Wo die Kirche schon eins ist

Die Ökumene der Heiligen – getrennte Kirchen, gemeinsame Verehrung

Veröffentlicht am 21.05.2026 um 12:50 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Papst Leo XIV. hat einen armenischen Heiligen in den katholischen Heiligenkalender aufgenommen: Eine Geste mit Tradition – und geistlicher Tiefe.

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Wo die Kirchen unten auf der Erde noch getrennt sind, ist die Kirche oben schon vereint: Im Himmel gibt es keine Konfessionen. Die gemeinsame Verehrung der Vorbilder im Glauben durch noch getrennte Kirchen ist daher ein wichtiges Element der geistlichen Ökumene. "Die communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber von Spaltungen", schrieb dazu Papst Johannes Paul II. (1978–2005) in seinem Schreiben zur "Tertio millennio adveniente" (1994), das er in Vorbereitung auf das Heilige Jahr 2000 geschrieben hatte.

In seiner Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" (1995) vertiefte der Papst diesen Gedanken: "Aus einer theozentrischen Sicht haben wir Christen bereits ein gemeinsames Martyrologium", heißt es darin. Johannes Paul II. greift damit einen Impuls auf, den schon das Ökumene-Dekret "Unitatis redintegratio" (1964) des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) gegeben hatte. Darin heißt es, die Katholiken sollen "die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe mit Freude anerkennen und hochschätzen, die sich bei den von uns getrennten Brüdern finden". Dazu gehören für die Konzilsväter auch die Heiligen und vor allem die Märtyrer: "Es ist billig und heilsam, die Reichtümer Christi und das Wirken der Geisteskräfte im Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens".

Immer wieder wird daher die Heiligenverehrung auch zu einem Instrument der Einheit. Teilweise geschieht das aus Tradition: In den katholischen Ostkirchen werden viele Heilige aus der Zeit nach der Trennung zwischen Ost- und Westkirche verehrt, ohne dass sie offiziell zu den katholischen Heiligen gezählt werden. Umgekehrt sprach Johannes Paul II. immer wieder mit großer Wertschätzung etwa von dem byzantinischen Heiligen Gregor Palamas, einem der bedeutendsten Theologen der orthodoxen Kirche, und bezog sich auf seine Theologie.

In jüngerer Zeit wird die Heiligenverehrung von der katholischen Kirche wie von Ostkirchen zunehmend als Feld entdeckt, auf dem trotz fortbestehender Trennung auch offiziell gemeinsam gebetet und gehandelt werden kann. Vor allem für die katholische Kirche ist das Amtliche in der Heiligenverehrung relevant. Im amtlichen Gottesdienst dürfen nur die Heiligen verehrt werden, die auch offiziell von der Kirche anerkannt sind.

Schon Johannes Paul II. erkannte östliche Heilige an

Unter Papst Johannes Paul II. wurde der armenische Heilige Gregor von Narek 2001 ins Römische Martyrologium aufgenommen, das amtliche Verzeichnis der Heiligen, nachdem er schon vier Jahre vorher die armenisch-katholische Eparchie (Diözese) von Buenos Aires mit dem Patronat des ausdrücklich als Heiligen bezeichneten Gregor von Narek errichtet hatte. 2015 ernannte Papst Franziskus ihn dann formell zum Kirchenlehrer, die höchste Ehre, die einem Heiligen zuteil werden kann. Gregor galt wie der heilige Nerses Schnorhali als einer der armenischen Heiligen, die sich besonders für die Einheit der Kirche einsetzten.

Papst Johannes Paul II. unterschreibt eine Enzyklika im Vatikan (Aufnahmedatum unbekannt).
Bild: ©KNA (Archivbild)

Die Ökumene hatte einen besonderen Stellenwert im Pontifikat von Papst Johannes Paul II. Seine Enzyklika "Ut unum sint" ("Auf dass sie eins seien") setzt bis heute Maßstäbe.

Auch Papst Franziskus (2013–2025) hat wie jetzt erstmals Papst Leo XIV. ostkirchliche Heilige in das Römische Martyrologium aufgenommen. Umgekehrt hat das orthodoxe Moskauer Patriarchat auf die Anregung ihrer deutschen Bischöfe und einer eigens eingerichteten Kommission hin katholische Heilige offiziell anerkannt.

2023 empfing Papst Franziskus den koptischen Papst Tawadros II. in Rom. Als Gastgeschenk brachte der koptische Papst dem katholischen eine Reliquie der "21 Märtyrer von Sirte" mit. Die koptische Kirche versteht sich als Märtyrerkirche. Dieses Verständnis aus alter Zeit wurde unter der Terrorherrschaft des "Islamischen Staats" in Libyen grausam ins Heute geholt: 2015 ermordeten Islamisten 21 aus Ägypten stammende Kopten an der Küste nahe Sirte. Das Video der Enthauptung löste weltweit Entsetzen aus, auch bei Papst Franziskus. "Sie wurden ermordet, weil sie Christen sind", sagte er vor einer Delegation der reformierten Kirche von Schottland. "Das Blut unserer christlichen Brüder ist ein Zeugnis des Aufschreiens, ganz gleich ob es Katholiken, Orthodoxe, Kopten oder Lutheraner sind: Sie sind Christen, die mit ihrem Blut Christus bekennen", so der Papst weiter.

Die koptische Kirche hatte die Märtyrer bereits kurz nach ihrem Tod ins Verzeichnis der Märtyrer aufgenommen. 2021 bezeichnete Papst Franziskus sie als "Heilige aller Christen, aller Konfessionen und christlichen Traditionen". 2023, beim Besuch von Tawadros, machte der katholische Papst das auch offiziell: Die Märtyrer von Sirte werden seither auch offiziell in der katholischen Kirche als Heilige verehrt.

Papst Leo XIV. setzt die Tradition fort

Ein Jahr nach den libyschen Märtyrern nahm Franziskus den heiligen Isaak von Ninive (um 640–700) anlässlich des Besuchs des Katholikos der Assyrischen Kirche des Ostens, Mar Awa III., in den Heiligenkalender auf. Der im heutigen Irak wirkende Bischof Isaak war ein bedeutender Asket, Mystiker und Theologe und ist bis heute einer der am meisten verehrten Kirchenväter der ostsyrischen Tradition. Die Assyrische Kirche des Ostens hatte sich schon nach dem Konzil von Ephesus (431) aus der Gemeinschaft mit den anderen Kirchen dieser Zeit begeben. Noch heute hat die Assyrische Kirche des Ostens daher einen Sonderstatus innerhalb der altorientalischen Kirchen, die dieses Konzil noch akzeptieren und bei denen es erst mit dem Konzil von Chalcedon (451) zur Trennung kam. Umso bedeutender ist das Zeichen, einen assyrischen Heiligen in der katholischen Kirche zu verehren.

Katholikos Aram I. (l.) und Papst Leo XIV. (r.) bei ihrer Begegnung im Apostolischen Palast im Vatikan.
Bild: ©picture alliance / abaca | ABACA

Der Besuch von Katholikos Aram I. im Mai 2026 war seine erste offizielle Begegnung mit Papst Leo XIV. Schon zu dessen Vorgängern pflegte der Katholikos der Armenischen Apostolischen Kirche gute Beziehungen. Anlässlich des Besuchs nahm Leo den armenischen Heiligen Nerses in das Martyriologium Romanum auf.

Papst Leo XIV. hält an der Ökumene durch Anerkennung fest. Anlässlich des Besuchs des armenischen Katholikos von Kilikien, Aram I., nahm er einen weiteren armenischen Heiligen in das katholische Heiligenverzeichnis auf, den heiligen Nerses Schnorhali (1102–1173). Nerses IV. war Katholikos der Armenier (1166–1173), also ein Vorgänger des amtierenden Katholikos Aram I., und gilt als der herausragendste armenische Theologe und Dichter seiner Zeit. "Er ist als Hirte, Theologe, Dichter, Kirchenlieddichter und Wegbereiter der modernen Ökumene in Erinnerung geblieben; von seinen Zeitgenossen erhielt er wegen des versöhnlichen Charakters seiner Schriften den Titel 'Schnorhali', 'der Begnadete'", erläutert das vatikanische Einheitsdikasterium die Bedeutung des Heiligen. Nerses setzte sich für die Versöhnung der getrennten Kirchen ein, insbesondere zwischen seiner altorientalischen armenischen Kirche und der byzantinisch-orthodoxen Kirche. Seine Hymnen sind bis heute Teil der Liturgie der altorientalischen wie der katholischen armenischen Kirche.

Ökumene der Heiligen ist keine Einbahnstraße

Dass die Ökumene der Heiligenverehrung keine Einbahnstraße ist, zeigte das Moskauer Patriarchat. Heute ist die russische orthodoxe Kirche in der Ökumene wie in der Orthodoxie selbst isoliert, weil sie sich bereitwillig vom russischen Staat zu einem Instrument der Rechtfertigung für den Angriffskrieg auf die Ukraine machen lässt. Vor dem Krieg gab es aber versöhnliche Zeichen der Ökumene. 2014 wurde eine Kommission des Patriarchats eingerichtet, die eine Liste von Heiligen aus Mittel- und Westeuropa zusammenstellen soll, die in die liturgischen Bücher aufgenommen werden können. Voraussetzungen seien das "tadellose Bekenntnis des orthodoxen Glaubens", die Verehrung der Heiligen in den Auslandsdiözesen der orthodoxen Kirche und das Fehlen der Heiligen "in polemischen Werken gegen die Ostkirche und den östlichen Ritus".

Früchte dieser Kommission waren die Aufnahme der Heiligen Patrick, Alban, Genoveva von Paris, Vincent von Lerins und elf weiterer westlicher Heiliger 2017, 2018 folgten die Wandermönche Gallus, Kolumban der Jüngere und Fridolin von Säckingen, zusammen mit dem georgisch-orthodoxen heiligen Königspaar Mirian III. und Nana. Den Heiligen ist gemeinsam, dass sie vor dem Morgenländischen Schisma zwischen den orthodoxen Kirchen und der katholischen Kirche im Jahr 1054 lebten.

Auch nach Kriegsbeginn kamen noch neue Heilige aus der katholischen Kirche dazu: 2023 nahm die Heilige Synode auf die Initiative von Metropolit Mark von Berlin, der Bischof der Diözese der Russisch-Orthodoxen Auslandskirche ist, und Erzbischof Tichon von Rusa, der Bischof der Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche ist, einige für Deutschland bedeutsame Heilige in den Kalender auf. Dazu gehören Bonifatius, der Apostel der Deutschen, die Bischöfe Maternus (Köln), Maximin (Trier), Korbinian (Freising), Burkard (Würzburg), Ansgar (Hamburg), die Märtyrer der Thebaischen Legion, die vor allem in Köln und Bonn verehrt werden, die Märtyrerin Afra von Augsburg sowie die heiligen Ordensfrauen Lioba von Bischofsheim und Walburga von Eichstätt.

Hans Scholl in Uniform am linken Bildrand, Christoph Probst in zivil am rechten Bildrand. Dazwischen Sophie Scholl mit strengem Seitenscheitel, Strickjacke und ernstem Blick.
Bild: ©KNA

Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst im Juli 1942 – ein Jahr später wir die Gruppe von jungen Christen verschiedener Konfessionen von den Nationalsozialisten ermordet.

Allen diesen Beispielen ist gemein, dass es um Kirchen geht, die sich bei der Heiligenverehrung theologisch einig sind. Mit den Kirchen der Reformation ist ein derartiger Austausch nur schwer möglich. Die Ablehnung der Heiligen als Fürsprecher bei Gott gehört quasi zur reformatorischen DNA. "Anrufung der Heiligen ist auch der endchristlichen Mißbräuche einer und streitet wider den ersten Hauptartikel [die Erlösung allein durch Christus] und tilget die Erkenntnis Christi", heißt es dazu in den "Schmalkaldischen Artikeln", einer von Martin Luther verfassten Bekenntnisschrift.

Die Weiße Rose und die Lübecker Märtyrer – Zeugen der Ökumene des Blutes

Das birgt Herausforderungen, wenn die "Ökumene des Blutes" bei Märtyrern der jüngeren Geschichte Glaubenszeugen verschiedener Konfessionen zusammenführt, die dann aus theologischen Gründen unterschiedlich behandelt werden müssen. Aus Respekt vor dem Glauben anderer Gemeinschaften kann die katholische Kirche evangelische Glaubenszeugen nicht als Heilige vereinnahmen.

Zum Widerstandskreis der "Weißen Rose" um die Geschwister Scholl gehörten Christen verschiedener Konfessionen. Viele von ihnen wurden 1943 von den Nationalsozialisten ermordet. Alexander Schmorell wird von der russisch-orthodoxen Kirche als Neumärtyrer unter dem Namen "Alexander von München" verehrt. Willi Graf war katholisch, seit einiger Zeit prüft das Erzbistum München und Freising seine Seligsprechung. Christoph Probst ließ sich kurz vor seiner Hinrichtung katholisch taufen. Über eine Seligsprechung wurde öffentlich diskutiert. Hans und Sophie Scholl waren evangelisch – und obwohl die evangelische Theologie keine Heilige kennt, sind nach Sophie Scholl mehrere evangelische Gemeinden benannt. Eine gemeinsame liturgische Verehrung der Weißen Rose als christliche Zeugen gegen den Nationalsozialismus wird aber kaum möglich sein.

Ähnlich ist es mit den "Lübecker Märtyrern". Die drei katholischen Kapläne Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller sowie der evangelisch-lutherische Pastor Karl Friedrich Stellbrink wirkten während der NS-Zeit in Lübeck. In Lübeck wurden sie zu Gegnern des Nationalsozialismus, 1943 wurden sie wegen "Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft" zum Tode verurteilt und fünf Monate nach dem Prozess binnen Minuten in Hamburg nacheinander ermordet.

Gedenkausstellung an die vier Lübecker Märtyrer in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Gedenkausstellung an die vier Lübecker Märtyrer in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche – der drei Katholiken und dem Protestanten wird selbstverständlich gemeinsam gedacht.

Papst Franziskus bezeichnete alle vier als Beispiel der "Ökumene des Blutes", Papst Benedikt XVI. würdigte die vier in einem Atemzug, dass sie "mit ihrem gemeinsam getragenen Leiden im Gefängnis bis zu ihrer Hinrichtung im Jahre 1943 ein großartiges, geradezu ökumenisches Zeugnis der Menschlichkeit und der Hoffnung gegeben" haben. Der Lübecker Märtyrer wird daher schon lange ökumenisch gedacht. Zu ihrer Gedenkstätte in der Lübecker Propsteikirche pilgern jedes Jahr Tausende von Menschen, Denkmäler in Hamburg und Osnabrück erinnern an sie. Hier ist das Gedenken ökumenisch – kirchenamtlich bleibt es bei der Trennung.

Die drei katholischen Kapläne wurden 2011 seliggesprochen, der lutherische Pastor nicht – bei der Seligsprechung in Hamburg waren aber auch Nachfahren Stellbrinks anwesend. Im Formular für die Messe am Gedenktag wird des "seligen Märtyrers Johannes Prassek und seiner Gefährten" gedacht. Der evangelische Gefährte, der formal nicht dazu gehört, kann also mitgedacht werden. Stellbrink wird auch im "Evangelischen Namenskalender" aufgeführt. Mit diesem Kalender gedenkt die Evangelische Kirche in Deutschland Glaubenszeugen, ohne sie als Heilige zu verehren.

Trotz der theologischen Differenzen, ob eine Kirche Heilige kennt und verehrt oder eine Gemeinschaft nur Glaubenszeugen gedenkt: Die Ökumene der Heiligen stärkt die Einheit der Kirche. "Obgleich auf unsichtbare Weise, ist die noch nicht volle Gemeinsamkeit unserer Gemeinschaften in Wahrheit fest verankert in der vollen Gemeinschaft der Heiligen, das heißt derjenigen, die sich nach einem Leben in Treue zur Gnade in der Gemeinschaft mit dem verherrlichten Christus befinden", heißt es dazu bei Johannes Paul II.: "Diese Heiligen kommen aus allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die ihnen den Eintritt in die Heilsgemeinschaft eröffnet haben."

Von Felix Neumann