Warum gibt es Unterschiede bei den Erzählungen über Jesus?

Entstehung der Evangelien: Die Synoptiker

Veröffentlicht am 10.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Daniel Markus Wowra – Lesedauer: 

Bonn ‐ Unterschiede zwischen den Evangelien: Lügt die Bibel? Neutestamentler Daniel Wowra erklärt, was die synoptischen Evangelien sind und warum es Widersprüche bei den Erzählungen zum Leben Jesu gibt.

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"So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf…" heißt es bei Markus 1,4. Aber Moment! Wieso fängt das Evangelium da an? Fehlt da nicht die Krippe, der Stall, drei Heilige Könige? Wer aufmerksam die Bibel liest, merkt:

Viermal wird ähnlich, an manchen Stellen gleich, an manchen Stellen ganz unterschiedlich vom Leben Jesu erzählt. "Dieselbe" Geschichte in vier unterschiedlichen Fassungen. Von der Taufe Jesu durch Johannes etwa erzählen alle vier Evangelien. Aber auch hier gibt es Unterschiede. Wie kam es dazu?

Krippe Weihnachten
Bild: ©AdobeStock/Romolo Tavani (Symbolbild)

Wo sind Stall, Krippe und die Könige im Johannesevangelium? Wie kam es zu solchen unterschieden?

Die Evangelien sind das Produkt einer langen Überlieferungsgeschichte. Menschen, die von Jesus begeistert waren, und auch nach seinem Tod noch zusammengeblieben sind, seine Auferstehung erfahren und geglaubt haben, haben Geschichten von ihm erzählt: Erst in seiner Muttersprache Aramäisch, dann in der damaligen "Weltsprache" Griechisch. Irgendwann fing man an, diese einzelnen Geschichten aufzuschreiben, sie vielleicht schon zu kleinen Sammlungen zusammenzufassen.

Die – uns unbekannte Jesusanhänger – haben diese Geschichten später gesammelt. Sie haben entschieden, welche Geschichten sie für eine zusammenhängende Story des Lebens Jesu übernehmen, wie sie sie (um)formulieren, wie sie sie anordnen, welche Schwerpunkte sie setzen. Leider wissen wir heute nur wenig über ihre Quellen.

Drei Evangelien ähneln sich sehr: Matthäus, Markus und Lukas. Viele der bekanntesten Jesus-Geschichten sind in diesen drei Evangelien (oder zumindest in zwei von ihnen) zu finden: Jesus stillt einen Sturm; Jesus heilt einen Gelähmten, der durch ein Loch im Dach heruntergelassen wird; ein reicher Mann fragt Jesus, wie man das ewige Leben erlangt; das Gleichnis vom Senfkorn.

„Matthäus und Lukas arbeiten nach typisch antiker Gepflogenheit: Sie schreiben einfach ab.“

Irgendwie müssen diese drei Evangelien in ihrem Textbestand zumindest teilweise voneinander abhängig sein. Deshalb werden sie die "synoptischen Evangelien" – oder kurz: "die Synoptiker" – genannt. Im Griechischen heißt syn-opsis "Zusammen-Schau".

Aber wie haben die drei Evangelisten, die sich vermutlich nicht kannten, "zusammen" auf die Geschichten "geschaut"? Eine mögliche und aktuell beliebte Erklärung ist die "Zwei-Quellen-Theorie".

Sie nimmt an, dass das Markusevangelium das älteste der Evangelien ist. Es ist wahrscheinlich um das Jahr 70 n. Chr., also etwa 40 Jahre nach Jesu Tod, entstanden. Wo es geschrieben wurde, ist in der Forschung umstritten. Viele Forscher gehen von Rom als Abfassungsort aus, andere halten z. B. Syrien für wahrscheinlicher. Wo auch immer es geschrieben wurde – von dort hat es sich anscheinend schnell verbreitet.

Schon ca. ein bis zwei Jahrzehnte später nutzen Matthäus und Lukas das Markusevangelium als Grundlage. Beide arbeiten nach typisch antiker Gepflogenheit: Sie schreiben einfach ab.

Quellentheorie Markus
Bild: ©Montage katholisch.de Anika Saxena/Audrey McClain's Images/nova patriot/Musara by Canva

Einfach abgeschrieben? Nicht nur, doch die Evangelisten Matthäus und Lukas haben sich vermutlich auch am Markusevangelium bedient.

Und damit nicht genug. Schaut man genauer auf das Matthäus- und das Lukasevangelium, dann merkt man: Viele ihrer Texte ähneln sich stark, ohne aus Markus zu stammen (z. B. die Seligpreisungen). Scheinbar hatten sie noch eine weitere gemeinsame Quelle, die sie für ihre Evangelien verwertet haben. Diese ist wohl schon früh verloren gegangen. Forschende können sie nur noch anhand des Matthäus- und Lukasevangeliums rekonstruieren. Weil diese Quelle vor allem Reden und Sprüche Jesu enthält, nennt man sie auch "Spruchquelle".

Matthäus und Lukas geben ihre Quellen nicht an und immer wieder verändern sie auch den Text des Markusevangeliums Sie greifen ein und verändern den Text, um die Erzählungen an ihre Theologie und das, was sie ihren Leserinnen und Lesern vermitteln wollen, anzupassen.

Quellentheorie Markus, Logienquelle Q und Sondergut
Bild: ©Montage katholisch.de Sabelskaia/Fusion Books/Anika Saxena/Audrey McClain's Images/nova patriot/Musara by Canva

Matthäus und Lukas greifen ein und verändern den Text. Dabei beziehen sie sich auch auf weitere Quellen.

Die frühe Kirche hat scheinbar erkannt, dass die drei synoptischen Evangelien und auch das Johannesevangelium allesamt wichtige Wahrheiten für Christinnen und Christen ihrer Zeit und aller Zeit vermitteln. Die Kirche hat sich nicht für ein einziges Evangelium entschieden, das die Jesus-Story in ihrer Fülle darstellt. Sie wusste, dass das nicht geht, sondern dass man Jesus nur als ein vielschichtiges Bild zeichnen kann. Daher hat sie es gewagt, vier ähnliche und doch so unterschiedliche, teils widersprüchliche Jesuserzählungen für richtig und wahr zu erklären.

Die Aufgabe der Kirche von heute, der Christinnen und Christen im Jahr 2026, ist es, diese Vielschichtigkeit mit all ihren Spannungen und Widersprüchen auszuhalten – und heute die theologischen "Wahrheiten" hinter der historischen Realität, die wir letztlich nicht kennen, immer wieder neu zu entdecken.

Ein ergänzendes Beispiel für ein tieferes Verständnis:

Die Taufe Jesu.

Jesus lässt sich von Johannes im Jordan taufen. Nach der Taufe kommt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab und Gott nennt Jesus seinen geliebten Sohn. So weit, so gut. Wo soll es da schon Unterschiede geben? Schauen wir in die Texte (dabei versuche ich, eine möglichst wörtliche Übersetzung anzugeben, damit die Nuancen der einzelnen Evangelien deutlicher zutage treten):

Markus schreibt:

"Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von Nazaret in Galiläa kam und im Jordan von Johannes getauft wurde. Und sofort, als er aus dem Wasser aufstieg, sah er den Himmel aufspalten und den Geist wie eine Taube in ihn herabsteigen. Und eine Stimme erscholl aus dem Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." (Mk 1,9–11)

Die Taufe selbst wird nur erwähnt, besonders wichtig ist das Geschehen danach. Jesus – er allein, nicht die Umstehenden, auch nicht Johannes der Täufer – sieht, dass der Himmel sich spaltet und dass der Geist wie eine Taube auf ihn herabkommt. Aber wer hört die himmlische Stimme?

Weil auch vorher nur Jesus sieht, legt das "Du" der Anrede nahe, dass auch das nur Jesus hört. Gott spricht ihn in einem fast schon intimen Moment an, kein anderer ist beteiligt. Fast keiner: Denn die Leserinnen und Leser bekommen es mit! Dank des Markusevangeliums fühlen sie sich – trotz ihrer zeitlichen und örtlichen Entfernung vom Geschehen – mitten dabei.

Matthäus schreibt:

"Dann kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um von ihm getauft zu werden. Johannes aber hinderte ihn und sagte: Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sagte zu ihm: Lass es jetzt zu; denn so ist es angemessen für uns, um jede Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er ihn. Nachdem er aber getauft worden war, stieg Jesus sofort auf vom Wasser. Und siehe, es wurde (ihm) der Himmel geöffnet, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel, die sagte: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe." (Mt 3,13–17)

Matthäus überarbeitet die Geschichte stark! Für ihn (und seine Gemeinde?) scheint besonders wichtig zu sein, zu erklären, warum Jesus sich überhaupt taufen lässt. Denn Jesus ist doch der Gottessohn. Dass er zur Johannestaufe geht, zu der auch noch das Sündenbekenntnis gehört, passt nicht ins Bild. Matthäus stellt sich dem Problem, indem er Gespräch zwischen Jesus und Johannes dem Täufer einfügt, der sich erst weigert, Jesus zu taufen. Jesus besteht mit dem Verweis auf „jede Gerechtigkeit“ darauf.

Noch ein weiterer Teil dieser kurzen Geschichte wird etwas anders erzählt als bei Markus: Zwar sieht nur Jesus den Geist Gottes wie eine Taube herabsteigen, aber die Stimme ist klar an die Umstehenden gerichtet; es heißt ja: Dieser ist mein geliebter Sohn. Aber: Wer sieht eigentlich den Himmel offen? Das schreibt Matthäus nicht so klar.

Lukas schreibt:

"Es geschah aber, als das ganze Volk getauft wurde und auch Jesus getauft wurde und betete, dass der Himmel geöffnet wurde und der Heilige Geist in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herabkam und eine Stimme aus dem Himmel erscholl: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden." (Lk 3,21–22)

Wie verändert Lukas die Markus-Vorlage? Erstens: Lukas fügt „das ganze Volk“ in die Geschichte hinzu. Alle sind dabei, als Jesus getauft wurde! Und Jesus betet, das tut er bei Markus nicht. Die bedeutendste Änderung ist aber, dass bei Lukas jeder Zeuge dessen wird, dass sich der Himmel öffnet und der Heilige Geist in leiblicher Gestalt (also nicht nur zum Sehen, sondern sogar fast zum Anfassen) auf Jesus herabkommt.

Auch wenn die Stimme hier „Du“ sagt, spricht nichts dafür, dass nur Jesus die Stimme hört. Nach der öffentlichen Öffnung des Himmels und nach dem öffentlichen Herabkommen des Heiligen Geistes folgt die öffentliche Anrede Gottes an Jesus, seinen geliebten Sohn.

Warum diese verschiedenen Akzentuierungen?

Über die genauen Gründe kann man nur spekulieren. Was können wir aber durch die reine Beobachtung ausmachen? Die Vision Jesu und seine ganz private Ansprache durch Gott im Markusevangelium, die sonst niemand – außer den Leserinnen und Lesern – mitbekommt, werden im Laufe der Zeit immer öffentlicher erzählt. Bei Matthäus bleibt zwar die "private" Vision Jesu, aber die Stimme richtet sich an alle; bei Lukas wird beides als öffentlich-objektives Geschehen dargestellt. Matthäus schneidet noch ein ganz anderes Problem an, das ihn (und seine Gemeinde) umtreibt: Warum geht der Gottessohn überhaupt zur Taufe?

Und: Ist Ihnen noch etwas aufgefallen? Matthäus und Lukas haben zwei Gemeinsamkeiten gegenüber der Markusvorlage. Während sich bei Markus der Himmel spaltet, öffnet er sich bei Lukas und Matthäus. Und: Während der Geist bei Markus ausdrücklich in Jesus herabkommt, kommt er bei Matthäus und Lukas auf Jesus herab. Vielleicht nutzen hier ja beide auch ihre zweite gemeinsame Quelle…?

Was nehmen wir mit aus diesem kleinen und nicht erschöpfend behandelten Vergleich der Erzählung von der Taufe Jesu bei den drei Synoptikern?

Mosaik der Taufe des Herrn in Medjugorje
Bild: ©stock.adobe.com/Adam Ján Figeľ

Die Evangelien haben nicht nur Schwerpunkte, sie widersprechen sich teilweise. Warum?

Erstens, dass jeder der Evangelisten eigene erzählerische Schwerpunkte hat: Bei Markus die Intimität zwischen Gott und Jesus, bei Matthäus die Frage, warum sich Jesus überhaupt taufen lässt, bei Lukas die große Öffentlichkeit. Zweitens und meines Erachtens bedeutender ist, dass die Evangelien nicht nur Schwerpunkte haben, Es können nicht alle drei Geschichten jeweils so passiert sein, wie sie da stehen: entweder Jesus hatte damals eine Vision oder alle Umstehenden haben es gesehen; entweder Gott hat "Du" oder "Dieser" gesagt. Lügen uns deswegen die einen oder die anderen Evangelien an? Wurden sie schlecht recherchiert?

Nein. Sie sagen mithilfe ihrer Erzählungen verschiedene theologische Wahrheiten aus. Ja, das Verhältnis zwischen Jesus und Gott ist ein ganz intimes und vielleicht auch verborgenes (Markus). Ja, dass Jesus von Johannes im Jordan getauft wurde, war nötig, denn es geht um die Erfüllung des göttlichen Willens (Matthäus). Und: Ja, dass Jesus der geliebte Sohn Gottes ist, an dem Gott Gefallen gefunden hat, ist etwas öffentlich-objektives, es geht alle an (Lukas, teilweise Matthäus).

Von Daniel Markus Wowra

Der Autor

Daniel Markus Wowra ist Neutestamentler an der Theologischen Fakultät Bonn und forscht zum Markusevangelium.

Weiterführende Literatur

Martin Ebner: Das Markusevangelium. Neu übersetzt und kommentiert, Stuttgart: Katholisches Bibelwerk, 2008.

Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus. Übersetzt und erklärt (Das Neue Testament Deutsch, Bd. 1), 2., veränderte Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2023.

Michael Wolter: Das Lukasevangelium (Handbuch zum Neuen Testament, Bd. 5), Tübingen: Mohr Siebeck, 2008.

Immer noch ein Klassiker: Rudolf Pesch und Reinhard Kratz: So liest man synoptisch. Anleitung und Kommentar zum Studium der synoptischen Evangelien, 7 Bände, Frankfurt a. M.: Josef Knecht, 1975–1980.

Martin Ebner und Stefan Schreiber (Hrsg.): Einleitung in das Neue Testament (Kohlhammer Studienbücher Theologie, Bd. 6), 3., überarbeitete Auflage, Stuttgart: W. Kohlhammer, 2020.