Die letzten Worte von Papst Franziskus
Mit dem Tod von Papst Franziskus am Ostermontag vergangenen Jahres (21. April) endete eine Amtszeit, die das Papsttum in den Augen vieler wieder zugänglicher machte. Vor allem, weil es kein Verstecken hinter dicken Mauern mehr war, weit weg von den Menschen, zu denen man predigte. Bekannt wurde der Argentinier jedoch nicht nur dafür, dass er zum Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken gewählt wurde, sondern auch für seine unkonventionelle Art: etwa als er nach der Wahl auf die traditionelle Amtstracht verzichtete und "nur" in Weiß auf der Loggia erschien, das Gästehaus Santa Marta dem Apostolischen Palast vorzog und sein Pontifikat statt mit frommen Floskeln mit einem einfachen "Guten Abend" begann.
Mit einem einfachen "Guten Abend" begannen viele Telefonate und Begegnungen – auch jene mit Vatikanexperte Salvatore Cernuzio. Zunächst hatte er dem Pontifex während der Papstreise in den Irak 2021 spontan einen Brief übergeben. An einem römischen Abend erhielt er dann einen unerwarteten Anruf mit den Worten: "Guten Abend, ich bin Papst Franziskus."
Eis im Becher
Laut Cernuzio war das der Beginn einer Freundschaft, die ihn mit dem Argentinier verband. Er besuchte den Papst oft in dessen Residenz im Santa-Marta-Haus und brachte ihm regelmäßig sein Lieblingseis mit – ein Dulce de Leche, ein karamellisiertes Milcheis mit knusprigen Schokoladenstückchen. Wie aus seinem kürzlich erschienenen Buch über den argentinischen Papst hervorgeht, habe dieser sein Eis lieber im Becher gegessen, "weil da mehr Platz war".
Einmal habe zudem eine Eisdiele östlich von Rom dem Papst eine Portion Eis geschickt und darum gebeten, für sie zu beten. Franziskus tat mehr als das. Er griff zum Telefon und wählte die Nummer der Besitzerin der Eisdiele: "Hallo, ich bin Papst Franziskus. Ihr Eis ist wirklich gut, ich habe mich sehr gefreut." Franziskus soll einen unvergleichlichen Sinn für Humor gehabt haben. In "Padre" (Piemme Verlag, 2026) erzählt Cernuzio zahlreiche Anekdoten. Eine davon ist die Begegnung des Papstes mit der italienischen Premierministerin Giorgia Meloni bei einer Generalaudienz. Als sie in Weiß gekleidet erschien, habe Franziskus witzelnd gefragt, ob sie zur Erstkommunion gekommen sei. "Er machte Witze über mich, über Meloni, über andere – das gehörte einfach zu ihm", sagte Cernuzio jüngst laut einem Medienbericht. Auf diese Weise habe das Kirchenoberhaupt zugänglich und sympathisch gewirkt.
Zwar stellte Cernuzio klar, dass der Name des heutigen Papstes Leo XIV. in Gesprächen über mögliche Nachfolger nie zur Sprache kam, doch äußerte Franziskus bei einer Gelegenheit seine Bewunderung für Prevost.
Hinter dem Humor aber verbarg sich scheinbar eine Trauer, die ihm oft den Schlaf raubte und die er Jahre zuvor als "den Dritten Weltkrieg in Stücken" bezeichnet hatte. Ukraine, Gaza, Sudan, Myanmar.Fast jeden Abend telefonierte der Papst aus seiner Wohnung mit Pater Gabriel Romanelli in der Gaza-Pfarrei. Wie Cernuzio beschreibt, hatte Franziskus die Absicht, selbst dorthin zu reisen – zu Weihnachten 2025. Doch dazu kam es nicht mehr. Sein Körper machte nicht mehr mit. Am 21. April gegen fünf Uhr morgens rief Franziskus seinen persönlichen Krankenpfleger Massimiliano Strappetti und bat um ein Glas Wasser. Er trank langsam. Dann folgte ein leises: "Grazie, scusa per il disturbo" – Danke und Entschuldigung für die Umstände. Dann war es vorbei.
"Er ist ein Heiliger"
Wenige hundert Meter entfernt schlief der Kardinal, der den meisten Menschen weltweit vor der Papstwahl eher unbekannt war – Robert Prevost. Cernuzio erinnert in seinem Buch an Gespräche, die er manchmal mit Franziskus über das zukünftige Konklave geführt habe. Zwar stellte er klar, dass der Name des heutigen Papstes Leo XIV. in Gesprächen über mögliche Nachfolger nie zur Sprache kam, doch äußerte Franziskus bei einer Gelegenheit seine Bewunderung für Prevost: "Er? Er ist ein Heiliger."
Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine beiläufige, bei einem Espresso angekündigte Heiligsprechung. Vielmehr verwendete Franziskus das Wort für Menschen, die komplexe und schwierige Situationen mit ruhiger Hand meisterten – also für jene, die Diskussionen, Spannungen und Krisen gelassen bewältigen und Einheit schaffen konnten.
Was komplexe Situationen angeht, verstand Franziskus es, mit einem Witz das Eis zu brechen, Menschen willkommen zu heißen und ihnen ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. Dass dieses Willkommen heißen schließlich zu einer Art Programm wurde, zeigte er nicht nur in zahlreichen Ansprachen, sondern auch in zentralen Entscheidungen seines Pontifikats. Mit der Familiensynode (2014–2015) und dem nachsynodalen Schreiben "Amoris Laetitia" wagte er 2016 diesen Schritt mit Blick auf geschiedene Wiederverheiratete – sehr zum Leidwesen des konservativen Flügels der katholischen Kirche.
Inklusive Kirche
Dazu gehörte unter anderem seine Vision einer inklusiven Kirche, in der jeder Mensch willkommen ist – unabhängig von Herkunft, Hintergrund oder sexueller Orientierung. Beim Weltjugendtag 2023 in Lissabon hatte er diese Vision mit den Worten "Todos, todos, todos" unterstrichen und betont, dass in der Kirche Platz für alle sei, vor allem für jene, die am Rand der Gesellschaft – und der Kirche – stehen.
Papst Franziskus wird am 6. April 2025 von seinem persönlichen Krankenpfleger Massimiliano Strappetti im Rollstuhl auf den Petersplatz im Vatikan begleitet.
Das jedenfalls zeigte das Interesse des Papstes an Menschen und ihren Lebenssituationen, wie es auch in Cernuzios Buch durchscheint. Er erzählt von Franziskus' Vertrauen und seinem Interesse am Leben normaler Menschen. Cernuzio beschreibt das so: "Er hörte zu, was in einer Familie geschah, bei ihren Kämpfen, Streitigkeiten und Problemen am Arbeitsplatz. Er war wirklich interessiert."
Möglicherweise war diese Charaktereigenschaft von Franziskus auch entscheidend für seine Betonung der Barmherzigkeit, etwa in "Amoris Laetitia" oder dem späteren Segenspapier "Fiducia supplicans" (2023). Beide sorgten zwar für Debatten innerhalb der katholischen Kirche und verärgerten verschiedene Lager, halfen aber dabei, den Horizont zu weiten und zu zeigen, dass sich eine jahrhundertealte Institution doch noch bewegen kann. Schließlich kulminierte diese neue Denkweise in der 2021 von ihm initiierten Synode zur Synodalität, besser bekannt als Weltsynode, die von 2023 bis 2024 im Vatikan stattfand.
Letzte Monate
Dass die Welt gern auf den Argentinier schaute, der vor allem bei Nicht-Katholiken immer wieder Pluspunkte sammelte, zeigte sich nicht nur bei fliegenden Pressekonferenzen, „spontanen“ Fernsehauftritten und Interviews, sondern auch in seinen letzten, von Krankheit geprägten Monaten. 38 Tage verbrachte der damals 88-Jährige in der päpstlichen Krankenwohnung der römischen Gemelli-Klinik – aufgrund einer lebensbedrohlichen Lungenentzündung. Journalisten, Fotografen sowie Gläubige richteten ihren Blick wochenlang auf den 10. Stock der Klinik.
Cernuzio erinnert sich in seinem Buch diesbezüglich an einen überraschenden Anruf des Krankenpflegers des Papstes. Dieser habe ihm den Wunsch von Franziskus überbracht, ins Krankenhaus zu kommen – "wann immer Sie wollen und können". Doch, so der Autor, hätte er den Papst um nichts in der Welt warten lassen wollen, schon gar nicht in dessen Zeit im Krankenhaus. Cernuzio ging nach Hause, ließ Arbeit und Verpflichtungen beiseite und zog sich erst einmal eine Krawatte an – obwohl er wusste, dass Franziskus diese Art der Förmlichkeit zwar bemerkte, aber nicht sonderlich schätzte.
J.D. Vance (l.), Vizepräsident der Vereinigten Staaten (USA), und Papst Franziskus am 20. April 2025 im Gästehaus Santa Marta im Vatikan.
Genauso wenig wie Kontrolle. Einmal aus der Klinik entlassen, ließ sich der Argentinier kaum noch kontrollieren – etwas, wovon die Römische Kurie öfter ein Lied singen konnte. Nicht nur die Heilige Pforte hatte der schwerkranke Franziskus mit seinem Rollstuhl durchschritten, auch sein Auftritt mit dem weiß-grün gestreiften Poncho im Petersdom sorgte für Aufsehen. Weniger als 24 Stunden vor seinem Tod gab es noch den wichtigen Segen "Urbi et orbi" am Ostersonntag.
Spannungen zwischen Vatikan und Washington
Seine politische Osterbotschaft ließ er verlesen und mahnte darin zu Dialog und Frieden – genauso, wie es sein Nachfolger, damals Kardinal Prevost, heute Papst Leo XIV., tut. Sehr zum Leidwesen des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seines katholischen Vizepräsidenten JD Vance. Franziskus hatte den US-Vize am Ostersonntag noch kurz in Audienz empfangen, nachdem es Spannungen zwischen dem Vatikan und Washington gab und Franziskus in einem Brief die Abschiebungen von Menschen ohne gültige Papiere scharf kritisierte.
Doch eine letzte Begegnung sollte nicht die Politische bleiben. Franziskus schenkte den Menschen auf dem Petersplatz noch eine Begegnung mit ihm und drehte eine letzte Runde in seinem Papamobil, bevor sein Herz am Morgen des Ostermontags aufhörte zu schlagen. Cernuzio ist sich sicher, dass die Nahbarkeit den Charakter von Franziskus bestens zeigte. Deshalb wird der Argentinier den Menschen in Erinnerung bleiben.
