Fünf Jahre "Traditionis custodes"

Von Franziskus zu Leo – Versöhnungskurs bei der "Alten Messe"?

Veröffentlicht am 16.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Papst Franziskus war die vorkonziliare Liturgie ein Dorn im Auge: Kompromisslos schränkte er sie vor fünf Jahren ein. Für Frieden im Liturgiestreit hat das nicht gesorgt. Wo steht die Kirche heute – und was plant Papst Leo XIV.?

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Am 16. Juli 2021 wurden die schlimmsten Befürchtungen der Freunde der vorkonziliaren Liturgie wahr: Papst Franziskus (2013–2025) schränkte mit seinem Motu proprio "Traditionis custodes" die Feier nach den Messbüchern von 1962 empfindlich ein. Vorbei war die Tauwetterphase, die sein Vorgänger, Papst Benedikt XVI. (2005–2013), 2007 eingeleitet hatte. Damals wurde es deutlich erleichtert, die alten Messbücher zu verwenden, und mehr noch: Benedikt entwickelte die Figur des einen Römischen Ritus mit zwei Formen, der ordentlichen (neuen) und der außerordentlichen (alten).

Alle Liberalisierungen aus der Ära Benedikt wurden durch Franziskus zurückgedreht und stattdessen die Zügel deutlich angezogen. Auch in den Bezeichnungen zeigte sich damals die Abkehr vom liturgischen Nebeneinander von Alt und Neu: Mit der Terminologie "ordentliche" und "außerordentliche Form" war es knapp und eindeutig möglich, von den Varianten zu sprechen.

Mit der Abkehr von der theologischen Aussage des einen Ritus in zwei Formen kam folgerichtig auch die Abkehr von der Rede der beiden Formen: Wer von der Liturgie nach dem Messbuch von 1962 sprechen will, kann das entweder so explizit tun, wie es auch "Traditionis custodes" tut, oder muss auf eine der vielen Hilfsbezeichnungen zurückgreifen, die allesamt ihre Probleme haben. Bei der "vorkonziliaren Liturgie" schwingt immer die abwertende Bedeutung von "vorkonziliar" als "reaktionär" mit. Die "Messe aller Zeiten" (ein Kampfbegriff des Piusbrüder-Gründers Marcel Lefebvres) ist wie die Rede von der "tridentinischen Messe" ahistorisch – weder wurde zu allen Zeiten wie im Messbuch von 1962 gefeiert, noch gab es zwischen dem Konzil von Trient und 1962 keine liturgischen Änderungen. Begriffe wie "Alte Messe" oder "ordo vetus" mildern das Problem zwar, schaffen es aber nicht aus der Welt. Ein deutsches Äquivalent zur englischen "Traditional Latin Mass" hat sich nie durchgesetzt. Bis heute gibt es keine Redeweise, die wirklich unverfänglich und präzise ist. Für Franziskus war die sprachliche Unsichtbarmachung der "Alten Messe" wohl eher eine gewollte als eine versehentliche Nebenfolge seiner Verfügung, dass die heutigen Messbücher "die einzige Ausdrucksform der Lex orandi des Römischen Ritus" darstellen.

Papst Franziskus betet mit Benedikt XVI. in Castel Gandolfo
Bild: ©picture alliance / AP Photo | Uncredited (Archivbild)

Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus hatten sehr unterschiedliche Herangehensweisen an die Liturgie. "Als ich ihm 'Traditionis custodes' vorlas, merkte ich, dass er im Herzen Schmerz empfand", sagte Privatsekretär Georg Gänswein nach Benedikts Tod.

Fünf Jahre nach dem Erscheinen von "Traditionis custodes" hat sich zum einen wenig verändert: Das Motu proprio ist weiterhin die gültige Rechtsgrundlage für die Feier nach den Messbüchern von 1962, ergänzt durch eine sehr strenge und enge Auslegung durch das Glaubensdikasterium. Zum anderen hat der Pontifikatswechsel die Karten neu gemischt: Freunde der vorkonziliaren Liturgie hoffen auf Papst Leo XIV., der Frieden ins Zentrum seines Pontifikats gestellt hat: Frieden könnte er auch im weiterhin schwelenden Liturgiestreit schaffen.

Umstrittene Umfrage des Papstes

Unter Papst Franziskus gab es nur wenige versöhnliche Schritte mit Blick auf die vorkonziliare Liturgie. Dass er zu Beginn seines Pontifikats noch neue Präfationen für die vorkonziliare Liturgie erlassen hatte und den liturgischen Kalender anpasste, war wohl nur ein Relikt, das noch aus der Zeit seines Vorgängers auf den Schreibtischen der Liturgiekongregation lag – und fand ohnehin vor "Traditionis custodes" statt. Seine offizielle Politik blieb, dass die Öffnung durch Benedikt XVI. nicht wie erhofft Frieden geschaffen, sondern vielmehr die Spaltung noch vertieft habe.

Inhaltlich stützte er sich dabei auf eine Umfrage unter den Bischöfen der Weltkirche nach deren Erfahrungen mit der vorkonziliaren Liturgie. Die Ergebnisse wurden nie veröffentlicht. In der vatikanischen Darstellung soll sie aber ausgesprochen kritisch ausgefallen sein. Gestützt wurde dieser Befund durch die Rückmeldungen der französischen Bischofskonferenz, die noch vor der Neuregelung durch "Traditionis custodes" den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten. Das Nebeneinander der Messe in zwei Formen erzeuge "zwei Welten, die sich nicht treffen", hieß es darin. Einige Bischöfe berichteten von Spannungen. Zwar hätte die einfachere Zulassung die Situation beruhigt, die zugrunde liegenden Spaltungen jedoch nicht beigelegt.

Ein anderes Bild zeichneten spätere Leaks. 2025 wurden andere Rückmeldungen auf die Umfrage öffentlich, aus denen deutlich gelassenere Positionen als die aus Frankreich hervorzugehen schienen – ob die Auswahl bewusst auf diesen Eindruck hin gesteuert wurde und ob die Leaks überhaupt echt sind, ist bis heute ungeklärt. Die Deutsche Bischofskonferenz habe jedenfalls dem Leak zufolge in ihren Antworten festgehalten, dass das damalige Angebot an Messen in der "außerordentlichen Form" den pastoralen Bedürfnissen der Gläubigen entspreche. Die anfänglichen Konflikte um die Einrichtung von Messen in der außerordentlichen Form seien im Lauf der Jahre friedlich gelöst worden. Daher komme die DBK zu einer positiven Bewertung der Umsetzung des Motu proprio "Summorum pontificum": "Die bisherige Praxis hat sich bewährt und sollte aus pastoralen Gründen nicht geändert werden." Ob die Zitate authentisch sind, wollte die DBK auf Anfrage nicht bestätigen.

Entspannte Lage in Deutschland

In Deutschland scheint sich auch nach "Traditionis custodes" daran grundsätzlich nichts geändert zu haben. Einzelne Bistümer – Freiburg, Dresden-Meißen und Regensburg – haben im Jahr nach dem Erlass der neuen Regelungen ausdrückliche Ausführungsbestimmungen erlassen, die die Feiern ordnen, aber nicht noch weiter einschränken als die römischen Regeln. Die ortskirchlichen Regelungen waren jeweils befristet bis zum Erlass eines deutschlandweiten Rahmens durch die Bischofskonferenz, der allerdings heute kein Thema mehr ist. Die Bischöfe hätten sich darüber zwar beraten, sich aber für Regelungen durch die einzelnen Diözesanbischöfe ohne gemeinsamen Rahmen entschieden, teilte die DBK auf katholisch.de-Anfrage mit. Absehbar gebe es "für eine Schaffung gemeinsamer Reglements durch die Deutsche Bischofskonferenz keine Veranlassung", so der Sprecher weiter.

Links die Firmung nach den aktuellen liturgischen Büchern, rechts die Feier der Messe in der Form von 1962
Bild: ©Erzbistum Paderborn/Heiko Appelbaum (Montage katholisch.de)

Sakramente außer der Eucharistie dürfen grundätzlich nicht nach den alten liturgischen Büchern gefeiert werden. Das führt bisweilen zu kuriosen Situationen: Links die Firmung nach den aktuellen liturgischen Büchern, rechts die Feier der Messe in der Form von 1962 – direkt im Anschluss nacheinander, aber mit Paramentenwechsel.

Eine Herausforderung für die Pastoral ist das grundsätzliche Verbot, andere vorkonziliare liturgische Bücher als das Messbuch zu verwenden. Aus "Traditionis custodes" geht das bereits grundsätzlich hervor, die Gottesdienstkongregation hatte später explizit festgestellt, dass das nicht zulässig sei. Das führt in der Praxis bisweilen zu kuriosen Situationen: Im Januar fand in Paderborn eine Firmung für eine Gruppe statt, die die vorkonziliare Liturgie feiert. Während die Firmung nach den üblichen Formularen gefeiert wurde, wie sie seit der Liturgiereform gelten, wurde die anschließende Messe in der vorkonziliaren Form gefeiert. Aufmerksamen Beobachtern fiel das auf den Bildern der Veranstaltung unter anderem an den liturgischen Farben auf, da die Paramente zwischen Firmung und Messe gewechselt werden mussten, um die jeweiligen Rubriken zu erfüllen.

Die Einschränkung der Erlaubnis für die Messe wird aber in vielen Fällen dadurch gemildert, dass Papst Franziskus den zugelassenen altrituellen Gemeinschaften Zugeständnisse gemacht hat. Schon 2022 erlaubte er der Gemeinschaft, die nach dem ersten Schisma der Piusbruderschaft aus Priestern entstanden ist, die den Gang ins Schisma nicht mitgehen wollten, alle liturgischen Bücher zu verwenden. Gemäß dem Dekret des Papstes wurde allen Mitgliedern der Bruderschaft die Befugnis erteilt, "das Messopfer zu feiern, die Sakramente und andere heilige Riten zu spenden und das Offizium zu verrichten, gemäß der jeweiligen Editio typica der liturgischen Bücher, die im Jahr 1962 in Kraft waren, d. h. dem Missale, dem Rituale, dem Pontifikale und dem Brevier". Dies gelte in den eigenen Kirchen und Oratorien. Für andere öffentliche Feiern bedarf es einer Zustimmung des Ortsordinarius, also in der Regel des Bischofs oder Generalvikars.

In Diözesen wie dem Erzbistum Köln, in denen vor allem die Petrusbruderschaft mit der Feier der vorkonziliaren Liturgie betraut ist, kann das Problem der fehlenden Erlaubnis für Sakramente in der alten Form damit elegant und rechtskonform gelöst werden.

Altrituelle Gemeinschaften bei Ordensdikasterium angesiedelt

Zur Befriedung trägt sicherlich auch bei, dass Papst Franziskus die Zuständigkeiten für die altrituellen Gemeinschaften geändert hat: War es zuvor die Glaubenskongregation und bis 2019 die bei ihr angesiedelte Päpstliche Kommission "Ecclesia Dei", die für sie zuständig war, ging diese Zuständigkeit mit "Traditionis custodes" an das heutige Ordensdikasterium über.

Die Zuständigkeit für die vorkonziliare Liturgie ist in Rom damit auf zwei Dikasterien verteilt: Liturgie und Orden. Während der Liturgiepräfekt, Kardinal Arthur Roche, den Kurs der Beschränkung der vorkonziliaren Liturgie mit strengen Ausführungsbestimmungen und engen Auslegungen kompromisslos fortführt, sind aus dem Ordensdikasterium keine entsprechenden Verlautbarungen bekannt – die altrituellen Gemeinschaften haben also weniger Kontakt mit Roche.

Mindestens seit der Wahl von Papst Leo XIV. hört man von Kardinal Roche ohnehin weniger als zuvor. Der hatte zwar für das im Januar einberufene Konsistorium eine Vorlage zur Liturgiefrage vorbereitet, die öffentlich wurde. Die Kardinäle entschieden sich aber dagegen, über das Thema Liturgie zu beraten. Das zweiseitige Papier argumentiert weniger forsch, als es Roche noch zu Lebzeiten von Franziskus getan hatte. Dem Gang der Argumentation des Thesenpapiers ist ein gewisser Wille zur Befriedung anzumerken, ohne dass Abstriche von der alternativlosen Präferenz für die nachkonziliare Liturgie gemacht werden.

Kardinal Raymond Leo Burke zieht in den Petersdom ein
Bild: ©IMAGO / Catholicpressphoto

Kardinal Raymond Leo Burke zieht in den Petersdom ein. Erstmals seit fünf Jahren konnte im Oktober 2025 wieder eine Messe nach den Messbüchern von 1962 gefeiert werden.

Erst am Ende seines Papiers geht Roche auf die Messbücher vor der Reform ein, nachdem er zuvor eine Theologie der Liturgie ausgefaltet hatte. Dass die alten Messbücher nach Promulgation des Missale Romanum von 1970 noch teilweise weiterverwendet werden durften, wird vom Liturgiepräfekten lediglich als "Zugeständnis" verstanden, "das in keiner Weise als Förderung" verstanden werden dürfe. Am Ende heißt es programmatisch: "Die Einheit der Kirche wird nicht erreicht, indem man die Spaltung einfriert."

Papst Leo XIV. will in den Dialog über die "Alte Messe"

Auch wenn das Konsistorium das Papier nicht beraten hat: Dass Papst Leo XIV. es als Diskussionsoption erwogen hat, zeigt, dass ihm das Thema nicht egal ist. Eine verbindliche Entscheidung dazu steht noch aus. Bislang gab es vor allem Zeichen: Erstmals seit Jahren konnte im Oktober im Petersdom im Rahmen einer Wallfahrt wieder eine "Alte Messe" gefeiert werden. Der Messe stand Kardinal Raymond Leo Burke vor, der einer der wortmächtigsten Kritiker des Kurses von Papst Franziskus im Kardinalskollegium ist – nicht nur, aber auch zur Liturgiefrage. In seiner in Italienisch, Spanisch, Französisch und Englisch gehaltenen Predigt zeigte er sich dankbar für die Möglichkeit, "die Schönheit dieser Messform" so vielen Menschen nahebringen zu können.

Zuvor hatte der neue Papst angekündigt, sich des Themas zu widmen. In einem Interview bedauerte er, dass die Frage leider in einen "Prozess der Polarisierung" hineingeraten sei. Manche Leute hätten die alte Form der Liturgie "missbraucht", um andere Ziele zu erreichen. Dies sei nicht hilfreich für all "jene, die durch die Feier der tridentinischen Messe eine tiefere Erfahrung im Gebet und die Berührung mit dem Mysterium des Glaubens" suchten. "Wir müssen uns zusammensetzen und darüber reden", stellte Leo fest. Medienberichten zufolge habe der Papst im Vatikan die Devise ausgegeben, künftig großzügiger Lockerungen in der Umsetzung von "Traditionis custodes" zu gewähren. Das habe etwa der britische Nuntius gegenüber der Bischofskonferenz von England und Wales mitgeteilt.

Freunde der vorkonziliaren Liturgie setzen daher große Hoffnungen in Papst Leo XIV. Hier einen Kurswechsel vorzunehmen, ist heikel: Er wäre dann der dritte Papst in Folge, der das Ruder herumreißt. Der für die Lehrentwicklung so wichtige Anschein der Kontinuität über Pontifikate hinweg wurde schon durch "Traditionis custodes" angekratzt. Das dürfte der Nachfolger von Franziskus bei der Entscheidung über sein Vorgehen in Betracht ziehen: Anders und in Abgrenzung zu seinem Vorgänger legt Papst Leo XIV. großen Wert auf die symbolische Ordnung des Papsttums und der Kirche. Ein großer Schwenk scheint also weniger wahrscheinlich als ein kontinuitätswahrender Kurs großzügigerer Zugeständnisse.

Von Felix Neumann