Diakon aus Walldürn: Glaube an das Blutwunder

"Ich glaube fest daran", sagt Karl-Heinz Becker. Für den 79-jährigen Ständigen Diakon gibt es keinen Zweifel, dass das Blutwunder aus Walldürn echt ist. "Meine Mutter hat daran geglaubt, meine Großmutter auch, warum soll ich das nicht tun?", betont der Geistliche aus dem Erzbistum Freiburg. Bis heute kümmert sich der Diakon im Ruhestand um die Wallfahrer und Pilger in Walldürn.
Das eucharistische Wunder, an das er glaubt und das den Ort bis heute prägt, soll sich im Mittelalter, im Jahr 1330, in der katholischen Sankt Georgskirche zugetragen haben. Damals soll der Priester Heinrich Otto nach der Wandlung einen Teil des Weines auf dem Altar verschüttet haben. Das Kelchtuch, das dort lag, färbte sich an einer Stelle "blutigrot und hinterließ eine Abbildung: Jesu Körper am Kreuz umgeben von elf Häuptern mit Dornenkrone", berichtet Becker. Der Priester soll über diese Begebenheit so erschrocken gewesen sein, dass er das Tuch im Altarstein versteckte. Erst vor seinem Tod soll er seinem Beichtvater von dem Ereignis und dem Versteck des Tuches berichtet haben, kann man auf der Internetseite des Wallfahrtsortes nachlesen.
Das Wunder von Walldürn
Später hat Papst Urban IV. dieses Eucharistiewunder bestätigt und den Gläubigen eine Wallfahrt verbunden mit einem Ablass dorthin empfohlen, so der Bericht. Schon 100 Jahre später wurde Walldürn beliebt bei Pilgern. Die Sankt Georgskirche wurde erweitert und vergrößert. Eigene Mirakelbücher, die sämtliche Gebetserhörungen, Wunderheilungen und Geldspenden auflisteten, wurden angefertigt. Bis heute ist Walldürn ein bekannter Wallfahrtsort, bestätigt Becker. In den vier Wochen nach dem Dreifaltigkeitssonntag kämen viele Pilgergruppen aus verschiedenen Orten hierher. Die Blutreliquie, das ist das Kelchtuch von damals, wird in einem kostbaren Silberschrein in der heutigen Basilika aufbewahrt und zur Wallfahrt den Pilgern gezeigt und zugänglich gemacht.
Das Blutwunder von Walldürn: Ein Kelchtuch aus dem Mittelalter, das in einem Altarschrein in der Wallfahrtskirche aufbewahrt wird.
Karl-Heinz Becker, der in Heidelberg geboren ist, kam schon durch seine Mutter, die oft dorthin pilgerte, mit dem Wunder von Walldürn in Berührung. Regelmäßig besuchte er mit ihr den Wallfahrtsort. Gebetsbildchen aus dieser Zeit besitze er bis heute. Später, während seiner Zeit bei der Bundeswehr, kam er erneut nach Walldürn und begeisterte sich wieder für die Wallfahrt. In Folge blieb er in Walldürn wohnen. Als ausgebildeter Werkzeugmacher fand er dann "im größten Betrieb der Stadt" einen Arbeitsplatz und lernte seine Frau "noch als Soldat während der Wallfahrtszeit 1968 kennen". Nach der Heirat wurde er Vater von zwei Kindern. "Das habe ich alles dem Herrgott zu verdanken", so Diakon Becker.
Der Kirche war er immer schon verbunden, wie er feststellt. Einmal habe ihm ein Ordensbruder der Augustiner aus Walldürn dazu geraten, Diakon zu werden, da er sich bereits vielfach diakonisch für andere Menschen einbringe. Das habe ihn dazu motiviert, Diakon mit Zivilberuf zu werden, um den Menschen nahe sein zu können, ihnen zuzuhören. Er war fortan neben seinen Aufgaben im Dienstbetrieb als Seelsorger in der Alten- und Behindertenseelsorge tätig, habe Kindern und Erwachsenen die Taufe gespendet, Paare bei ihrer Hochzeit begleitet und Menschen beerdigt sowie bei Gottesdiensten gepredigt. Außerdem sei er ein wichtiger Ansprechpartner für Familien in der Gemeinde gewesen. "Ich habe das immer gerne gemacht, doch am meisten habe ich mich für die Wallfahrt engagiert", gibt Becker zu.
Menschen treibt Sehnsucht an, hierher zu kommen
Seit 1989 hat er über 30 Jahre Pilgergruppen empfangen und begrüßt, Gottesdienste geleitet und Seelsorgegespräche geführt. Das habe ihm immer viel Kraft gegeben, bestätigt der Diakon. Gemeinsam mit der Gemeinschaft der Franziskaner-Minoriten, die in der Pilgerseelsorge in Walldürn tätig sind, habe er viele Gespräche mit Menschen geführt, vor allem in der Hauptsaison der Wallfahrt. Viele Pilger "gehen von hier glücklich wieder weg", ist Diakon Becker überzeugt. Menschen treibe eine große Sehnsucht an, hierher zu kommen und mit Gott ins Gespräch zu kommen. Manche tragen schwere Schicksale, brauchen Trost und Hoffnung. So erinnert sich der Ständige Diakon an einen Besuch von schwerkranken Menschen in Walldürn. Hinterher kam ein Mann zu ihm, der sich noch gemeinsam mit seiner Frau eine Sonderführung zur Blutreliquie wünschte. Nach dem Gebet bei der Reliquie habe dieser Mann gesagt, dass er sich "innerlich frei fühle". Vielleicht würde dieser "stark durchbetete Raum der Sankt Georgskirche" bei Menschen "solch Gutes bewirken", überlegt der Diakon. Möglicherweise auch bei denen, die nicht an das Wunder von Walldürn glauben.
Die Verehrung der Heilig-Blut-Reliquie in Walldürn. Sogar Papst Leo XIV. hat den Wallfahrtsort schon besucht.
In den Jahren 1949 und 1950 soll die Echtheit des Korporale aus Walldürn zuletzt überprüft und bestätigt worden sein. Dabei wurde festgestellt, dass der Leinenstoff des Kelchtuches aus dem 12. Jahrhundert stamme, weiß Diakon Becker. Die rote Farbe von einst ist zwar nicht mehr zu sehen, nur die Abbildungen konnten durch eine besondere UV-Belichtungsmethode sichtbar gemacht und auf Fotoplatten festgehalten werden. Die Weinkristalle hätten sich in der Darstellung des Corpus Christi und den elf Häuptern mit Dornenkrone abgesetzt, heißt es auf der Internetseite der Walldürner Wallfahrtsgemeinde. Seitdem gab es keine weiteren Untersuchungen des Blutwunders mehr, so Becker. Die müsste dann schon der örtliche und verantwortliche Bischof anordnen, sagt der kirchliche Mitarbeiter der Erzdiözese Freiburg. Für Diakon Becker ist das Blutwunder glaubwürdig, egal was sich im Nachhinein noch feststellen lässt und was nicht. Sogar der heilige Carlo Acutis hätte es in seine Sammlung von Eucharistiewundern aufgenommen, weiß der Kleriker.
Sogar Papst Leo hat 2004 den Wallfahrtsort Walldürn besucht und dort mit den Pilgern an Fronleichnam die Eucharistie gefeiert. Daran erinnert sich Diakon Becker sehr gerne. Damals habe er den Generalprior der Augustiner Prevost durch die Kirche begleitet und seine große Wertschätzung für den "Wunderort" gespürt. "Vielleicht besucht er uns eines Tages wieder", überlegt der 79-jährige Geistliche.
Diakon Karl-Heinz Becker, im Bild hinten rechts, bei einem Wallfahrtsgottesdienst "Zum Heiligen Blut" in Walldürn mit dem Freiburger Erzbischof Stephan Burger.
Seit 2017 ist Diakon Karl-Heinz Becker nun im Ruhestand. Nur ein Jahr später hat er einen Herzinfarkt erlitten. Er hat vier Bypässe bekommen und der Narkosearzt hat beim Aufwachen zu ihm gesagt: "Gott braucht dich noch in dieser Welt und nicht im Himmel", erinnert sich der Geistliche. Das ist wohl wahr, weil der Herrgott ihm immer helfe, davon ist der Diakon überzeugt. Heute ist der 79-Jährige froh, wenn sich andere um die Wallfahrt in Walldürn kümmern. So wie seine Tochter Marion. "Ich will das weiterführen, was meinen Eltern wichtig ist", sagt sie. Schon als Kind war sie bei vielen Wallfahrten als Ministrantin in Walldürn dabei. Bis heute würde es ihr Kraft geben, an dieses besondere "Wunder von Jesus" zu glauben.
In diesem Jahr feiert der Wallfahrtsort Walldürn "400 Jahre Heiligblutaltar". Marion Becker wird mit dabei sein, "weil es mir etwas für mein Leben gibt", unterstreicht die Tochter des Diakons. Wenn sie dann vor dem Reliquienaltar eine Kniebeuge macht, dort, wo sich vor Jahrhunderten das Wunder ereignet haben soll, dann danke sie Gott für jeden Tag in ihrem Leben, sagt die 45-Jährige. "Und wenn jemand nur mit einem Funken Hoffnung, einem neuen Gedanken oder etwas mehr Kraft von dort weggehen kann, dann hat es sich gelohnt, hierher zu kommen", ergänzt ihr Vater. "Gott hat uns in Walldürn bis heute ein Zeichen seiner Liebe hinterlassen", ist sich der Diakon sicher. Das Blutwunder von Walldürn behält er fest in seinem Herzen.