Ex-Ministerin im Interview

Kramp-Karrenbauer: Segensfeier-Konflikt muss man aushalten

Veröffentlicht am 12.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Anna Mertens und Birgit Wilke (KNA) – Lesedauer: 

Berlin ‐ Die Ex-Bundesministerin und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ist in neuer Position als Stiftungsvorsitzende nach Berlin zurückgekehrt – mit einer Mischung aus Nähe und Distanz zum Politikbetrieb.

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Annegret Kramp-Karrenbauer hatte sich aus der Politik verabschiedet. Und ist fulminant zurückgekehrt. Seit Jahresbeginn ist die 63-jährige CDU-Politikerin Vorsitzende der parteinahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie bringt Erfahrungen als Ministerpräsidentin, Bundesministerin und Parteivorsitzende mit und will, wie sie im Interview sagt, ihrer Leidenschaft nachgehen: politisch arbeiten, in die Tiefe gehen und über den Tellerrand schauen.

Frage: Frau Kramp-Karrenbauer, was sind wichtige Erkenntnisse in Ihrem neuen Amt?

Kramp-Karrenbauer: Beim Wissen um demokratische Grundbegriffe ist vieles nicht mehr so selbstverständlich, wie es zum Beispiel in meiner Generation war. Wir nutzen deshalb digitale, aber auch analoge Formate, um Menschen zu erreichen und zu informieren. Im ländlichen Raum bieten wir etwa "Dorfliebe"-Veranstaltungen an, zu denen wir in Cafés oder die Dorfkneipe einladen, um die Leute niedrigschwellig mit Kommunal- und Landespolitikern ins Gespräch zu bringen. Oder es gibt unsere Demokratiebusse, die sehr nachgefragt werden und vor allem in Orte fahren, wo wenige andere mit Veranstaltungen präsent sind.

Frage: Wie blicken Sie in diesem Zusammenhang auf die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern?

Kramp-Karrenbauer: Die aktuellen Umfragen sind ernüchternd. In beiden Bundesländern liegt die AfD weit vorne. Für mich ist das ein Zeichen tiefer gesellschaftlicher Verunsicherung: Die Lage im Land wird sehr negativ wahrgenommen, das Zutrauen in den Staat ist gering. Und das spiegelt sich in den Zahlen wider. Aufgabe muss es jetzt sein, dieser Verunsicherung positive Emotionen, ja, Mut-Erzählungen entgegenzustellen.

Frage: Die Kirchen haben sich mit Blick auf die AfD klar positioniert...

Kramp-Karrenbauer: ... sehr klar, etwa mit dem Unvereinbarkeitsbeschluss. Jemand, der etwa für die AfD im Landtag sitzt, kann danach nicht eine Position vor Ort in einer Kirchengemeinde haben – so einen Fall hatten wir ja beispielsweise in meinem Heimatbistum Trier. Die Kirche formuliert ihre Position aus dem Evangelium, aus ihrem Glauben heraus. Ein völkischer Nationalismus passt nicht zum christlichen Menschenbild. Mich würde es eher beunruhigen, wenn ich diese Positionierung der Kirche nicht hören würde.

Frage: Wie sehen Sie vor den Wahlen in Ostdeutschland die Neuausrichtung des Bundesförderprogramms "Demokratie leben!", die Familienministerin Karin Prien vornehmen will?

Kramp-Karrenbauer: Ich finde, wir sollten die Debatte nüchterner betrachten: Es ist normal, dass Programme nach einer gewissen Zeit einer Revision unterzogen werden. Das sage ich, obwohl wir als Stiftung selbst betroffen sind und bei uns auch ein Projekt vorerst aus der Förderung fällt.

 Werbe-Tüte der AfD in einer Kirche
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

"Ein völkischer Nationalismus passt nicht zum christlichen Menschenbild", sagt Annegret Kramp-Karrenbauer mit Blick auf die AfD. "Mich würde es eher beunruhigen, wenn ich diese Positionierung der Kirche nicht hören würde."

Frage: Also keine Befürchtungen Ihrerseits?

Kramp-Karrenbauer: Wir werden uns auf Grundlage der neuen Richtlinien für Fördermittel wieder bewerben. Viele Vereine und Verbände vor Ort profitieren derzeit nicht von dem Programm. Umgekehrt müssen größere Institutionen aufpassen, dass sie nicht eine gewisse Arroganz entwickeln – nach dem Motto: Nur wir machen Demokratievermittlung. Was natürlich nicht passieren darf, ist, dass letztlich die AfD profitiert. Die Partei bearbeitet den vorpolitischen Raum und baut dort systematisch Strukturen auf. Aber ich weiß, dass die Ministerin da ein feines Gespür hat.

Frage: Die Demokratie ist in vielen Ländern bedroht, auch in früheren Musterländern. Zunehmend werden sie autoritär regiert. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Auslandsvertretungen?

Kramp-Karrenbauer: Eines unserer erfolgreichsten Programme ist das Rechtsstaatsprogramm. Wer in Lateinamerika Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit hochhält, hat in der Regel dieses Programm bei uns durchlaufen. Das ist ermutigend. Ansonsten ist es in vielen Ländern eine Abwägungssache, unter welchen Bedingungen wir es noch vertreten können, dort zu arbeiten. Aus manchen wurden wir auch schon verwiesen, Russland haben wir direkt nach Beginn des Angriffs auf die Ukraine verlassen.

Frage: Neben der schwierigen politischen Entwicklung in vielen Ländern verschlechtert sich in konfliktreichen Weltregionen die humanitäre Lage. Zugleich ist in Deutschland das Entwicklungsministerium mit am stärksten von Haushaltskürzungen betroffen. Wie sehen Sie das?

Kramp-Karrenbauer: Ich finde es bedenklich, dass Entwicklungszusammenarbeit als etwas gesehen wird, von dem man sich international zurückziehen kann. Motto: Wir machen nur noch national etwas, vielleicht noch ein bisschen Europa, und alles andere ist Geldverschwendung. Der Rechtspopulismus fördert diese Haltung. Den Einsatz von Mitteln zu hinterfragen, ist durchaus berechtigt, aber die Arbeit generell infrage zu stellen, finde ich strategisch falsch. Wir erleben, dass alte Bündnisse unter Druck stehen, und brauchen neue Partnerschaften.

Frage: All diese Themen – Stärkung der Demokratie, Rechtspopulismus, Entwicklungszusammenarbeit – werden auch auf dem Katholikentag in Würzburg eine Rolle spielen. Welchen Impuls erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?

Kramp-Karrenbauer: Das diesjährige Leitwort "Hab Mut, steh auf!" könnte in diesen Zeiten wohl nicht passender sein. Derzeit gibt es zu viele lähmende Angsterzählungen, da brauchen wir Veranstaltungen, die auffordern mutig zu sein. Diesen Mut hat auch Papst Leo bewiesen.

Pfarrer Heinrich Plaßmann steht in der Kirche und trägt eine Stola in den Farben des Regenbogens
Bild: ©picture alliance/dpa | Fabian Strauch (Symbolbild)

"Die Frage von Homosexualität wird in anderen Teilen der Welt komplett anders diskutiert als in Europa", sagt die Katholikin Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Konflikt um die Segnung homosexueller Paare sei insofern nicht verwunderlich. "Man muss ihn ein Stück weit aushalten."

Frage: Sie spielen auf seine Äußerungen gegenüber dem US-Präsidenten Donald Trump an?

Kramp-Karrenbauer: Genau. Den Mut beweist er, und zwar nicht, indem er oberflächliche politische Botschaften aussendet, sondern indem er auf die Kernbotschaft des Evangeliums verweist. Er stellt sich hin und für ihn ist klar, 'dafür bin ich gewählt worden, um genau das zu verkünden'. Und da bleibt er auch von Trumps Äußerungen unbeeindruckt. So einen Mut erhoffe ich mir auch von Würzburg: Wir haben keine Angst vor der Zukunft. Denn wenn es eine Erzählung gibt, bei der das Happy End inkludiert ist, dann das Christentum.

Frage: Ein Thema, das in Würzburg sicher eine Rolle spielen wird, sind die Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare. Da gibt es Unstimmigkeiten zwischen dem Vatikan und deutschen Bistümern. Wie blicken Sie darauf?

Kramp-Karrenbauer: Es ist eine klassische Debatte, in der wir die deutsche Perspektive vertreten und Rom die Weltkirche im Blick hat. Die Frage von Homosexualität wird in anderen Teilen der Welt komplett anders diskutiert als in Europa. Insofern ist dieser Konflikt erstmal nicht verwunderlich. Man muss ihn ein Stück weit aushalten. Es kann die große Stärke der Weltkirche sein: Weltumspannend und trotzdem Raum lassend. Vor Ort erlebe ich, dass solche Segensfeiern gelebte Praxis sind. Wenn einzelne Priester sie nicht befürworten, sollte es die Möglichkeit geben, dass sie woanders stattfinden können. Die derzeitige Debatte sollte in jedem Fall kein Anlass sein, alles wieder zurückzudrehen.

Frage: Sie haben noch vor einem halben Jahr gesagt, dass Sie froh sind, nicht mehr 24/7 im politischen Betrieb zu sein. Wie sehr können Sie sich das in Ihrem neuen Amt bewahren?

Kramp-Karrenbauer: Ich bin in einer sehr glücklichen Situation: Ich kann meiner Leidenschaft nachgehen, politisch zu arbeiten, in die Tiefe zu gehen und über den Tellerrand zu schauen. Zugleich bin ich etwa als Gast im CDU-Bundesvorstand wieder näher am Politikbetrieb – aber es bleibt eine gewisse positive Distanz, wenn man nicht in der unmittelbaren Verantwortung steht. Ich versuche, mich nicht erneut so sehr absorbieren zu lassen – etwa dadurch, dass ich nicht jede Woche in Berlin bin. Für mich war einer der größten Lernprozesse nach meinem Rückzug aus der aktiven Politik: Ich war überrascht, wie schnell selbst ich irritiert war über manche Dinge, die in Berlin diskutiert wurden.

Frage: Brennt es Ihnen nicht unter den Nägeln, gerade jetzt, wo die Umfrageergebnisse für die CDU nicht gut sind, sich wieder einzumischen?

Kramp-Karrenbauer: Mich treibt sicher nicht das Gefühl um, dass ich an einem Zaun rütteln muss, weil ich wieder rein möchte. Aber ich stehe im Austausch mit vielen aktiven Politikern. Und ich bin ansprechbar, wenn jemand denkt, ich kann zu einer Debatte beitragen. Ich möchte aber nicht jemand sein, der vom Rand ständig in das Spielfeld ruft und erklärt, wie man es eigentlich machen müsste.

Von Anna Mertens und Birgit Wilke (KNA)