Ordensfrau und Papstberaterin: "Frauen sollen predigen dürfen"
Liturgie soll Ausdruck des ganzen Volkes Gottes sein, betont Schwester Linda Pocher. Die 46-jährige Theologin und Don-Bosco-Schwester aus Rom wünscht sich, dass Frauen in der Liturgie mehr beteiligt werden. 2022 wurde die italienische Ordensfrau von Papst Franziskus dazu eingeladen, die Sitzungen des Kardinalrates zum Thema Frauen in der Kirche fachlich zu begleiten. Pocher hat dabei Tagungen organisiert und sich für Frauen stark gemacht. Im Interview mit katholisch.de erklärt die Don-Bosco-Schwester, woran es liegen könnte, dass es bis heute noch kein Weiheamt für Frauen in der Kirche gibt.
Frage: Schwester Linda, Frauen wird in der Kirche noch immer die sakramentale Weihe verweigert? Woran liegt das?
Schwester Linda: Das Weiheamt in der Kirche ist über Jahrhunderte ausschließlich männlich verstanden und theologisch so verfestigt worden. Der Synodale Prozess hat deutlich gemacht, dass viele Männer und Frauen weltweit den Wunsch haben, diese Beschränkung zu überdenken. Ein großer Unterschied zwischen dem Westen und anderen Regionen der Welt ist aber, dass es vielerorts noch dominante patriarchale Strukturen gibt. Das betrifft die Meinungsfreiheit und Autonomie von Frauen. Es kann für eine Frau in Afrika oder Asien deutlich schwerer sein, ihren Wunsch nach einem kirchlichen Amt zu äußern als in unserer Region. Aber in vielen Ländern ist das Bewusstsein gewachsen, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Wenn dieses Bewusstwerden ein Werk des Heiligen Geistes ist, dann ist es der Heilige Geist selbst, der zu solchen theologischen Reformen drängt.
Frage: Manche sagen, dass Jesus ausschließlich Männer zu Aposteln berufen hat und weil er selbst ein Mann war, nur Männern das Weiheamt vorbehalten ist. Was halten Sie von diesen Argumenten?
Schwester Linda: Es ist richtig, dass Jesus zwölf Männer zu seinen Aposteln berufen hat. Aber sein Gefolge war breiter und umfasste neben den Männern auch Frauen, wie die ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Dass er zwölf Männer auserwählt hat, hat mehr eine symbolische und heilsgeschichtliche Bedeutung. Daher halten es heute viele Theologinnen und Theologen nicht mehr für zwingend normativ. Es geht um ihre Gaben und die Berufung aller Getauften, Männer wie Frauen.
Frage: Meinen Sie, dass Frauen Liturgie besser feiern könnten als Männer?
Schwester Linda: Es geht hier nicht um ein Besser oder Schlechter, sondern um ein gutes Miteinander von Männern und Frauen. Das Gemeinsame übersteigt jede Geschlechterfrage. Gemeinsam machen sie eine liturgische Feier vollständiger und näher am Reich Gottes. Der Beitrag von Frauen, ihre Präsenz, ihre Begabungen, ihre Sensibilität und Charismen bereichern Gottesdienste ebenso. Ansonsten wären ihre Gaben ungenutzt.
Frage: Heißt das nicht, dass in der Liturgie die Stimme und Sprache der Frauen schon viel zu lange fehlen?
Schwester Linda: Die Liturgie soll Ausdruck des ganzen Volk Gottes sein. Wenn Erfahrungen und Stimmen von Männern und Frauen darin nicht im gleichen Maße vertreten sind, dann fehlt eine wesentliche Dimension im kirchlichen Leben. Es ist daher notwendig, Frauen mehr zu beteiligen - etwa bei der Predigt, die an sich keinen Zugang zur Weihe voraussetzen würde. Also Frauen sollen predigen dürfen in einem Gottesdienst. Es geht aber genauso um eine geschlechtergerechtere Auswahl von Texten für Lesungen im Gottesdienst, die allzu oft männliche Protagonisten bevorzugen und die weiblichen aussparen.
Theologinnen, die sich der Initiative "Mein Gott diskriminiert nicht – meine Kirche schon" angeschlossen haben.
Das "Netzwerk Diakonat der Frau" hat bereits drei Mal in Waldbreitbach eine Fortbildung zum Thema "Diakonische Leitungsdienste für Frauen in der Kirche" angeboten. Hier Teilnehmende des dritten Diakonatskreises 2023.
Zur Person
Schwester Linda Pocher (46) ist Don Bosco Schwester und Theologin in Rom. Von 2023 bis 2024 koordinierte sie im Auftrag von Papst Franziskus eine vierteilige Vortragsreihe für den Kardinalsrat zum Thema Frau in der Kirche. Diese wurde in vier Bänden unter dem Titel "Die Kirche ent-männlichen?" veröffentlicht. Derzeit lehrt Schwester Linda Christologie und Mariologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften in Rom. Sie ist außerdem Beratendes Mitglied an der Internationalen Marianischen Päpstlichen Akademie in Rom zur Koordination von Fragen zur Mariologie.
