Wie US-Vizepräsident Vance Papst Leo belehren wollte
Der Ton ist wieder diplomatischer geworden: Nachdem Papst Leo XIV. am Samstag klargestellt hat, dass nicht jede Friedensbotschaft, die er im Rahmen seiner aktuellen Afrikareise geäußert hat, als Kritik am Kurs der US-Regierung interpretiert werden sollte, rüstet auch US-Vizepräsident JD Vance verbal wieder ab.
"Papst Leo predigt das Evangelium, so wie er es sollte, und das bedeutet unweigerlich, dass er seine Meinung zu den moralischen Fragen dieser Tage äußern wird. Der Präsident und die gesamte Regierung arbeiten daran, sich für diese moralischen Prinzipien in einer chaotischen Welt einzusetzen", erklärte Vance am Samstag (Ortszeit) auf Sozialen Medien.
Seine Aussöhnung mit dem Papst garnierte der US-Vize dann noch mit einer Medienkritik: "Während das Narrativ der Medien ständig Konflikte hoch schreibt – und ja, echte Meinungsverschiedenheiten haben stattgefunden und werden stattfinden –, ist die Realität oft sehr viel komplexer." Er wolle den Papst in seine Gebete aufnehmen, "und ich hoffe, dass wir auch in seinen sind".
Vance erklärt "gerechten Krieg"
Die Aussöhnung mit "seinem" Kirchenoberhaupt folgt auf eine umstrittene, wenn nicht gar anmaßende Kritik des konvertierten Katholiken Vance am Papst. Bei einer Podiumsdiskussion vor Aktivisten der rechtskonservativen Lobbygruppe "Turning Point USA" hatte Vance noch vor einigen Tagen dem Papst die Lehre des heiligen Augustinus vom "gerechten Krieg" erklären wollen. Ob dem Vizepräsidenten bewusst war, dass Leo XIV. früher einmal selbst dem Augustiner-Orden vorstand und seine Doktorarbeit über die Ideen des Kirchenvaters aus dem 4. Jahrhundert verfasst hatte, bleibt ungewiss; vielleicht war es ihm in diesem Moment auch egal.
"Wenn der Papst sagt, dass Gott nie auf der Seite derer steht, die das Schwert führen, dann gibt es eine mehr als tausendjährige Tradition der Lehre vom gerechten Krieg", sagte Vance an der University of Georgia. Er verwies auf amerikanische Soldaten, die Frankreich von den Nazis befreit und Gefangene aus den Konzentrationslagern gerettet hätten.
Die Verbalattacke von US-Präsident Donald Trump gegen Papst Leo XIV. beherrschte in den vergangenen Tagen die Schlagzeilen.
Dann mahnte Vance den Papst, "vorsichtig" zu sein, wenn er über "Fragen der Theologie" spreche. Man müsse sicherstellen, dass theologische Aussagen "in der Wahrheit verankert" seien, belehrte der Vizepräsident sein eigenes Kirchenoberhaupt. Das erwarte er "von jedem Kleriker, ob katholisch oder protestantisch".
In den Sozialen Medien machte sofort die Wortneuschöpfung "Popesplaining" die Runde: Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten erklärt dem Bischof von Rom, was theologische Wahrheit sei. Kolumnist Tom Nichols vom Atlantic kommentierte trocken, irgendwo in der Finsternis reibe sich Pontius Pilatus die schmerzenden Schläfen und denke, das habe er schon einmal gehört.
Das war aus Sicht von Vances Kritikern so vermessen wie Donald Trumps beispiellose Breitseiten gegen das Oberhaupt der Kirche, der etwa jeder fünfte Amerikaner angehört. Wie der Präsident und der evangelikale Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, behandelte Vance den in Chicago geborenen Papst als Politiker. Ein Missverständnis, wie die katholischen Bischöfe klarstellten. In einer selten deutlichen Stellungnahme rückte James Massa, der für die Lehre zuständige Ausschussvorsitzende der Bischofskonferenz, die Dinge zurecht.
Bischof: Kein Streit mit Internet-Troll
Keine 24 Stunden nach Vances Auftritt stellte der Bischof klar, dass ein Dissens mit dem Papst kein beliebiger Streit mit irgendeinem Troll im Internet sei. "Wenn Papst Leo XIV. als oberster Hirte der universalen Kirche spricht, äußert er nicht bloß Meinungen zur Theologie, sondern predigt das Evangelium und übt sein Amt als Stellvertreter Christi aus", schrieb der Bischof.
Obschon dieser Konflikt jetzt offenbar zunächst vom Hof geschafft ist – vielleicht auch wegen des Wunsches des Papstes, der sich nun auf seiner Afrikareise wieder auf wesentliche Themen konzentrieren kann –, offenbart sich darin eine Struktur: Die Anmaßung des Katholiken Vance fügt sich ein in eine vorgeblich christliche Maga-Blase, die den Präsidenten auch dann noch verteidigt, wenn dieser ein KI-Bild von sich als Christus verbreitet. Dazu passen auch die diesbezüglichen Einlassungen des konservativen Kommentators Sean Hannity. Dieser warf Leo beim Nachrichtensender Fox vor, "den wahren Sinn der Bibel und ihrer Lehre komplett aus den Augen verloren zu haben".
Macht, Glaube und Eskalation: Trump gegen den Papst
Mit Angriffen auf Papst Leo XIV. und religiös aufgeladenen Auftritten sorgt US-Präsident Donald Trump für eine neue Eskalation. Wie es zu dem Konflikt kam, in dem Macht und Glaube frontal aufeinanderprallen.
Hannity, schon vor Jahren offiziell aus der Kirche ausgetreten, stellte unmissverständlich klar: "Der Präsident liegt richtig, der Papst liegt falsch, auf so vielen Ebenen."
Der katholische Bestsellerautor James Martin erkennt darin einen weiteren Tabubruch, der bei vielen Gläubigen nicht gut ankommt. So ziemlich jeder Katholik, mit dem er gesprochen habe, "war entsetzt", sagte der Jesuit gegenüber dem Radiosender NPR. "Der Papst ist der Repräsentant der gesamten Kirche. Es ist also ein Angriff auf die Kirche."
Umfragewerte eingebrochen
Die Stichhaltigkeit von Martins Analyse zeigt sich auch in den Umfragewerten: Konnte sich der Präsident bei der vergangenen Wahl noch einer mehrheitlichen Unterstützung der US-Katholiken erfreuen, sind diese Werte nun drastisch eingebrochen: um satte 24 Prozentpunkte.
Bei Trump und seinem Umfeld dürfte das wenig zu einer positiveren Sicht auf den ersten US-Amerikaner im Papstamt beitragen. Das nicht genug, landete Leo XIV. nun auch in der viel beachteten Auflistung des Times Magazins der wichtigsten politischen Anführer auf dem Spitzenplatz – deutlich vor dem viertplatzierten US-Präsidenten.
