Gutes Miteinander wichtiger als die Geschlechterfrage

Ordensfrau und Papstberaterin: "Frauen sollen predigen dürfen"

Veröffentlicht am 25.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Rom ‐ Linda Pocher gilt als Expertin für Frauenfragen im Vatikan. Sie kennt die Widerstände dagegen, setzt sich dennoch für ein gutes Miteinander ein. Im Interview mit katholisch.de erklärt sie, wie es vielleicht gehen könnte.

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Liturgie soll Ausdruck des ganzen Volkes Gottes sein, betont Schwester Linda Pocher. Die 46-jährige Theologin und Don-Bosco-Schwester aus Rom wünscht sich, dass Frauen in der Liturgie mehr beteiligt werden. 2022 wurde die italienische Ordensfrau von Papst Franziskus dazu eingeladen, die Sitzungen des Kardinalrates zum Thema Frauen in der Kirche fachlich zu begleiten. Pocher hat dabei Tagungen organisiert und sich für Frauen stark gemacht. Im Interview mit katholisch.de erklärt die Don-Bosco-Schwester, woran es liegen könnte, dass es bis heute noch kein Weiheamt für Frauen in der Kirche gibt.

Frage: Schwester Linda, Frauen wird in der Kirche noch immer die sakramentale Weihe verweigert? Woran liegt das? 

Schwester Linda: Das Weiheamt in der Kirche ist über Jahrhunderte ausschließlich männlich verstanden und theologisch so verfestigt worden. Der Synodale Prozess hat deutlich gemacht, dass viele Männer und Frauen weltweit den Wunsch haben, diese Beschränkung zu überdenken. Ein großer Unterschied zwischen dem Westen und anderen Regionen der Welt ist aber, dass es vielerorts noch dominante patriarchale Strukturen gibt. Das betrifft die Meinungsfreiheit und Autonomie von Frauen. Es kann für eine Frau in Afrika oder Asien deutlich schwerer sein, ihren Wunsch nach einem kirchlichen Amt zu äußern als in unserer Region. Aber in vielen Ländern ist das Bewusstsein gewachsen, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Wenn dieses Bewusstwerden ein Werk des Heiligen Geistes ist, dann ist es der Heilige Geist selbst, der zu solchen theologischen Reformen drängt.

Frage: Manche sagen, dass Jesus ausschließlich Männer zu Aposteln berufen hat und weil er selbst ein Mann war, nur Männern das Weiheamt vorbehalten ist. Was halten Sie von diesen Argumenten?

Schwester Linda: Es ist richtig, dass Jesus zwölf Männer zu seinen Aposteln berufen hat. Aber sein Gefolge war breiter und umfasste neben den Männern auch Frauen, wie die ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Dass er zwölf Männer auserwählt hat, hat mehr eine symbolische und heilsgeschichtliche Bedeutung. Daher halten es heute viele Theologinnen und Theologen nicht mehr für zwingend normativ. Es geht um ihre Gaben und die Berufung aller Getauften, Männer wie Frauen.

Frage: Meinen Sie, dass Frauen Liturgie besser feiern könnten als Männer?

Schwester Linda: Es geht hier nicht um ein Besser oder Schlechter, sondern um ein gutes Miteinander von Männern und Frauen. Das Gemeinsame übersteigt jede Geschlechterfrage. Gemeinsam machen sie eine liturgische Feier vollständiger und näher am Reich Gottes. Der Beitrag von Frauen, ihre Präsenz, ihre Begabungen, ihre Sensibilität und Charismen bereichern Gottesdienste ebenso. Ansonsten wären ihre Gaben ungenutzt.

Frage: Heißt das nicht, dass in der Liturgie die Stimme und Sprache der Frauen schon viel zu lange fehlen?

Schwester Linda: Die Liturgie soll Ausdruck des ganzen Volk Gottes sein. Wenn Erfahrungen und Stimmen von Männern und Frauen darin nicht im gleichen Maße vertreten sind, dann fehlt eine wesentliche Dimension im kirchlichen Leben. Es ist daher notwendig, Frauen mehr zu beteiligen - etwa bei der Predigt, die an sich keinen Zugang zur Weihe voraussetzen würde. Also Frauen sollen predigen dürfen in einem Gottesdienst. Es geht aber genauso um eine geschlechtergerechtere Auswahl von Texten für Lesungen im Gottesdienst, die allzu oft männliche Protagonisten bevorzugen und die weiblichen aussparen.

Hier halten fünf Theologie-Studierende ein Plakat mit der Aufschrift "Mein Gott diskriminiert nicht" in der Hand.
Bild: ©Instagram/meingottdiskriminiertnicht

Theologinnen, die sich der Initiative "Mein Gott diskriminiert nicht – meine Kirche schon" angeschlossen haben.

Frage: Schon in der frühen Kirche gab es Diakoninnen. Weshalb ist es heute so schwer, dieses Amt für Frauen in der Kirche wieder zuzulassen?  
Schwester Linda: Es gab schon in der Antike Frauen, die als Diakoninnen tätig waren und sich um andere Frauen kümmerten. Die Gesellschaft war damals von den Geschlechtern sehr komplementär geprägt. Das ist heute anders. Heute wäre das Amt einer Diakonin anders geprägt. Die Gesellschaft insgesamt hat sich verändert. Heute können Männer und Frauen ihre Rollen tauschen und voneinander lernen. Persönliche Charismen werden wichtiger. Sie sind wichtiger als Geschlechterunterschiede. Doch gerade diese Gleichheit und dieser Austausch fordern festgefahrene kirchliche Gewohnheiten heraus. Daher reicht es nicht aus, sich auf die Vergangenheit zu berufen, um das Amt des Diakonats für Frauen erneut einzuführen.  
Frage: Was würde sich verändern, wenn Frauen in der katholischen Kirche genauso selbstverständlich Priesterinnen oder Diakoninnen sein könnten – wie etwa in der evangelischen Kirche? 
Schwester Linda: Ich denke, das Bild der Kirche und des geweihten Amtes würde sich verändern und vollständiger werden. Wenn Frauen Diakoninnen oder Priesterinnen wären, dann würde deutlicher werden, dass ihr Auftrag dazu nicht wegen ihres Geschlechts, sondern aus ihrer Taufe und aus der Berufung Gottes herkommt. Viele Kirchengemeinden würden pastorale Dienste anerkennen, die Frauen bereits vielerorts schon ausüben. Die Zulassung von Frauen zu den sakramentalen Ämtern erfordert dennoch eine radikalere Reform: Ohne ein strukturelles Umdenken würde man nach anfänglicher Begeisterung auf die gleichen Probleme stoßen wie bisher, etwa den Mangel an Berufungen.   
Frage: In der Kirche gibt es immer weniger Priester. Wenn der Papst Frauen weihen würde, wäre der Priestermangel dann vorbei?  
Schwester Linda: Nein, das glaube ich nicht. Die Weihe von Frauen würde das Problem des Priestermangels nicht automatisch lösen. Denn die Frage ist komplexer und betrifft die Berufung der Einzelnen und das Leben der Kirche als Ganzes. Wir brauchen nämlich in erster Linie Menschen, die sich dazu berufen fühlen in der Kirche zu arbeiten. Was die Frauenfrage betrifft, gilt es auch die Reaktion der Gegner zu berücksichtigen, die gegen eine Weihe von Frauen sind. Ich denke da an die anglikanische Kirche, als einige nach der ersten Frauenweihe aus Protest ihren Dienst aufgegeben haben oder aus der Kirche ausgetreten sind. Und es gibt im gesamten katholischen Raum Frauen, die der Weihe von anderen Frauen ablehnend gegenüberstehen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dennoch wäre es ein wichtiger Schritt, Frauen zu weihen, denn damit würde ihr Dienst endlich voll anerkannt, ihre Gaben wertgeschätzt und damit die Beteiligung der Gemeinden gestärkt. Es wäre ein wichtiger Schritt, aber keine schnelle Lösung für das Problem des Priestermangels. 
Bild: ©Gabriele Greef

Das "Netzwerk Diakonat der Frau" hat bereits drei Mal in Waldbreitbach eine Fortbildung zum Thema "Diakonische Leitungsdienste für Frauen in der Kirche" angeboten. Hier Teilnehmende des dritten Diakonatskreises 2023.

Schwester Linda: Darauf habe ich keine Antwort. Sein Vorgänger im Amt, Papst Franziskus, stand der Weihe von Frauen nicht ablehnend gegenüber. Papst Leo hat zwar erklärt, dass er im Sinne seines Vorgängers im Amt fortfahren möchte, aber bislang hat er sich vorsichtig dazu geäußert. Ich halte aber seine Entscheidung, die Abschlussergebnisse der Studienkommission zum Frauendiakonat zu veröffentlichen, für ein starkes Zeichen. Auch wenn der Inhalt des Dokuments enttäuschend ist, zeigt die vollständige und unkommentierte Offenlegung doch seinen Willen zu Transparenz sowie Fortführung von Forschung und Dialog. Das werte ich als vielversprechendes und positives Zeichen.  
Frage: Sie beschäftigen sich an der Marianischen Akademie in Rom mit der Gottesmutter Maria. Denken Sie, dass das Bild der demütigen Magd und Jungfrau, die ein Kind geboren hat, dazu beigetragen hat, Frauen klein zu halten? 
Schwester Linda: Das Bild Marias hat die kirchliche Kultur und die Wahrnehmung von Frauen tief geprägt. Ihre Demut und Jungfräulichkeit wurden manchmal als Modell der Unterordnung interpretiert. Gleichzeitig wird Maria in der Heiligen Schrift als freie und mutige Frau dargestellt, die an der Mission Gottes teilhat: Sie ist ein Beispiel für Würde, Verantwortung und aktive Teilhabe, die dazu einladen möchte, die Rolle von Frauen in der Kirche neu zu überdenken. 
Frage: Wünschen Sie sich also ein kirchliches Weiheamt für Frauen?  
Schwester Linda: Ich wünsche mir zuerst eine Kirche, die synodal ist und auf dem Weg bleibt und sich gleichzeitig ständig reformiert. Weiheämter für Frauen können ein wichtiger Schritt sein, um die aktive Teilhabe aller Gläubigen sichtbar zu machen, deren Charismen und Verantwortung zu stärken. Wenn wir es schaffen, so auf dem Weg weiterzugehen und die kirchliche Gemeinschaft im Respekt vor den Meinungen anderer nicht zerrissen wird, könnten wir prophetisch für andere sein. 
Von Madeleine Spendier

Zur Person

Schwester Linda Pocher (46) ist Don Bosco Schwester und Theologin in Rom. Von 2023 bis 2024 koordinierte sie im Auftrag von Papst Franziskus eine vierteilige Vortragsreihe für den Kardinalsrat zum Thema Frau in der Kirche. Diese wurde in vier Bänden unter dem Titel "Die Kirche ent-männlichen?" veröffentlicht. Derzeit lehrt Schwester Linda Christologie und Mariologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften in Rom. Sie ist außerdem Beratendes Mitglied an der Internationalen Marianischen Päpstlichen Akademie in Rom zur Koordination von Fragen zur Mariologie.