue jedenfalls sehr gern auf das Foto beziehungsweise das Selfie mit Papst Leo XVI. zurück und erinnere mich immer wieder gerne an diesen Moment. Das erfüllt mich bis heute mit Freude. Besonders freue ich mich darüber, auf diese Weise zur Generalaudienz und zur Begegnung mit dem Papst gekommen zu sein. Manche sagen: "Ich war auch bei einer Generalaudienz und habe den Papst getroffen." Dann kann ich antworten: "Du bist mit dem Auto oder dem Flugzeug dorthin gekommen – ich musste drei oder vier Tage auf dem Rennrad kämpfen, um den Papst zu erreichen." 

Frage: Mit Ihrer jetzigen Aktion in den USA haben Sie um Spenden für die Initiative Trauerland gebeten, die sich um Kinder kümmert, die einen nahen Menschen verloren haben. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisherigen Ergebnis? 

Nowak: Wir haben knapp 9.000 Euro gesammelt. Damit bin ich zufrieden, auch wenn wir gemeinsam mit Trauerland ursprünglich 26.000 Euro als Ziel hatten und somit weniger als die Hälfte erreicht haben. Ich denke aber, dass bei dieser Aktion nicht allein die Spendensumme entscheidend ist. Viel wichtiger ist, dass durch meine Fahrt viele Menschen überhaupt erfahren haben, dass es "Trauerland" gibt. Dass sie auf Einrichtungen aufmerksam geworden sind, die Kinder in einer solchen Situation unterstützen, ist bereits ein großer Erfolg. Damit bin ich sehr zufrieden. 

„Während dieser Reise habe ich aber erst richtig erfahren, wie wichtig Disziplin im Leben ist – und was es bedeutet, wirklich konsequent und streng diszipliniert zu sein.“

—  Zitat: Pawel Nowak

Frage: Was reizt Sie mehr – der sportliche Wettkampf oder die Idee, mit dem Sport etwas Gutes zu bewirken? 

Nowak: Letztendlich beides. Mich reizt der sportliche Aspekt ebenso wie das Menschliche. Ich glaube, wir Männer möchten uns auch Herausforderungen stellen und unsere Stärke zeigen. Das ist ein Stück weit wie bei Kindern mit ihren Spielzeugen… Es soll immer weiter oder größer werden. Ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich durch meinen Beruf und weil ich erst relativ spät mit dem Rennradfahren begonnen habe, wahrscheinlich keine großen Rennen gewinnen werde. Aber durch meine Fahrten, durch das Erreichen eines Platzes oder einfach dadurch, dass ich ins Ziel komme, kann ich trotzdem etwas Gutes bewirken. 

Frage: Sie haben gerade schon angedeutet, was diese Fahrt mit Ihnen gemacht hat. Was nehmen Sie persönlich aus dieser Reise durch Amerika mit? 

Nowak: Das ist noch einmal ein anderer Aspekt. Ich habe in den vergangenen Tagen im Fernsehen schon gesagt, dass mich diese Fahrt durch Amerika sehr viel gelehrt hat. Nicht nur sportlich, sondern auch menschlich. Ich dachte vorher, ich sei ein disziplinierter Mensch. Während dieser Reise habe ich aber erst richtig erfahren, wie wichtig Disziplin im Leben ist – und was es bedeutet, wirklich konsequent und streng diszipliniert zu sein.

Von Mario Trifunovic