Der Katholikentag hat wieder seine Mitte gefunden

Katholikentagsbesucher sind treu. Bei der verregneten Auftaktveranstaltung am Mittwoch und beim Eröffnungsgottesdienst am Donnerstagmorgen, bei dem erst zur Kommunion der Regen aufhörte, hörte man häufig Vergleiche: Kalt sei es, wie damals 2014 in Regensburg. Immerhin hört der Regen gelegentlich auf, nicht so wie damals 2002 in Saarbrücken. Und immer noch findet man auf der Kirchenmeile nicht nur einzelne erfahrene Besucher, die mit leuchtenden Augen von Mutter Teresa beim Freiburger Katholikentag berichten – das war 1978.
Es gibt also noch den Kern der Katholikentags-Ultrafans, für die die Traditionsveranstaltung alle zwei Jahre ganz selbstverständlich dazugehört. In einem Restaurant erzählt am Nebentisch ein älteres Ehepaar, dass sie immer schon montags anreisen, um noch die Stadt zu erleben. Und weil im kleinen Würzburg die Hotels während des Katholikentags so teuer sind – 400 Euro mussten die beiden für die Nacht bezahlen –, ist das eben ihr großer Urlaub in diesem Jahr.
Solche Vignetten zeigen, wie wichtig die Katholikentage für die Kirche in Deutschland trotz sinkender Mitgliederzahlen und trotz sinkender Teilnehmerzahlen immer noch ist. Wie viele jetzt in Würzburg waren, ist immer eine Frage kreativer Mathematik: Zählt man die verkauften Tickets, kann man die ohne Tickets aus dem Umland angereisten mitrechnen? Die Veranstalter sprachen am Sonntag von rund 74.000 Besuchern. Damit ist das Katholikentreffen in Würzburg das größte seit 2018. Die Erwartungen seien übertroffen worden, so das ZdK weiter. Neben den gut 23.000 Dauerkarten seien etwa 11.000 Tagestickets verkauft worden. Hinzu gekommen seien rund 40.000 Tagesgäste.
Das kleinere Konzept geht auf
Der Katholikentag in Stuttgart 2022 erweist sich als eine Wende: Zwischen dem großen Erfolg in Münster 2018 und dem Diaspora-Katholikentag in Erfurt 2024, wo 20.000 Teilnehmende die kleine Stadt füllen konnten, wirkte alles in Stuttgart sehr verloren, große Namen aus der Politik blieben aus – das drückte die Stimmung, verbunden mit Zweifeln, wie es mit dem Synodalen Weg weitergeht. Mit Würzburg ist jetzt wieder eine Stadt in einer katholisch geprägten Region zum Zug gekommen. Und obwohl die Ticketverkaufszahlen bestenfalls ein Achtungserfolg waren, wirkte der Katholikentag durch kluge Modifikationen an der hergebrachten Struktur lebendig und am Puls der Zeit – Veränderungen, die schon in Erfurt grundgelegt wurden.
Die Zahl der großen Podien wurde ausgedünnt und damit konzentriert. Viele Veranstaltungen waren kleiner und als partizipative Werkstätten konzipiert, anstatt alles auf große Namen und große Podien zu setzen. Spiritualität war klar ein Schwerpunkt, Gottesdienste und Andachten gehörten zu den beliebtesten Veranstaltungen.
Dieses Konzept ist aufgegangen. Vorbei die peinlich leeren Säle. Die Podien waren fast durchweg gut besucht, einige Podien sogar so überfüllt, dass nicht alle Interessierten zum Zuge kamen. Das traf nicht nur die Podien mit den großen Namen aus der Politik zu – Steinmeier war da, Merz war da –, sondern auch Podien zur Zukunft der Kirche wie das zur Synodalität. Kardinal Mario Grech ist als Generalsekretär der Bischofssynode eine zentrale Figur im Vatikan und für die weltweiten synodalen Prozesse, der Name dürfte aber noch vor allem Insidern bekannt sein. Sein Podium war dennoch voll: Es beschäftigt die Basis eben doch, wie es mit Reformen in Deutschland weitergeht. Die Erwartungen sind hoch: Scheitert die Synodalkonferenz an Rom, wäre das ein deutlicher Dämpfer. Offiziell will man beim Katholikentag das aber nicht als wahrscheinlich sehen.
Der Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Mario Grech, ist vermutlich nur Kirchen-Insidern bekannt. Sein Podium war trotzdem voll. Bei der Abschlussmesse richtete Grech dann Grüße von Papst Leo XIV. aus.
Erfreulich ist auch, dass das Thema der Missbrauchsaufarbeitung mit mehreren Podien präsent war, die auch gut besucht waren. Selbst zum ungünstig am letzten Abend um 19 Uhr platzierten Podium, das der Betroffenenbeirat zur Frage organisiert hatte, ob es nicht mittlerweile eine gefährliche Ermüdung in der Auseinandersetzung mit Missbrauch gebe, kamen über 50 Interessierte, die auch kontrovers mitdiskutierten. In den vergangenen Jahren stellte sich immer wieder die Frage, ob das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sich genügend mit Aufarbeitung auseinandersetzt, ob das Thema beim Katholikentag einen angemessenen Rahmen einnimmt. Mittlerweile scheint eine Form gefunden zu sein, in der das geschieht. Die Anfragen vor allem aus den Essener und Münsteraner Missbrauchsstudien an die Verantwortung der Laien als Mitwisser, die Taten ignorieren und so ermöglichen, hat wohl etwas bewirkt.
Warum keine Dialogpredigt?
Trotz der guten Stimmung gab es auch Misstöne. Auf der Kirchenmeile hörte man bei vielen Verbänden und Gruppen Unzufriedenheit mit dem schleppenden Reformprozess, die Hoffnung ist übersichtlich. Dass der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, beim Abschiedsgottesdienst nicht wie sein Vorgänger eine Dialogpredigt halten wollte, stieß vor allem bei den Frauenorganisationen auf Unverständnis. Dass es kein Grußwort des neuen Papstes zum Katholikentag gab wie in früheren Jahren, war dagegen wohl kein Zeichen römischer Missachtung der Kirche in Deutschland. Ein Versäumnis der Organisatoren hat wohl dazu geführt, dass die Anfrage nach dem Grußwort zu spät in Rom gelandet ist.
Stark waren vor allem die geistlichen Angebote. Gottesdienste und Veranstaltungen wie das Taizé-Gebet waren schnell überfüllt. Kreative Angebote wie ein Heavy-Metal-Gottesdienst oder geistliche Impulse auf der Grundlage des Computerspiels Minecraft kamen ausgesprochen gut an. Lange Schlangen standen vor der Kirche, in der der Queer-Gottesdienst stattfand. Eine gute Stimmung herrschte auf der Kirchenmeile vor allem bei den Ordensständen: Viele davon haben über den Tag verteilt Andachten in der jeweiligen Ordensspiritualität angeboten, und kaum fängt ein Mönch an Psalmen zu singen, kaum holt eine Schwester die Gitarre heraus, war kein Durchkommen durch die engen Gassen zwischen den weißen Zelten mehr: Spiritualität ist gefragt. Respekt verdienen aber auch Orden, die das Thema Missbrauch nicht ausblenden: Am Stand der Oberzeller Franziskanerinnen stellte Schwester Katharina Ganz den Aufarbeitungsprozess ihres Ordens vor – vor einer interessierten Menschentraube.
Der Fokus auf Spiritualität, den sich der gastgebende Würzburger Bischof Franz Jung schon lange vor diesen Tagen im Mai gewünscht hatte, ist aufgegangen. Der Katholikentag ist weiterhin für viele, die daheim von großen und kleinen Kirchenkrisen und immer größeren Pfarreien geplagt sind, und die ehrenamtlich vieles stemmen, wo Hauptamtliche in der Fläche für immer größere Bereiche zuständig sind, eine spirituelle Tankstelle.
Gesellschaftliche Relevanz und Selbstvergewisserung
Zugleich merkte man aber auch, wie der Katholikentag in Zeiten politischer Unsicherheit an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt. Nicht unbedingt durch seine Strahlkraft nach außen. Aber als Debattenort nach innen – und als Ort, wo die sozial engagierten Katholiken sich als überzeugte Demokratinnen und Demokraten angesichts einer wachsenden rechtsextremen Bedrohung gegenseitig stärken können. Dafür stehen vielfrequentierte Orte wie die zur "Demokratiekirche" umfunktionierte zentrale Marienkapelle, aber auch viele Podien, die sich mit den gesellschaftlichen Herausforderungen durch Krisen, Populismus und Extremismus widmeten.
Lange Schlagen bildeten sich etwa vor der Kirche, in der der Queer-Gottesdienst auf dem Katholikentag stattfand.
Ein Podium zu einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr, das der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zusammen mit dem Militärbischofsamt organisiert hat, hätte in friedlicheren Zeiten kaum einen großen Saal gefüllt. Jetzt war die existentielle Bedeutung dieses Thema spürbar; das Publikum war hochkonzentriert, die Anwältin und der Anwalt des Publikums konnten den Fragen aus dem Publikum kaum Herr werden. Trotz der Vermittlung der Fragen über die Publikumsanwälte war zu spüren, dass hier Fragen verhandelt werden, die alle angehen, die brennen, und bei denen sich die Teilnehmer des Katholikentags Orientierung und Austausch erhoffen.
Bei dem Podium war am Ende eine übergroße Mehrheit für Pflichtdienste. Jugendliche Stimmen, die dem kritisch gegenüber standen, waren in der Defensive: Der Katholikentag hat in seiner Teilnehmendenstruktur die älteren deutlich überrepräsentiert, die eben keinen Pflichtdienst mehr leisten müssen. Sorgen von Jugendlichen, dass jetzt wieder über eine neue Pflicht für sie diskutiert wird, während Themen wie die Zukunft der Rente und die Klimakrise von derselben Generation verschleppt wird, die für diese Krisen verantwortlich ist, wurden nicht gehört, der BDKJ-Bundesvorsitzende Volker Andres fast schon ausgebuht, als er auf diese Gemengelage hinwies.
Bei aller Dynamik des Katholikentags: Jünger wurde er nicht. Weiterhin sieht man Gruppen von Ordensleuten durch die Straßen ziehen. Die Gruppen an Jugendlichen scheinen aber deutlich weniger geworden zu sein: Weiterhin sind die Pfadfinder und andere Jugendverbände stark unter den Helfenden vertreten. Aber die Jugendgruppen, die gemeinsam als Teilnehmende kommen, waren kaum wahrzunehmen.
Alles in allem wirkt der Katholikentag nach seiner 104. Veranstaltung auf einem guten Weg. 2028 ist Paderborn Gastgeber – eine sehr kleine Stadt mit großem katholischem Einzugsgebiet. In Ostwestfalen ist die katholische Kirche noch volkskirchlicher als anderswo. Das verspricht einen großen, lebendigen Katholikentag. Die politische Situation wird 2028 absehbar weiterhin schwierig sein, die engagierten Katholiken werden weiterhin ein Forum brauchen, wo sie auftanken können. Nach Schwanengesängen nach Corona und dem Flop von Stuttgart zeigt der Katholikentag seine bleibende Bedeutung – wenn sich denn weiterhin Bistümer finden, die den enormen finanziellen und personellen Aufwand stemmen können, den ein Katholikentag mit sich bringt.