Chronologie der Eskalation

Unbeirrt aufs Schisma zu: Was die Transalpinen Redemptoristen antreibt

Veröffentlicht am 08.05.2026 um 15:00 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Papa Stronsay ‐ Die "Transalpinen Redemptoristen" lehen die Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ab und wollen ein Konzil ohne Papst. Nicht einmal ein toter Mitbruder unterbricht den Furor. Wie kam es so weit?

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Abgelegener als auf Papa Stronsay kann ein Kloster kaum liegen: Die kleine Insel liegt weit im Norden Schottlands im Archipel Orkney. Vor gut 25 Jahren hat der Orden der "Transalpinen Redemptoristen" dort sein Kloster Golgotha aufgebaut, nachdem die Gemeinschaft die Nebeninsel der kaum größeren Insel Stronsay gekauft hatten.

Dass die “Transalpinen Redemptoristen” seit einiger Zeit weltweit für Schlagzeilen suchen, haben sich die Mönche selbst zuzuschreiben. So abgelegen Papa Stronsay liegt, so mitteilungsfreudig sind die Ordensleute. Sie geben ein traditionalistisches Magazin heraus, Gottesdienste und Predigten werden online veröffentlicht, Laien können sich einer von dem Orden betreuten "Fegefeuer-Erzbruderschaft" anschließen. Die jüngste Eskalationsstufe, in der die Ordensleute erneut die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils und ausdrücklich alle Päpste seit Paul VI. ablehnen, wurde natürlich genauso öffentlich verkündet wie die Eskalationen zuvor.

Der Protest ist dem Orden in die Wiege gelegt. 1988, im Jahr der illegalen Bischofsweihen der Piusbruderschaft, gründete sich die Gemeinschaft mit dem Segen des Gründers der Piusbrüder, Erzbischof Marcel Lefebvre. Der Orden sollte eine Heimstatt sein für Redemptoristen, die mit der reformierten Ordensregel von 1969 nicht einverstanden sind und die an der vorkonziliaren Liturgie festhalten wollen. Oberer der Gemeinschaft war damals wie heute der ehemalige Redemptorist Michael Mary Sim. Schon die Wurzeln der Gemeinschaft sind also schismatisch.

Nur kurzzeitig mit der Kirche versöhnt

Zwischenzeitlich gab es eine Aussöhnung mit der Kirche: Anlass war die Liberalisierung der Feier der Liturgie nach dem Messbuch von 1962, die Papst Benedikt XVI. 2007 mit dem Motu proprio "Summorum Pontificum" ermöglichte. Die "Transalpinen Redemptoristen" nahmen diese ausgestreckte Hand an, ihre Mitglieder kehrten 2008 in die Gemeinschaft der Kirche zurück. Sie lösten sich von der Piusbruderschaft und wurden in einem umfangreichen Prozess 2012 als Gemeinschaft diözesanen Rechts durch den Bischof von Aberdeen, Hugh Gilbert, anerkannt. Offiziell heißt der Orden seither "Söhne des allerheiligsten Erlösers", die Bezeichnung "Transalpine Redemptoristen" ist heute nur noch informell in Gebrauch.

Pater Michael Mary in der Kapelle im Kloster auf Papa Stronsay
Bild: ©Transalpine Redemptoristen (Archivbild)

Pater Michael Mary ist der Gründer der "Transalpinen Redemptoristen" und bis heute ihr oberer.

Das Tauwetter hielt aber nicht lang. Mit dem Wechsel des Pontifikats nach dem Rücktritt von Benedikt XVI. kam 2013 mit Franziskus ein Papst ins Amt, der wenig Sympathien für die vorkonziliare Liturgie hatte. Benedikts Reformen blieben aber zunächst in Kraft, die "Transalpinen Redemptoristen" konnten 2017 nach Neuseeland expandieren, wo sie eine neue Niederlassung gründeten. Schon bald berichteten lokale Medien aber über illegale Exorzismen, bei denen mehrere Menschen, darunter Kinder, traumatisiert worden sein sollen. Das Ordensdikasterium ordnete eine Apostolische Visitation an. 2024 lagen die Ergebnisse vor, der Bischof von Christchurch, Michael Gielen, verwies den Orden aus seiner Diözese; Rechtsmittel des Ordens bei den zuständigen römischen Behörden blieben erfolglos.

In der Zwischenzeit hatte sich auch der liturgische Wind aus Rom deutlich gedreht: Papst Franziskus hatte 2021 mit seinem Motu proprio "Traditionis custodes" die Liberalisierungen Benedikts zurückgedreht und die Regulierung der "Alten Messe" im Vergleich zum Status quo ante sogar noch verschärft.

Mit der Ausweisung aus Neuseeland begann die Eskalation

Die "Transalpinen Redemptoristen" schienen sich durch diese Ereignisse auf ihre Wurzeln in Protest und Schisma zurückgeworfen. Die Ausweisung aus Neuseeland ignorierten sie schlicht. Praktisch war das kein Problem: Die Anweisung des Diözesanbischofs hat nur eine kirchenrechtliche Wirkung, für die staatlichen Behörden sind kirchliche Aufenthaltsgebote und -verbote irrelevant. In einem Generalkapitel auf Papa Stronsay formulierten die Ordensleute einen ersten offenen Brief "an die katholischen Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubige". Faktisch stellt der Brief wohl einen schismatischen Akt dar. Von Schisma spricht das Kirchenrecht, wenn die "Unterordnung unter den Papst oder die Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche" verweigert wird.

Schon dieser Brief sammelte eine Vielzahl an Klagen über den Zustand der Kirche, auch wenn darin die Absage an die Päpste im Vergleich zur aktuellen Erklärung noch weniger deutlich war. Genug für eine bischöfliche Intervention war er aber laut dem Oberen der Gemeinschaft, Pater Michael Mary.

Die "Transalpinen Redemptoristen" mit dem Bischof von Aberdeen, Hugh Gilbert.
Bild: ©Transalpine Redemptoristen (Archivbild)

Die "Transalpinen Redemptoristen" mit dem Bischof von Aberdeen, Hugh Gilbert. 2008 nahm er den zuvor mit der Piusbruderschaft verbundene Orden in die Gemeinschaft der Kirche auf.

Offiziell hat die Diözese Aberdeen zu den Vorgängern auf Papa Stronsay noch wenig verlauten lassen. Im Oktober veröffentlichte der Bischof eine knappe Stellungnahme, laut der die Diözese "den Ton, die Ausrichtung und die wesentlichen Inhalte dieses Schreibens" zutiefst bedauere. Man bleibe offen für den Dialog, habe aber auch die zuständigen vatikanischen Behörden mit dem Fall befasst. Die Beauftragung des Ordens für die Feier der vorkonziliaren Liturgie im Bistum wurde zurückgezogen. Seither gibt es keine Neuigkeiten seitens der Diözese über den aktuellen Stand. Presseanfragen von katholisch.de ließ das Bistum bislang immer unbeantwortet.

In einem am Samstag veröffentlichten Manifest rufen die Transalpinen Redemptoristen alle Bischöfe dazu auf, in einem Konzil ohne den Papst über die nachkonziliaren Päpste zu urteilen. Das von den 28 Mitgliedern der Gemeinschaft unterzeichnete Manifest schließt mit sieben Feststellungen: Die Kirche sei mindestens seit Papst Gregor XVI. (1831–1846) von Feinden unterwandert. Das Zweite Vatikanum habe die "freimaurerische Irrlehre des Indifferentismus" gelehrt. Indifferentismus bezeichnet gemäß Gregor XVI. die Position, dass es für die Erlösung auf gute Taten ankomme und das Glaubensbekenntnis dafür irrelevant sei, mithin also auch Nicht-Katholiken Zugang zum ewigen Heil haben.

Die "Papstprätendenten" von Paul VI. an bis hin zum amtierenden Papst hätten in Lehre und Tat gegen ihre vorkonziliaren Vorgänger gehandelt. Die Päpste seit dem Zweiten Vatikanum hätten eine "spirituelle Katastrophe größtmöglichen Ausmaßes" verursacht. Die neuen lehrmäßigen, moralischen, liturgischen und disziplinarischen Entscheidungen seit dem Zweiten Vatikanum stünden im Widerspruch zu vorherigen Lehren. Wer das Zweite Vatikanum akzeptiere, sei von der katholischen Kirche getrennt. Es sei für Katholiken nicht möglich, einen Papst anzuerkennen und zugleich seine Lehren zu Glaube und Sitten und seinen Anweisungen zu Disziplin und Liturgie abzulehnen.

Im Manifest wird der Papststuhl zwar nicht als vakant erklärt, die Päpste seit Paul VI. aber als "Papstprätendenten" und "vorgebliche Päpste" bezeichnet. Die Position der Transalpinen Redemptoristen bewegt sich damit zwischen dem Sedisvakantismus, der davon ausgeht, dass der Papststuhl vakant ist, und dem Sedisprivationismus. Diese Position geht davon aus, dass ein formal zum Papst Gewählter das Papstamt aufgrund von ihm vertretener Irrlehren nicht rechtmäßig ausüben kann.

Umso mitteilungsfreudiger ist der Orden selbst. Gegenüber Medien, die dem Orden nahestehen, äußerte sich der Obere in der vergangenen Woche. Bischof Gilbert habe den Brandbrief aus dem Generalkapitel erhalten und als "Schande" bezeichnet. Der Brief sei so fehlgeleitet wie klar, gibt Pater Michael Mary seinen Bischof wieder.

Kanonisches Verfahren läuft

Wenn der Verdacht auf schwere Straftaten gegen den Glauben wie Schisma und Häresie vorliegen, muss ein Diözesanbischof tätig werden. Und laut Michael Mary hat das auch Gilbert getan: Wegen genau dieser Straftatbestände werde gegen ihn ermittelt. Formal läuft das so ab, dass der Diözesanbischof oder sein Generalvikar eine Voruntersuchung einleiten muss, in der die Hinweise auf kanonische Straftaten geprüft werden und an deren Ende die Empfehlung steht, ob ein Verfahren eingeleitet werden soll. Zuständig ist bei derartigen Straftaten nicht der Bischof und sein diözesanes Gericht, sondern das Glaubensdikasterium in Rom als Gerichtsbehörde.

Auf Häresie und Schisma steht als Strafe die Exkommunikation. Wenig überraschend ist, dass diese Aussicht die "Transalpinen Redemptoristen" wenig schreckt: Die Hierarchie der Kirche erkennen sie ohnehin nicht an, damit seien auch alle von dieser Kirche verhängten Strafen hinfällig.

Diese Position scheint in dem Orden alles zu beherrschen. In seiner Kommunikation dreht sich alles um die Ablehnung der Kirche des Zweiten Vatikanums und das Vorhaben, ein Konzil ohne den Papst zu organisieren – dabei kommt zu den selbstverschuldeten Eskalationen seit einem Monat noch eine persönliche Tragödie dazu: Der 24-jährige Bruder Ignatius, der aus Neuseeland stammt, wird seit Mitte April vermisst. Schon früh ging die Polizei davon aus, dass er auf See zu Tode gekommen sei. Am Mittwoch wurde dann eine Leiche vor der Küste Stronsays gefunden. Ob es sich dabei um Bruder Ignatius handelt, konnte noch nicht abschließend geklärt werden.

Vom Orden war bislang nichts zu ihrem verschwundenen Mitbruder zu hören, anders als von Bischof Gilbert: Ohne die Konflikte und Eskalationen zu erwähnen, zeigte er sich nach der Todesbotschaft betrübt. "Unsere Gedanken und Gebete gelten weiterhin den Freunden und Angehörigen von Bruder Ignatius sowie der Gemeinde auf Papa Stronsay", heißt es in seiner knappen Erklärung.

Von Felix Neumann