Stumpe: Die AfD und die Kirchen haben inhaltlich nichts gemeinsam
Sachsen-Anhalt und dem Bistum Magdeburg steht ein politisch und kirchlich entscheidender Herbst bevor: Die Landtagswahl am 6. September, bei der die AfD triumphieren könnte, und der erwartete altersbedingte Rücktritt von Bischof Gerhard Feige, der am 19. November 75 Jahre alt wird, werfen schon jetzt ihre Schatten voraus. Ute Stumpe, die neu gewählte Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum Magdeburg, warnt im katholisch.de-Interview vor den Folgen eines möglichen AfD-Erfolgs und blickt zugleich auf die Zukunft des Bistums nach dem Rücktritt Feiges.
Frage: Frau Stumpe, vor Sachsen-Anhalt und dem Bistum Magdeburg liegt ein spannender Herbst: Anfang September wird ein neuer Landtag gewählt, in dem künftig die AfD den Ton angeben könnte. Und Mitte November erreicht Bischof Gerhard Feige die Altersgrenze, was seinen zeitnahen Rücktritt zur Folge haben dürfte. Welches der beiden Ereignisse bereitet Ihnen mehr Kopfzerbrechen?
Stumpe: Wenn ich mich festlegen soll, dann macht mir die Landtagswahl mehr Sorgen. Schließlich hat alles, was politisch in unserem Land passiert, auch Auswirkungen auf das Bistum – möglicherweise sogar auf die dann bevorstehende Wahl eines Nachfolgers für Bischof Feige. Ich frage mich ernsthaft, wer Bischof in einem Bundesland werden möchte, das von der AfD regiert wird.
Frage: Die AfD liegt in Umfragen seit Monaten weit vorn und kratzt an der absoluten Mehrheit. Welche Folgen hätte eine AfD-Alleinregierung für Sachsen-Anhalt?
Stumpe: In meinen Augen wäre das katastrophal. Wir müssten uns in vielen Punkten von unserer demokratischen und vielfältigen Gesellschaft verabschieden. Wenn ich mir das sogenannte Regierungsprogramm der AfD anschaue, geht es dort viel um Abgrenzung, Ausgrenzung und die Relativierung demokratischer Prinzipien. Das steht im klaren Widerspruch zu unserem biblisch-christlichen Menschenbild; als Christen können wir das nicht mittragen. Deshalb gibt es im Bistum die Initiative "Bewusst wählen", und auch der Katholikenrat hat vor Kurzem eine Erklärung zur Landtagswahl verabschiedet, in der wir dazu aufrufen, genau hinzuschauen und eine verantwortungsvolle Wahlentscheidung zu treffen.
Frage: Angesichts der Umfrageergebnisse der AfD in Sachsen-Anhalt muss man davon ausgehen, dass die Partei auch von Katholiken unterstützt wird. Wie gehen Sie damit um?
Stumpe: Natürlich gibt es auch unter Katholiken Menschen, die mit der AfD sympathisieren oder die Partei sogar wählen. Aus meiner Sicht ist eine solche Wahl mit dem christlichen Glauben, wenn man ihn wirklich ernst nimmt, nicht vereinbar.
„Wir sind finanziell in einer extrem schwierigen Lage.“
Frage: Sie haben bereits das sogenannte Regierungsprogramm der AfD angesprochen. Kritiker sprechen mit Blick auf das Programm von einem "Frontalangriff" auf die Kirchen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Stumpe: Das Programm spiegelt wider, was auch sonst gilt: Die AfD und die Kirchen haben inhaltlich eigentlich nichts gemeinsam. Was ich mit Blick auf das Programm aber auffällig finde: In einem früheren Entwurf war noch vorgesehen, die Staatsleistungen an die Kirchen sofort einzustellen. Im nun vorliegenden Programm heißt es jedoch, dass die Staatsleistungen zwar reformiert, in ihrem Volumen aber erhalten bleiben und auch anderen christlichen Kirchen zugutekommen sollen. Das klingt zunächst moderater. Aber es bleibt der grundsätzliche Eindruck: Wenn der AfD nicht gefällt, was die Kirchen mit dem Geld machen, will sie eingreifen. Damit wird aus meiner Sicht nicht nur die Religionsfreiheit berührt, sondern auch das gesamte gewachsene System der Beziehungen von Staat und Kirchen infrage gestellt.
Frage: Welche Folgen hätte eine Reduzierung der Staatsleistungen und – auch das steht im Programm der AfD – eine Einstellung des staatlichen Kirchensteuereinzugs für das Bistum Magdeburg? Das Bistum ist ja schon heute finanziell nicht auf Rosen gebettet ...
Stumpe: "Nicht auf Rosen gebettet" ist noch ziemlich untertrieben. Wir sind finanziell in einer extrem schwierigen Lage. Ohne die Unterstützung aus den westdeutschen Bistümern wären wir schon heute kaum mehr handlungsfähig. Wenn uns von einer AfD-Regierung über die Staatsleistungen oder die Kirchensteuer weitere Mittel gekürzt würden, könnten wir viele Aufgaben – etwa im sozialen Bereich – gar nicht mehr erfüllen.
Frage: Bereiten Sie sich als Katholikenrat auf ein solches Szenario vor?
Stumpe: Nein, jedenfalls nicht detaillierter. Bislang hoffen wir noch, dass es nicht so weit kommt – auch wenn das vielleicht blauäugig ist. Aber natürlich gibt es im Bistum Menschen, die sich intensiv mit möglichen Szenarien nach der Wahl beschäftigen.
Ute Stumpe ist seit April 2026 Vorsitzende des Katholikenrats im Bistum Magdeburg. Der Katholikenrat ist das höchste Laiengremium des Bistums.
Frage: Sie haben schon die Erklärung des Katholikenrates zur Landtagswahl angesprochen. Sagen Sie noch einmal konkret: Was erhoffen Sie sich von den Wählerinnen und Wählern?
Stumpe: Wir wollen die Menschen dazu ermutigen, vor der Wahl genau hinzuschauen. Viele informieren sich lediglich oberflächlich, die wenigsten lesen wirklich die Programme der Parteien. Unser Ziel ist es, wachzurütteln: Wahlen sind kein Selbstläufer. Es ist ein hohes Gut, wählen zu dürfen – und man sollte sich bewusst entscheiden.
Frage: Blicken wir auf Ihr Bistum: Wie schwer wiegt der bevorstehende Abschied von Bischof Feige?
Stumpe: Sehr schwer. Bischof Feige hat in seiner Amtszeit viele Veränderungen angestoßen und gerade in den vergangenen Jahren die Rolle der Laien und das synodale Miteinander im Bistum sehr gestärkt. Jetzt stellt sich die Frage: Wird ein Nachfolger diesen Weg weitergehen – oder an entscheidenden Punkten die Entwicklung wieder zurückdrehen?
Frage: Wenn Sie eine Bilanz der 21-jährigen Amtszeit Feiges ziehen sollten: Wie würde die ausfallen?
Stumpe: Wenn man nur auf die gesunkene und weiter sinkende Zahl der Priester und Gläubigen schauen würde, müsste man von einem Niedergang sprechen. Aber das würde viel zu kurz greifen. Viel entscheidender ist, was Bischof Feige inhaltlich bewirkt hat. Er hat uns Katholiken immer wieder dazu ermutigt, uns als "schöpferische Minderheit" zu sehen und uns entsprechend in das öffentliche Leben einzubringen. Die Christen sind in Sachsen-Anhalt trotz ihrer Minderheitensituation gesellschaftlich stark präsent, sie gestalten mit und vertreten ihren Glauben. Dazu hat Bischof Feige wesentlich beigetragen.
„Mir ist wichtig, dass auch der künftige Bischof ein guter Zuhörer ist, der die Anliegen der Gläubigen ernst nimmt.“
Frage: Sie haben eben indirekt schon die Hoffnung geäußert, dass der nächste Bischof mit Blick auf die Rolle der Laien und das synodale Miteinander den Weg von Bischof Feige fortsetzen wird. Welche weiteren Erwartungen haben Sie an den künftigen Bischof?
Stumpe: Mir ist wichtig, dass auch der künftige Bischof ein guter Zuhörer ist, der die Anliegen der Gläubigen ernst nimmt. Natürlich wäre es schön, wenn jemand aus dem Bistum selbst oder zumindest aus Ostdeutschland hier Bischof werden würde – jemand, der mit den Menschen im Bistum und den neuen Bundesländern eine gemeinsame Geschichte hat und die Situation unserer Kirche aus eigenem Erleben kennt. Sehr wahrscheinlich ist das angesichts der geringen "Personalreserve" aber wohl nicht.
Frage: Das Magdeburger Kathedralkapitel hat bereits angekündigt, die Laien im Bistum an der Suche nach einem neuen Bischof beteiligen zu wollen. Wie bewerten Sie das?
Stumpe: Das ist ein wichtiger Schritt und ein gutes Zeichen für mehr Transparenz und Beteiligung. Es gibt nun erstmals eine Gruppe von acht Personen, die gemeinsam mit dem Kathedralkapitel über die Nachfolge für Bischof Feige berät; auch ein Mitglied unseres Katholikenrates ist dabei. Dass Laien auf diese Weise in den Auswahlprozess für einen neuen Bischof einbezogen werden, ist ein Fortschritt. Der Prozess ist aber gerade erst angelaufen – insofern muss man abwarten, ob und wie sich dieses Verfahren bewährt.
Frage: Haben Sie persönlich schon jemanden im Blick, den Sie sich als künftigen Magdeburger Bischof vorstellen könnten?
Stumpe: Nein – und selbst wenn ich jemanden im Blick hätte, würde ich es Ihnen nicht verraten.
