Piusbruder-Oberer rügt konservative Kardinäle Müller und Sarah

Kalte Dusche von der Piusbruderschaft für die beiden Kardinäle Gerhard Ludwig Müller und Robert Sarah: In einem am Donnerstag veröffentlichten längeren Interview warf der Generalobere, Davide Pagliarani, ihnen vor, Glaubensfragen nicht mit den Anforderungen des Kirchenrechts in Einklang bringen zu können. Zugleich zeigte Pagliarani Verständnis dafür, dass konservative Kritiker des früheren Papstes Franziskus befürchten müssten, durch eine Nähe zur Piusbruderschaft "dämonisiert" zu werden. Über diesen Aspekt hinaus fehle den Kardinälen jedoch die Fähigkeit, die aktuelle kirchenrechtliche Lage angemessen zu bewerten.
Hintergrund der Äußerungen sind die Anfang Februar angekündigten Bischofsweihen der traditionalistischen Gemeinschaft. Nach Darstellung der Bruderschaft soll damit ihr Fortbestand gesichert werden. Von den vier 1988 durch Gründer Erzbischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfen leben noch zwei. Bischofsweihen ohne Zustimmung des Papstes gelten nach katholischem Kirchenrecht als Straftat und ziehen die Exkommunikation der beteiligten Spender und Empfänger nach sich.
Dialogangebot ausgeschlagen
Pagliarani erklärte, der Glaube verlange Bekenntnis, Bewahrung und Weitergabe. Eine Bischofsweihe ohne Zustimmung des Vatikans erscheine nur dann unmöglich, wenn das Kirchenrecht rein wörtlich ausgelegt und die gegenwärtige Lage außer Acht gelassen werde.
Nach jahrelanger Funkstille hatte der Vatikan nach der Ankündigung neuer Weihen die Wiederaufnahme des Dialogs mit der Piusbruderschaft angeboten. Die Gemeinschaft lehnte dies jedoch kurz darauf ab. Pagliarani bezeichnete die Offenheit des Vatikans nun als unerwünscht und verwies dabei auf Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare sowie die Toleranz gegenüber anderen Religionen. "Wir stehen vor einer ideologischen und totalitären Diktatur der Toleranz", sagte er.
Auch den verstorbenen Papst Franziskus und sein Erbe kritisierte Pagliarani als "Desaster". Die Piusbrüder lehnen die meisten Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) ab und beharren auf alten Formen des Gottesdienstes. Ihr gehören weltweit mehr als 700 Priester an, die meisten davon in Nordamerika und in Frankreich. (KNA)