Als eine Theologiestudentin den Kardinal herausforderte

Die Kirche in Deutschland wartet gespannt auf den nächsten Schritt aus dem Vatikan hinsichtlich der geplanten bundesweiten Synodalkonferenz. Bekommt das Gremium eine Chance oder wird es weitere Korrekturen aus Rom geben – gar Stoppschilder? Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, betonte beim Katholikentag ihre Hoffnung, dass die deutschen Bischöfe und damit die Kirche in Deutschland diesbezüglich keine weiteren Stoppschilder aus Rom erhalten werden. Dass es dennoch Hinweise oder Mahnungen aus dem Vatikan geben könnte, deuteten zwei Podiumsdiskussionen an.
Beim Podium "Synodaler Weg – Quo vadis?" mit Stetter-Karp und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, warteten hunderte Menschen draußen auf Einlass. Innerhalb weniger Minuten füllte sich der Saal komplett. Die Antwort auf die Frage nach der Recognitio der Synodalkonferenz fiel allerdings ernüchternd aus: Der Prozess gehe voran, brauche aber Zeit. Wilmer formulierte es so: "Ich bin zuversichtlich in Geduld."
Harmonie und Ungeduld
Ein ähnliches Bild zeigte sich beim Podium "Synodalität als Strukturprinzip der Kirche – Initiativen aus den Ortskirchen im Gespräch". Auch im Würzburger Kongresszentrum war der Saal schnell gefüllt. Viele der Anwesenden wussten, dass Papst Leo XIV. womöglich über Kardinal Mario Grech, den Generalsekretär der Weltsynode, eine Botschaft nach Deutschland senden könnte – möglicherweise in Form einer Mahnung.
Doch statt deutlicher Warnungen hielt Grech statt der angekündigten fünf Minuten einen zwanzigminütigen Vortrag, in dem er das römische Verständnis von Synodalität in eine Metapher fasste: die "Symphonie der Gemeinschaft". Synodalität sei demnach keine bloße Summe von Meinungen und auch nicht einfach eine Abstimmung, die Mehrheiten hervorbringe, sondern Harmonie. Zentral blieb dabei immer wieder der Verweis auf den Heiligen Geist als eigentlichen Träger synodaler Prozesse.
Kurienkardinal Mario Grech und Finja Miriam Weber, Theologiestudentin und Mitglied der Synodalversammlung, beim Podium zu Synodalität als Strukturprinzip der Kirche.
Eine der Podiumsteilnehmerinnen, die Theologiestudentin Finja Miriam Weber, dekonstruierte diese Metapher mit drei einfachen Fragen – nach dem Dirigenten, dem Komponisten und den Instrumenten. Wörtlich sagte sie: "Es ist ein schönes Bild vom Orchester, aber mich würde interessieren, wer der Dirigent ist? Wie verteilen wir die Instrumente, wer spielt welches Instrument? Darf wirklich jeder oder geben wir vor, dass gewisse Instrumente von nur gewissen Ämtern gespielt werden können? Dann ist es völlig klar, dass ich als Frau nicht jedes Instrument spielen darf – nur weil ich eine Frau bin."
Verschiedene Verständnisse
Damit traf Weber, die selbst Mitglied der Synodalversammlung war, einen empfindlichen Punkt. Grech antwortete schließlich wieder mit einem Bild, in der Jesus als Komponist und der Heilige Geist als Dirigent beschrieben wurden. Doch genau an diesem Punkt wird der Unterschied zwischen dem deutschen und dem römischen Verständnis von Synodalität deutlich.
Der deutsche Synodale Weg konzentrierte sich vor allem auf konkrete strukturelle Machtfragen und verabschiedete Beschlüsse, die kirchenrechtlich allerdings nicht bindend waren. Der Vatikan hatte früh klargestellt, dass weder einzelne Bischöfe noch die Kirche in Deutschland befugt seien, eigenständig neue Leitungsstrukturen oder Lehren einzuführen, die dem weltkirchlichen Recht widersprechen. Dennoch sagten die meisten deutschen Bischöfe zu, Reformen im Rahmen ihrer Möglichkeiten in den jeweiligen Bistümern umzusetzen.
Die von Papst Franziskus initiierte Weltsynode setzte dagegen stärker auf weltweiten Dialog und geistlichen Austausch. Das zeigt sich auch in der Methode der "Conversatio in Spiritu", dem Gespräch im Geist. Während in Deutschland nach einem Delegiertensystem abgestimmt wird, in dem Bischöfe und Laien gleichberechtigt sind, versteht sich die Weltsynode primär als beratendes Instrument für den Papst. Die endgültige Entscheidungshoheit und das Lehramt bleiben beim Kirchenoberhaupt, nicht bei einer demokratischen Abstimmung aller beteiligten Stimmberechtigten.
Verschiedene Themen
Auch bei den inhaltlichen Schwerpunkten zeigen sich Unterschiede zwischen dem deutschen Reformprojekt und dem der Weltkirche. In Deutschland standen vier Kernfragen im Mittelpunkt: Macht und Gewaltenteilung, Weiheämter für Frauen, die Lebensform der Priester sowie die kirchliche Sexualmoral. Der Vatikan behandelte dagegen ein deutlich breiteres Spektrum rund um das Thema Synodalität: Zuhören, Transparenz, Teilhabe aller Getauften und neue Formen kirchlicher Leitung. Es geht stärker um einen Kultur- und Mentalitätswandel, der schließlich zu den weiteren Themen führte.
Während Rom auf Harmonie und einen gemeinsamen Weg setzt, wächst in Deutschland die Ungeduld. Ordensfrau und Theologin Birgit Weiler spricht von einer "heiligen Ungeduld".
Auch bei der Weltsynode wurde über Sexualmoral, Bischofsernennungen und die Frage nach kirchlichen Ämtern für Frauen diskutiert. Doch Ergebnisse gab es dazu nicht sofort. Eine Frucht der ersten Weltsynoden-Periode war das von Franziskus approbierte Papier des Glaubensdikasteriums, das die Segnungen Homosexueller ermöglichte. Doch in der zweiten Periode delegierte der damalige Papst die weitere Debatte in Arbeitsgruppen – vor allem, was die Frage nach Ämtern und Weihe von Frauen anging.
Während also Rom auf Harmonie und einen gemeinsamen Weg setzt, wächst in Deutschland die Ungeduld. Die in Peru tätige Ordensfrau und Theologieprofessorin Birgit Weiler sprach von einer "heiligen Ungeduld". Konkrete Reformen lassen jedoch weiterhin auf sich warten, und auch die Zukunft der Synodalkonferenz bleibt vorerst noch offen. Und doch deutete der Kardinal in einem Gespräch mit katholisch.de im geistlichen Duktus an, dass beide Reformprozesse den gleichen Initiator hätten – den bereits eingangs erwähnten Heiligen Geist. Eine offene Unterstützung für den deutschen Reformprozess war das nicht. Doch Grechs Wortwahl deutete auf den Wunsch hin, Synodalität geistlicher zu verstehen und Diskussionen nicht "nur" auf Abstimmungen zu reduzieren. Eine direkte Mahnung aus Rom vor deutschen Alleingängen war darin jedenfalls kaum zu erkennen.