Konsistorium der Kardinäle beginnt: Neue Regelmäßigkeit, neuer Stil?
Papst Leo XIV. hält Wort. Schon zu Beginn seines Pontifikats hatte er angekündigt, künftig regelmäßig das gesamte Kardinalskollegium zum "außerordentlichen Konsistorium" einzuberufen. Nun kommen die Purpurträger aus aller Welt schon zum zweiten Mal in Leos bisher knapp 14-monatiger Amtszeit zu einem solchen Treffen in Rom zusammen, um über wichtige Fragen der Kirche zu beraten. Also genau so, wie es sich die Kardinäle vor dem Konklave vergangenes Jahr gewünscht hatten. Ein neuer Papst sollte das Kardinalskollegium stärker in seine Regierungsarbeit einbinden, hieß es damals in den Gesprächen.
Das erste außerordentliche Konsistorium unter Leo fand Anfang Januar statt, das zweite beginnt an diesem Freitag und erstreckt sich erneut über zwei Tage. Zu Wochenbeginn veröffentlichte der Vatikan das Programm, nachdem dieses bereits vergangene Woche geleakt und auf Internetblogs veröffentlicht wurde. Der Papst will mit den Kardinälen über die aktuelle Weltlage, Künstliche Intelligenz und den Fortgang der Weltsynode sprechen.
Selten in der jüngeren Kirchengeschichte
Ein Konsistorium ist an sich eine Versammlung der Kardinäle unter Vorsitz des Papstes. Das Kirchenrecht unterscheidet zwischen einem ordentlichen und einem außerordentlichen. Der entscheidende Unterschied: Zu einer außerordentlichen Versammlung beruft der Papst alle Kardinäle der Weltkirche ein. An einem ordentlichen Konsistorium nehmen meist nur die in Rom anwesenden Kardinäle teil, häufig zur Durchführung feierlicher Akte wie Heiligsprechungen. Nominell sind zur nun startenden außerordentlichen Versammlung 241 Kardinäle eingeladen, von denen 117 unter 80 Jahre alt sind und somit bei einer Papstwahl stimmberechtigt wären.
Dass es schon ein halbes Jahr nach dem bislang letzten außerordentlichen Konsistorium das nächste gibt, ist deshalb auffällig, weil solche Veranstaltungen in der jüngeren Kirchengeschichte selten waren. Im 27-jährigen Pontifikat von Papst Johannes Paul II. (1978–2005) fanden sechs außerordentliche Konsistorien statt. Benedikt XVI. (2005–2013) hielt offiziell keines ab, berief das Kardinalskollegium jedoch mehrfach zu nicht öffentlichen Sitzungen zusammen, oft parallel zu ordentlichen Konsistorien zur Kardinalserhebung. Unter Papst Franziskus (2013–2025) fand ein außerordentliches Konsistorium statt: 2014 zur Vorbereitung der Familiensynode. Regelmäßig beraten ließ sich das argentinische Kirchenoberhaupt vom durch ihn geschaffenen Kardinalsrat, dem zeitweise auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx angehörte.
Das erste außerordentliche Konsistorium unter Leo fand Anfang Januar statt, das zweite beginnt an diesem Freitag und erstreckt sich erneut über zwei Tage.
Und nicht nur die Quote der außerordentlichen Konsistorien scheint sich unter Papst Leo XIV. zu ändern, sondern auch deren Stil. Anstatt wie früher in einem großen Plenum versammelt zu sein, werden die anwesenden Kardinäle nun für den größten Teil der Beratungen erneut in Gruppen aufgeteilt, und zwar in 20. Sitzen werden sie die meiste Zeit wieder an den runden Tischen in der Audienzhalle. Neun Gruppen setzen sich aus den wahlberechtigten Kardinälen zusammen, die Ortsbischöfe sind, sowie aus den Nuntien und jenen Kardinälen, die ihren aktiven Dienst als Ortsbischöfe schon beendet haben; elf Gruppen umfassen die wahlberechtigten Kardinäle der Römischen Kurie sowie die nicht wahlberechtigten Mitglieder des Kollegiums. Als Methode soll wie zuletzt das bei den Vollversammlungen der Weltsynode erprobte Gespräch im Geist dienen: Diskussionen, Gebeten, Zeiten des Schweigens und Reflexionen.
Freier Austausch vorgesehen
Vier Sitzungen wird es von Freitag bis Samstag geben. In der ersten sollen die Kardinäle unter der Leitfrage "In welcher Welt sind wir berufen, das Evangelium zu verkünden?" diskutieren. Dabei steht im Mittelpunkt, welche Spannungen, Leiden und Fragen derzeit die Völker und kirchlichen Gemeinschaften prägen. Eine weitere Sitzung ist dem Thema "Die Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe" gewidmet. Grundlage der Diskussion soll die kürzlich von Papst Leo XIV. veröffentlichte Enzyklika "Magnifica humanitas" sein. Die Kardinäle sollen darüber sprechen, wie sich Kriege, gesellschaftliche Polarisierung und internationale Spannungen auf das Leben der Kirche auswirken und welche Beiträge Christen zu Frieden und Versöhnung leisten können.
Der zweite Tag stellt unter der Überschrift "Das Gute aufbauen: die Baustellen unserer Zeit" die Frage nach dem Gemeinwohl in den Mittelpunkt. Das Arbeitspapier nennt gesellschaftliche Brüche, die Erwartungen der Menschen an die Kirche sowie mögliche Initiativen der Ortskirchen und der Weltkirche als zentrale Themenfelder. Bei der abschließenden vierten Sitzung sollen sich die Kardinäle mit dem Stand der Umsetzung der Weltsynode befassen. Vorgesehen ist zudem ein freier Austausch zwischen den Mitgliedern des Kardinalskollegiums und dem Papst, der in der gewöhnlichen vatikanischen Synodenaula stattfinden soll. Die einzelnen Wortmeldungen sollen dabei auf drei Minuten begrenzt werden – wie schon im Januar.
Drei Kardinäle nicht dabei
Diese Vorgehensweise samt der synodalen Beratungsmethode in kleineren Gruppen hatte damals nicht allen Kardinälen gefallen. Manche forderten mehr Raum für Einzelreden im Plenum. Der chinesische Kardinal Joseph Zen (94) tat seinen Umnut am lautesten kund und beklagte, die begrenzte Redezeit habe ihn und manche Mitbrüder daran gehindert, frei und offen zu sprechen. Er vermutete sogar, dass das Treffen "von den Handlangern' von Papst Franziskus gekapert wurde". Diese hätten alles dafür getan, die Kardinäle daran zu hindern, ihre Meinung zu äußern. Zen galt während des Pontifikats von Franziskus als einer von dessen schärfsten konservativen Kritikern unter den Kardinälen. Er, so heißt es in verschiedenen Internetblogs, wird diesmal aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen – genauso wie die ebenfalls kirchenpolitisch konservativen Kardinäle Peter Erdö, Erzbischof von Esztergom-Budapest, und Willem Eijk, Erzbischof von Utrecht.
Der chinesische Kardinal Joseph Zen kritisierte die Beratungen beim ersten außerordentlichen Konsistorium unter Papst Leo.
Im Januar stand ursprünglich unter anderem auch das Thema Liturgie auf der Agenda. Dieses wurde jedoch nicht behandelt, weil es bei einer Abstimmung unter den Kardinälen nicht die notwendige Mehrheit erhielt. Manche Beobachter gingen ursprünglich davon aus, dass die Diskussion darüber Teil der Veranstaltung im Juni sein würde. Einige Bischöfe und Kardinäle sehen nämlich positive Signale, dass Leo die von seinem Vorgänger Franziskus eingeführten Restriktionen der Feier der "Alten Messe" wieder zurücknehmen könnte.
Manche Portale spekulieren nun, dass es das Thema wegen der Piusbruderschaft nicht auf die Tagesordnung geschafft hat. Denn die traditionalistische Gemeinschaft plant, kommende Woche vier Männer ohne Zustimmung des Papstes zu Bischöfen zu weihen – was den Konflikt zwischen ihr und Rom vermutlich eskalieren lassen wird. Man wolle in dieser Angelegenheit kein weiteres Öl ins Feuer gießen, heißt es.
Unabhängig von den Ergebnissen der Beratungen wird das Konsistorium als weiterer Gradmesser für den Führungsstil des Papstes gelten. Leo XIV. hat den Kardinälen mehr Mitsprache versprochen und hält bislang an diesem Kurs fest. Die kommenden Tage könnten deutlich machen, inwiefern regelmäßige außerordentliche Konsistorien unter ihm zu einem Instrument der Kirchenleitung werden.
