Himmelklar – Der katholische Podcast

Bodo Ramelow: Höre "Von Guten Mächten" wenn ich down bin

Veröffentlicht am 22.04.2026 um 00:30 Uhr – Von Hilde Regeniter – Lesedauer: 

Köln ‐ Als bekennender Christ ist Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow in seiner Partei in der Minderheit. Wie seine Parteifreunde reagieren, wenn er über Gottvertrauen spricht, erzählt Ramelow im Interview.

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Linken-Politiker, Bundestagsvizepräsident, Ex-Ministerpräsident von Thüringen: Bodo Ramelow ist als engagierter evangelischer Christ nicht nur in seiner Partei in der Minderheit, sondern genauso als bekennender Gläubiger in Ostdeutschland. Warum er dieser doppelten Diaspora-Situation durchaus etwas abgewinnen kann, warum er schon drei Päpste persönlich getroffen hat und als Gastgeber den Erfurter Katholikentag 2024 in sehr guter Erinnerung behält, erzählt er im Interview.

Frage: Wenn ich sage: "Von guten Mächten wunderbar geborgen" – was sagen Sie?

Ramelow: Es ist einfach eine Melodie, eine Musik, die sich in meinem Kopf ausbreitet. Es ist das Bonhoeffer-Gedicht, das mich sehr umtreibt. Immer dann, wenn ich emotional richtig down bin, mache ich die Vertonung von "Von guten Mächten" ganz laut an.

Frage: Was fasziniert Sie an diesem berühmten Text von Dietrich Bonhoeffer?

Ramelow: Die Tatsache, dass er so etwas Kraftvolles schreibt und weiß, dass er nicht überleben wird. Er weiß, dass die Nazis ihn ermorden werden. Das war ihm völlig klar. Und in diesem Kontext schreibt er vom "Kelch, dem bitteren, den du uns reichst" und meint den angekündigten Tod. Aber trotz der Todeserwartung ist da das Vertrauen "von guten Mächten" getragen zu sein. Ich finde das jedes Mal von Neuem faszinierend und kann mir das Lied "Von guten Mächten" tatsächlich auch zehn Mal hintereinander anhören.

Frage: Wir sprechen hier gerade mit Blick auf den Kölner Dom im Herzen der Stadt. Wie wichtig sind Kirchen für Orte, für Dörfer, für Städte?

Ramelow: Kulturhistorisch und gesellschaftlich gesehen sind sie Orientierungsrahmen und Orientierungsmarker. Und da spreche ich noch gar nicht von Gottesdienst und Kirche als Institution, sondern schlicht vom Gebäude Kirche. Denn an der Kirche ist auch der Kirchturm, daran wiederum eine Uhr und diese Uhr hat eine Stundenglocke. Das dörfliche Leben hat sich immer daran orientiert. Auch die Orientierung zwischen den Dörfern auf den Sichtachsen funktionierte, indem man die Landmarken anhand der Kirchtürme sehen konnte. Hinzu kommt die Unterschiedlichkeit der Kirchen, die mich jedes Mal neugierig macht. Ich denke zum Beispiel an eine wunderschöne Wehrkirche in der Nähe von Meiningen-Walldorf in Thüringen. Sie ist saniert worden, aber am Tag vor ihrer Wiedereinweihung ausgebrannt. Dann hat sich die ganze Gemeinde gemeinsam mit ihrem Pfarrer Heinrich von Berlepsch aufgemacht, diese Kirche wieder zu errichten. Sie haben sich nicht irritieren lassen von Versicherungsmenschen, die vorgeben wollten, wie der Wiederaufbau vonstattengehen sollte. Nein, sie haben die alten Balken gesichert, das Holz gesichert und vieles wieder eingebaut. Die ganze Kirche ist außen so verwandelt worden, dass sie verschiedenen Vögeln Brutmöglichkeiten bietet. Auf einer Ebene sind die Schwalben, auf der anderen der Turmfalke. Heute ist diese Wehrkirche eine Pilgerstation entlang des Werra-Wanderwegs. Eine Kirche, die einst so gebaut werden musste, dass sie wehrhaft war, dass sie den Dorfmenschen Schutz bieten konnte, wenn Feinde kamen – solche Formen interessieren mich. Wenn ich auf solche Gebäude blicke, versuche ich, ihre Geschichte zu durchdringen.

Und in den neuen Bundesländern ist in meinen Augen häufig in den Gotteshäusern, also in den Kirchenräumen selbst, zu wenig Betrieb. Aber einige gehen auch neue Wege. Zum Beispiel hat es in der Region um Bad Langensalza in Thüringen tatsächlich so eine Entwicklung gegeben. Da haben sich Künstler mit den Begebenheiten vor Ort auseinandergesetzt und neue Kunst in die alten Kirchen gebracht. So ist ein Kunstpfad entlang der Dorfkirchen entstanden und so fing es an, dass Menschen wieder anfingen, neugierig auf ihre Dorfkirche zu werden.

Ich selbst habe in der Hosentasche immer einen kleinen metallenen Gegenstand dabei. Es ist ein Stück der Glocke einer kleinen Dorfkirche, der letzten Glocke, die in Apolda gegossen worden ist. Dieses Glockenstück aus der Kirche von Cospeda begleitet mich immer. Auch dort hat der Kirchbauverein wieder Leben in die Kirche gebracht hat. Und auch dort war es nicht einfach nur die Amtskirche, sondern es waren auf einmal Menschen da, die vielleicht mit Kirche gar nicht viel am Hut hatten, aber sich trotzdem gekümmert und gesagt haben: "Unsere Kirche muss im Dorf bleiben!"

„Der Katholikentag 2024 in Erfurt hat mir als Gastgeber riesige Kraft gegeben.“

—  Zitat: Bodo Ramelow

Frage: Wenn wir jetzt auf die Kirchen als Gemeinschaften von Gläubigen blicken, wie schätzen Sie deren Bedeutung für die Gesellschaft ein?

Ramelow: Als absolut zentral. Da brauche ich gar nicht den staatstragenden Satz des ehemaligen Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfang Böckenförde zu zitieren, dass diese Gesellschaft nicht aus sich selbst heraus Normen definieren kann, sondern einen Raum braucht, aus dem die Normen entstehen. Da spielen die Kirchen eine entscheidende Rolle, auch wenn die Zahl ihrer Mitglieder bedauerlicherweise immer geringer wird und damit leider auch Kenntnisse vom Zusammenhalten mit verloren gehen. Als in Erfurt 2002 der schreckliche Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium geschehen ist, waren am Abend alle Kirchen offen und alle Kirchen waren voll. Offenkundig gibt es eine Sehnsucht nach der Geborgenheit, die sich in diesen Räumlichkeiten über Jahrhunderte entwickelt hat. Kirche ist eben nicht nur Drohkulisse oder eine Amtskirche, die sich fehlentwickelt hat, sondern auch ein Raum, in dem Menschen Schutz suchen. Auch heute suchen sie Schutz, ganz besonders in schwierigen Zeiten.

Frage: Dass Sie das so sehen, ist für einen Linken-Politiker nicht selbstverständlich. Wie exotisch sind Sie als bekennender Christ in der Linkspartei?

Ramelow: Interessanterweise begleitet mich diese Frage seit über 20 Jahren und ich antworte immer: "Seit es die Linke gibt, sind wir auf jedem Evangelischen Kirchentag mit dabei." Auch auf den Katholikentagen sind wir immer dabei, zwar nicht auf dem Gelände selbst, aber in der Nähe. Wir bemühen uns, auch dieses Mal in Würzburg wieder dabei zu sein.

Der Katholikentag 2024 in Erfurt hat mir als Gastgeber riesige Kraft gegeben. Für mich war dieser Katholikentag in Erfurt der ökumenischste Katholikentag, den es je gegeben hat. Auch die Protestanten waren dabei und haben sich gefreut. Wir alle haben gespürt: Da sind Menschen mit Glauben gemeinsam unterwegs in einer Stadt, in der doch eigentlich 75 Prozent der Leute mit Kirche und Religion nichts am Hut haben.

Frage: Ich habe gelesen, dass Sie in Ihrer Partei immer wieder dazu aufrufen, mehr Gottvertrauen zu haben. Ernten Sie damit nicht viele hochgezogene Augenbrauen?

Ramelow: Natürlich auch. Weil sich manche fragen: Was meint er mit Gott? Oder auch, ob das ein Versuch ist, vom Versagen der Kirche abzulenken. Dann sage ich immer: "Nein, Gottvertrauen heißt für mich das Vertrauen darauf, dass wir gemeinsam etwas bewegen können. Ich habe da noch eine andere Kraft, die mich begleitet." Auch in der Zeit, in der ich nicht der Amtskirche angehört habe, habe ich ja meinen Glauben nicht verloren. Ich hatte einfach den Zugang zu meiner Amtskirche verloren, aus vielerlei Gründen, die ich immer noch gute Gründe nenne. Dass ich diese Kirche später wiedergefunden habe, hat etwas mit Ostdeutschland zu tun. Dort habe ich auf einmal eine Kirche gefunden, die wieder meine Sehnsucht berührt hat.

Bild: ©dpa/Bernd von Jutrczenka (Archivbild)

Sein Vater war Botschafter der DDR am Heiligen Stuhl: Gregor Gysi.

Frage: Sogar ihr Parteifreund Gregor Gysi sagt als bekennender nichtreligiöser Mensch, dass er nicht in einer Gesellschaft ohne Gott leben möchte …

Ramelow: Er hat Angst vor einer gottlosen Gesellschaft.

Frage: Sprechen Sie mit ihm über Fragen nach Gott und nach Religion?

Ramelow: Es gibt immer wieder die witzige Situation, wenn er in meinem Büro die Bilder von meinen drei Audienzen bei drei verschiedenen Päpsten sieht. Dann sagt er jedes Mal, er sei traurig, dass er mich nie begleiten durfte. Und ich antworte immer: "Da musst du dich schon selbst drum kümmern!" Tatsächlich war sein Vater Botschafter der DDR am Heiligen Stuhl. Gysis Vater hatte also mit der katholischen Kirche eine ganze Menge zu tun. Von daher ist Gregor jemand, der aufgeschlossen ist, der neugierig ist und der natürlich auch nach solchen Dingen fragt: Was berührt uns? Was berührt die Seele? Und selbst wenn man sagt: "Ich glaube nicht daran, dass es ein Leben nach dem Tode gibt", dann bleibt doch der Zweifel zwischen dem einen und dem anderen. Was könnte denn sein? Und vielleicht erwächst aus dem Zweifel die Kraft, neugierig zu sein und zu sagen: "Ja, lass uns um das Jetzt kümmern und das andere mit Gottvertrauen auch gut aushalten."

Frage: Wie ist das in der Partei an sich? Vermissen Sie manchmal auch den Austausch über solche Fragen? Oder tauschen Sie sich zum Beispiel mit denjenigen aus, die sich in der "Bundesarbeitsgemeinschaft Linke Christinnen und Christen" zusammengetan haben?

Ramelow: Das ist eine meiner Kraftquellen. In der Bundesarbeitsgemeinschaft bereiten wir auch jeweils den Katholikentag oder den Evangelischen Kirchentag vor. Wir hatten 2011 aber tatsächlich auch auf einem linken Bundesparteitag den Befreiungstheologen Ernesto Cardenal aus Nicaragua zu Gast und er hat uns aus der Bibel heraus seine Vision der Kirche für die Armen dargelegt. Damals hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Ich habe noch nie so einen stillen Parteitag erlebt wie während der Ansprache von Ernesto Cardenal. Immer in dem Bewusstsein: Da ist jemand, der sich mit seinem Glauben um die Menschen kümmert, um die sich offensichtlich die Menschheit nicht mehr kümmern will. Er will ihnen aus seinem Glauben heraus die Kraft geben, sich einzumischen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das hat mich damals sehr berührt. So etwas bleibt.

Grundsätzlich gibt es einfach Menschen, die mit Religion nichts am Hut haben. Es gibt auch Menschen, die aggressiv werden, wenn das Thema aufkommt. Ich dränge es niemandem auf. Aber wer mit mir darüber reden will, findet in mir einen Gesprächspartner. Oft erlebe ich auch, dass Kurdinnen und Kurden, Jesiden, Aleviten und Alawiten, Menschen aus unterschiedlichsten religiösen Kontexten kommen und über Glauben reden wollen und darüber, welche Kraft der Glauben gibt.

Von Hilde Regeniter