Sellmann zu Priesterausbildung: Mir fehlt weiter etwas Entscheidendes

Vor wenigen Wochen haben die deutschen Bischöfe die neue nationale Rahmenordnung für die Priesterausbildung, die "Ratio nationalis", veröffentlicht. Diese sieht unter anderem eine größere Flexibilität, mehr Beteiligung von Frauen in der Ausbildung und einen stärkeren Fokus auf persönliche Reifungsprozesse vor. Alles sehr wichtige Punkte, betont der Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Er beschäftigt sich seit längerem intensiv mit dem Thema: 2024 haben er und sein Bochumer "Zentrum für angewandte Pastoralforschung" (zap) im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) eine Studie über Herkunft und Motivationslage junger Priester in Deutschland angefertigt. Im Nachgang forderte Sellmann ein Umsteuern in der Priesterausbildung. Ist die neue Ratio dafür eine gute Grundlage – gerade im Blick darauf, was von künftigen Priestern im Berufsalltag verlangt wird? Im katholisch.de-Interview gibt er seine Einschätzung.
Frage: Herr Sellmann, vor genau zwei Jahren haben Sie eine Studie über die Motivation junger Priester veröffentlicht. Damals sagten Sie: "Ich hoffe, dass wir den Priesterberuf nicht musealisieren." Gibt die neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung passende Handlungsempfehlungen, damit das nicht geschieht?
Sellmann: Ich stimme vielem in diesem Text zu und sehe echte Fortschritte. Die Rahmenordnung zeigt eine starke Sensibilität für die Machtposition des Priesters, für die Missbrauchsproblematik, für gemeinsame Ausbildungswege und für die veränderte kirchliche Situation insgesamt. Über weite Strecken ist ein geistlich anspruchsvoller und verantwortungsvoller Text gelungen, der sowohl den Priesteramtskandidaten als auch den Ausbildungsverantwortlichen zentrale Aspekte des Priesterseins sehr gut und umfassend vorstellt.
Frage: Aber?
Sellmann: Mir fehlt weiterhin etwas Entscheidendes. Die Ratio zeichnet vor allem das Bild eines spirituell gefestigten, menschlich reifen, charismatischen "Mannes Gottes". Der Priester als starke Persönlichkeit wird idealisiert, ja, fast gefordert als Ausbildungsziel. Ganze Abschnitte drehen sich um Persönlichkeitsreifung, emotionale Stabilität und spirituelle Vertiefung. Das alles halte ich grundsätzlich für richtig. Die andere Seite des Priesterberufs bleibt aber dabei unterbelichtet.
Frage: Was meinen Sie mit der "anderen Seite"?
Sellmann: Ich stelle dem Ganzen einmal den realen Berufsalltag heutiger Priester gegenüber: Die jetzigen Priesterkandidaten werden große pastorale Räume leiten müssen. Sie gehen so gut wie alle auf eine Pfarrer- oder eine pfarrerähnliche Position zu. Sie werden Teams führen, Gremien moderieren, Gebäude und Finanzen verantworten, Freiwillige koordinieren und komplexe Organisationsprozesse steuern. Sie werden quasi die Verantwortung für ein mittelständisches Unternehmen übernehmen. Sie werden als Manager und Motivierer gefragt sein. Ich halte es für problematisch, wenn man solche Aufgaben fast ausschließlich über das eigene Charisma bewältigen soll.
Der Bochumer Pastoraltheologe und Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (zap), Matthias Sellmann.
Frage: Sie hatten schon nach Ihrer Studie gesagt, dass Ihnen in der Priesterausbildung ein stärkerer Fokus auf diese Aspekte fehlt.
Sellmann: Es scheint auf in der neuen Rahmenordnung (z.B. Nr. 94 bis 96). Aber der Duktus ist weiterhin fast nur auf die reife Persönlichkeit ausgerichtet. Natürlich ist die wünschenswert. Ich mache aber mal bewusst einen Kontrast auf: Das wünsche ich mir auch von einer Chefärztin, einem Rechtsanwalt oder einer Unternehmerin, dass sie reife Persönlichkeiten sind. Die tragen auch viel Verantwortung und müssen über ihre Person wirken. Aber man würde doch sehr staunen, wenn es in der Ausbildung zur Ärztin über lange Passagen hieße, sie soll später vor allem eine reife Persönlichkeit sein. In einer Ausbildungsordnung muss es doch eher um Kompetenzen, Rollen und professionelle Anforderungen gehen.
Frage: Aber ein Priester muss vermutlich mehr als die anderen über seine Person wirken.
Sellmann: Das wäre noch zu klären. Meine Sorge ist: Wenn man das Priesterbild fast ausschließlich darüber definiert, entsteht eine massive menschliche und organisationale Überforderung für die Kandidaten wie auch für die Verantwortlichen in der Ausbildung.
Frage: Wie könnte eine sinnvolle Ergänzung aussehen?
Sellmann: Rollen, Organisationen, formelle Erwartungen und so weiter sind ganz wichtig, weil man damit Personen gerade entlasten kann. Man müsste den jungen Priestern signalisieren: Ihr müsst nicht "übermenschlich" gut sein. Man sollte ihnen in ihrer Ausbildung beibringen, dass sie eben nicht nur über ihre Weihe oder ihren Charakter wirken, sondern zentral auch über ihre Rolle. Es ist in der neuen Ratio viel von Berufung die Rede, aber nur ganz wenig von Beruf. Ich hätte mir zum Beispiel ein eigenes Kapitel wie "Der Priester als Beruf" oder "Der Priester als Leitungsrolle in Kirche und Gesellschaft" gewünscht. Dort hätte beschrieben werden können, was organisatorisch, kommunikativ und strukturell tatsächlich von Priestern erwartet wird.
„Meine Sorge ist: Wenn man das Priesterbild fast ausschließlich darüber definiert, entsteht eine massive menschliche und organisationale Überforderung für die Kandidaten wie auch für die Verantwortlichen in der Ausbildung.“
Frage: Zum Beispiel?
Sellmann: Warum stehen im Text nicht mehr solche Dinge wie Projektmanagement, Gremienleitung, Begleitung von mentalen Wachstumsprozessen, Gesprächsführung oder Freiwilligenmanagement? Das, was ich aufzähle, wird doch in der Berufsrealität verlangt. So würde auch ein verändertes Priesterbild entstehen. Seine Professionalität: Nicht nur, was er ist, sondern auch, was er Wichtiges kann. Das wäre doch gerade eine Aufwertung der Priesterrolle. Priester sind eben nicht nur ideale Menschen, sondern auch funktionierende Rollenträger. Übrigens wäre das auch wichtig als Erwartungsmanagement in und gegenüber den Gemeinden.
Frage: Der Vorsitzende der Regentenkonferenz, Dirk Gärtner, hat jüngst in der "Herder Korrespondenz" kritisiert, es habe eine "Unwucht" in der Darstellung der Ergebnisse Ihrer Studie gegeben. Seminaristen hätten dadurch einen gewissen Vorwurf wahrgenommen, dass Gebet und sakramentales Leben bei jungen Priestern einen zentralen Platz einnähmen – und zwar zuungunsten von Leitungsaufgaben. Das habe für Verunsicherung bei ihnen gesorgt, weil sie sich schlussendlich gefragt hätten, ob sie überhaupt die richtigen für diesen Beruf seien. Können Sie das nachvollziehen?
Sellmann: Der Punkt unserer Studie war nie, Gebet und Liturgie abzuwerten oder das als irgendwie störend zu betrachten. Im Gegenteil: Natürlich sollen Priester spirituell leben und liturgisch verwurzelt sein. Was die Studie aber herausgearbeitet hat: dass die andere Hälfte der priesterlichen Berufsausübung von diesen selbst infrage gestellt wird. Die meisten jungen Priester lehnen etwa den Anspruch ab, eine Führungskraft zu sein. Die meisten lehnen ab, dass sie eine gesellschaftliche Rolle haben. Wenn dann nur noch Gebet und Liturgie übrigbleiben – das irritiert mich. Wenn Priester sich verunsichert fühlen, die ausschließlich persönliches Gebet und feierliche Liturgie als Identitätsanker haben, dann haben sie auch Grund dazu, verunsichert zu sein. Denn das, was faktisch von ihnen verlangt werden wird, ist eben mehr. Ich sage das mal zugespitzt: Wer als Priester seine Rollenanteile verweigert, dessen Motivation droht auszubrennen. Das ist dann im Hinblick auf Priestergesundheit und Arbeitgeberfürsorge ein ganz dringliches Thema. Ich kenne einfach zu viele hoch idealistische Priester, die mit großer spiritueller und liturgischer Motivation gestartet sind – und nach wenigen Jahren völlig desillusioniert waren.
Das Priesteramt sollte stärker im Vok Gottes "verteilt" werden, wünscht sich Matthias Sellmann.
Frage: Ein zentrales Thema in der Kirche ist zurzeit die Synodalität. Wie wird die Ratio dem gerecht?
Sellmann: Der Begriff kommt an sehr zentraler Stelle vor, und zwar in der Einleitung: da ist von einer "synodalen Kultur" die Rede. Offenbar steht die gesamte Priesterausbildung unter dem Ziel, Priester als Ausdrucksgestalten einer synodalen Kirche zu sehen. Das finde ich sehr plausibel. Aber auch das gewinnt, wenn man es organisational ausformuliert. Was bedeutet es denn, Partizipationsprozesse zu organisieren, die Gremienkultur zu verändern, sich nicht permanent als Letztentscheider zu stilisieren? So würde das Priesterbild doch viel klarer. Auch das wäre für die Kandidaten entlastender.
Frage: Die Rahmenordnung betont, dass das Priesteramt heute gesellschaftlich kritisch betrachtet wird. Wie lässt sich unter solchen Bedingungen ein berufungsfreundliches Umfeld schaffen?
Sellmann: Die katholische Kirche ist sakramental verfasst; und das hängt elementar am Priesteramt. Deshalb sollte die Sorge um die Sicherung der sakramentalen Zukunft der Kirche größer sein als die bisherigen Zugangsbeschränkungen zum Priesteramt. Ich bin überzeugt: Wir brauchen mehr persönlich und geistlich reife Menschen, Männer und Frauen, die gut ausgebildet zur Weihe zugelassen werden. Warum nicht auch im Nebenamt, warum nicht auch verheiratet, warum nicht auch in pastoralen Berufen? Dazu gibt es überzeugende pastoraltheologische Vorüberlegungen. Dann würde das Priesterliche viel stärker im Volk Gottes verteilt und zugleich entlastet. Momentan organisieren wir doch die gesamte Pastoral um den Priestermangel herum: Wortgottesdienste, Beerdigungen, Taufen, alles ohne Priester. Genau das wirkt doch auf viele Kandidaten eher so, als würde die Kirche faktisch lernen, ohne Priester auszukommen. Und das würde mich als Priesterkandidat viel mehr irritieren.
Frage: Der Priestertypus, den Sie in Ihrer Studie von vor zwei Jahren beschrieben haben, tut sich aus Ihrer Sicht mit den Aufgaben, die auf ihn zukommen, schwer. Überspitzt gesagt: Andere Nachwuchspriester gibt es aktuell aber nicht. Was also tun?
Sellmann: Dazu machen wir in der Studie ja Vorschläge. Wichtig ist: Der Wald ruft zurück, was man in ihn hineinruft – zum Beispiel durch eine neue Ratio. Natürlich ist es eine Berufung, Priester zu sein. Gerade deswegen sollte man aber auch in der Ausbildungsordnung den Priesterberuf herausarbeiten und diesen stärker von Leitung, Kompetenzen, Ressourcen, Arbeitsfeldern, Teamverantwortung und so weiter her profilieren. Dann gäbe es bestimmt einige junge Menschen, die diese Passagen sehr interessiert lesen würden.