Elf Vorgänger des neuen Nuntius van Megen

Von Pacelli bis Eterovic: Die bisherigen Nuntien in Deutschland

Veröffentlicht am 10.04.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Berlin ‐ Seit gut 100 Jahren entsendet der Vatikan Apostolische Nuntien nach Deutschland. Mit Hubertus van Megen tritt nun der zwölfte Botschafter des Papstes sein Amt an. Katholisch.de stellt seine Vorgänger in Kurzporträts vor.

  • Teilen:

Seit über einem Jahrhundert entsendet der Heilige Stuhl Apostolische Nuntien nach Deutschland – die offiziellen Botschafter des Papstes, die zugleich Bindeglied zwischen Vatikan, Ortskirche und Politik sind. Sie begleiten Bischofsernennungen, vermitteln in innerkirchlichen Konflikten, verhandeln Staatskirchenverträge und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Mit dem am Donnerstag von Papst Leo XIV. ernannten niederländischen Erzbischof Hubertus van Megen tritt nun der zwölfte Nuntius sein Amt in Detschland an. Katholisch.de stellt seine elf Vorgänger in Kurzporträts vor: von Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., über Diplomaten wie Corrado Bafile und Giovanni Lajolo bis hin zu van Megens Vorgänger Nicola Eterovic.

1920–1929: Eugenio Pacelli

Er war der erste Apostolische Nuntius für ganz Deutschland – und ist bis heute hierzulande der wohl bekannteste Diplomat des Heiligen Stuhls geblieben: Eugenio Pacelli. Zwar beruht Pacellis bleibende Bekanntheit vorrangig darauf, dass er 1939 zum Papst gewählt wurde und als Pius XII. (1939–1958) in einer dramatischen weltpolitischen Phase auf dem Stuhl Petri saß. Doch auch als Nuntius in Deutschland ab 1920 (und zuvor ab 1917 in Bayern) hinterließ Pacelli bleibende Spuren. So handelte er unter anderem die bis heute gültigen Konkordate mit Bayern (1924) und Preußen (1929) aus und stärkte damit die institutionelle Stellung der Kirche im Deutschen Reich. Und auch wenn Pacellis Haltung als Papst zum Nationalsozialismus und zum Holocaust bis heute umstritten ist – als Nuntius bezog er mehrfach klar Stellung gegen die NS-Ideologie (die "vielleicht gefährlichste Häresie unserer Zeit") und Adolf Hitler, den er 1929 in einem Bericht als "berüchtigten politischen Agitator" bezeichnete.

1930–1945: Cesare Orsenigo

Cesare Orsenigo hatte mutmaßlich die herausforderndste Amtszeit als Nuntius in Deutschland – schließlich erlebte er als Vertreter des Heiligen Stuhls das Scheitern der Weimarer Republik, die NS-Diktatur und den gesamten Zweiten Weltkrieg mit. Erschwerend hinzu kam, dass Orsenigo als Quereinsteiger ohne tiefere Kenntnisse in den diplomatischen Dienst des Vatikan gekommen war und laut Historikern von seinem Vorgänger Pacelli – der ihm erst als Kardinalstaatssekretär und später als Papst vorgesetzt war – und der NS-Führung als diplomatisches Leichtgewicht abgetan wurde. Allerdings weisen ihn die Berichte, die er in hoher Zahl aus Berlin in den Vatikan schickte, laut dem Historiker Thomas Brechenmacher als präzisen Beobachter aus, der – etwa in der Beurteilung der Reichspogromnacht 1938 – die Vorgänge im NS-Staat in ihrem Kern erfasst und der römischen Zentrale übermittelt habe. Während der Endphase des Weltkriegs verließ Orsenigo Berlin Anfang 1945 in Richtung Eichstätt, wo er ein Jahr später starb.

Kardinal Aloysius Muench
Bild: ©KNA-Bild (Archivbild)

Der US-Amerikaner Aloysius Muench war der erste diplomatische Vertreter des Vatikan in Deutschland nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs.

1946/1951–1959: Aloysius Muench

Aloysius Muench war der erste diplomatische Vertreter des Vatikan in Deutschland nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs. Der deutschstämmige US-Amerikaner amtierte ab 1946 zunächst als Apostolischer Visitator und Leiter der Päpstlichen Mission für die Flüchtlinge in Deutschland. In dieser Funktion organisierte er von Kronberg im Taunus aus den Transport von rund 950 Güterwaggons mit päpstlichen Hilfsgütern nach Deutschland. 1951 wurde Muench dann offiziell Nuntius in der neu eröffneten Apostolischen Nuntiatur in Bonn. Zwar sollte er laut Pius XII. Nuntius für ganz Deutschland sein – in die DDR konnte er in den folgenden Jahren aufgrund des zunehmend fester verschlossenen Eisernen Vorhangs aber nur zweimal einreisen. In seiner Zeit als Nuntius machte Muench, der während seiner gesamten Zeit in Deutschland Bischof des US-Bistums Fargo blieb, die Bonner Nuntiatur laut dem Historiker Simon Unger-Alvi "zu einem Zentrum der globalen Diplomatie und zu einer Schaltstelle zwischen Deutschland, dem Vatikan und den Vereinigten Staaten im Kalten Krieg".

1960–1975: Corrado Bafile

Der Italiener Corrado Bafile hält zwei bemerkenswerte Rekorde: Er ist bis heute der Apostolische Nuntius mit der längsten Amtszeit in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Und er ist der älteste Kardinal aller Zeiten – Bafile starb 2005 nämlich erst im gesegneten Alter von 101 Jahren. In seine Amtszeit in Deutschland fielen tiefgreifende Umbrüche in Politik und Kirche: das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965), die gesellschaftlichen Reformdebatten der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre sowie die Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD). Bafile, der als junger Mann zeitweise in München studiert hatte und ausgezeichnet Deutsch sprach, galt als durchsetzungsstarker Vertreter römischer Positionen; die Boulevardpresse nannte ihn einen "Tiger in samtener Soutane". Als Nuntius mischte sich Bafile immer wieder in innerdeutsche Debatten ein, etwa über Konfessionsschulen, das Sittenstrafrecht oder die Abtreibungsgesetzgebung. Kontroversen löste auch sein letztlich gescheiterter Versuch aus, den Limburger Bischof Wilhelm Kempf wegen dessen reformfreundlicher Positionen aus dem Amt zu drängen.

1975–1984: Guido Del Mestri

Der italienische Erzbischof Guido Del Mestri führte die Vatikan-Vertretung in Bonn in einer Zeit politischer und kirchlicher Umbrüche. Del Mestri, ein erfahrener Diplomat mit Stationen in Indonesien, Ost- und Westafrika sowie Mexiko, erwarb sich in Deutschland schnell den Ruf eines unauffälligen, zurückhaltenden und vorsichtigen Diplomaten. Für die katholische Kirche in der Bundesrepublik und die Bischofskonferenz war er ein bedeutender Vermittler zum Vatikan. Dort schätzte man vor allem seine klaren analytischen Berichte über die Situation der Kirche in Deutschland. Unter Del Mestri standen heikle Fragen des getrennten Deutschlands zur Debatte, außerdem war er mit dem "Fall Küng" beschäftigt. Höhepunkt seiner Amtszeit war der erste Deutschlandbesuch von Papst Johannes Paul II. (1978–2005) im November 1980 – ein Ereignis, das Del Mestri selbst als "Zucker auf dem Kuchen" bezeichnete.

Kardinal Giovanni Lajolo.
Bild: ©picture alliance / dpa/Fredrik Von Erichsen (Archivbild)

Kardinal Giovanni Lajolo.

1984–1991: Josip Uhač

Wer nach Informationen zur Amtszeit von Josip Uhac als Nuntius in Deutschland sucht, wird kaum fündig. Obwohl der kroatische Erzbischof immerhin sieben Jahre der diplomatische Vertreter des Heiligen Stuhls in der Bundesrepublik war und während dieser Zeit weltpolitische Großereignisse wie der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands stattfanden, finden sich in Nachschlagewerken kaum Auskünfte über Uhacs Wirken. Auch die Apostolische Nuntiatur selbst handelt Uhacs Zeit in Deutschland in einem Kurzporträt auf ihrer Internetseite mit einem Satz ab: "1984 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Apostolischen Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland (1984–1991)." Bleibende Spuren hat Uhac als Nuntius in Deutschland also nicht hinterlassen. Aufmerksamkeit erregte dafür tragischerweise sein Tod: Wenige Stunden bevor am 18. Januar 1998 seine Ernennung zum Kardinal durch Johannes Paul II. bekanntgegeben werden sollte, starb Uhac in Rom.

1991–1995: Lajos Kada

Der ungarische Erzbischof Lajos Kada trat sein Amt als Apostolischer Nuntius in einer Phase des Umbruchs an: Nach der Wiedervereinigung Deutschlands musste die Kirche in den neuen Bundesländern neu strukturiert werden. Als erfahrener Diplomat führte Kada die komplizierten und langwierigen Verhandlungen zur Errichtung der Bistümer Erfurt, Görlitz und Magdeburg und des Erzbistums Hamburg. Dabei galt er als feinfühliger Vermittler, der zugleich selbstbewusst die Interessen des Vatikans vertrat. Kada genoss großes Ansehen bei der Kirche in Deutschland und der Bundespolitik. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, lobte ihn kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als "guten Botschafter" und "außerordentlichen Anwalt für unsere Kirche beim Heiligen Stuhl". Kada selbst erteilte der Kirche in Deutschland wenige Wochen vor seinem Abschied den Rat, immer nah bei der Weltkirche zu bleiben: Probleme könne man am besten lösen, wenn man sich nicht in der ortskirchlichen Denkweise einkapsele, sondern im Rahmen der Weltkirche Lösungen suche.

1995–2003: Giovanni Lajolo

Der mittlerweile 91-jährige Kardinal Giovanni Lajolo galt im Vatikan lange als einer der besten Kenner Deutschlands. Acht Jahre lang war der Norditaliener Nuntius in der Bundesrepublik – zunächst in Bonn, später in Berlin. Die kirchlichen Eigenheiten im Land der Reformation waren ihm da längst vertraut: Schon als Student hatte er in den 1960er-Jahren in München promoviert und nebenher als Kaplan gearbeitet, von 1970 bis 1974 war er zudem bereits Mitarbeiter in der Bonner Nuntiatur. Später war er im vatikanischen Staatssekretariat für Mittel- und Nordeuropa zuständig – und damit auch für das geteilte Deutschland. Als Nuntius erlebte Lajolo eine der schwierigsten innerkirchlichen Auseinandersetzungen der 1990er-Jahre: den Streit um die kirchliche Schwangerenkonfliktberatung. Gemeinsam mit dem damaligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, suchte er zunächst nach einem Kompromiss, der den Verbleib der katholischen Beratungsstellen im staatlichen System ermöglicht hätte. Kritiker warfen ihm deshalb vor, gegen den Willen Roms zu handeln. Seiner späteren Beförderung zum vatikanischen Außenminister stand dies aber nicht im Weg.

Bundespräsident Joachim Gauck empfängt den Apostolischen Nuntius, Erzbischof Jean-Claude Perisset im Schloss Bellevue.
Bild: ©KNA (Archivbild)

Der Apostolische Nuntius Erzbischof Jean-Claude Perisset mit dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Schloss Bellevue.

2003–2007: Erwin Josef Ender

Erwin Josef Ende stellt in der Reihe der Nuntien in Deutschland eine Besonderheit dar – dass ein Vatikan-Diplomat in seinem Heimatland eingesetzt wird, ist nämlich die absolute Ausnahme. Der aus Schlesien stammende Ender war seit 1970 in der vatikanischen Diplomatie tätig und hatte viele Jahre die deutschsprachige Abteilung im Staatssekretariat geleitet. Nach seiner Bischofsweihe 1990 vertrat er den Heiligen Stuhl als Nuntius im Sudan, in den baltischen Staaten und in der Tschechischen Republik, bevor Papst Johannes Paul II. ihn nach Berlin entsandte. In Enders Amtszeit von 2003 bis 2007 fielen die Ernennungen von sechs Ortsbischöfen und einer Reihe von Weihbischöfen, erfolgreiche Verhandlungen über Staatskirchenverträge sowie zwei Besuche von Papst Benedikt XVI. (2005–2013) in seiner deutschen Heimat – 2005 zum Weltjugendtag in Köln und 2006 in Bayern. "Diese vier Jahre hätte ich mir nicht erträumen können", sagte Ender zum Ende seiner Amtszeit in Deutschland. Er habe seine Heimat neu kennengelernt.

2007–2013: Jean Claude Perisset

Als Erzbischof Jean-Claude Perisset 2007 die Leitung der Nuntiatur in Berlin übernahm, konnte er bereits auf eine lange diplomatische Laufbahn im Dienst des Heiligen Stuhls zurückblicken. Papst Benedikt XVI. berief den Geistlichen aus der französischsprachigen Westschweiz, der zuvor unter anderem Nuntius in Rumänien gewesen war, zum Abschluss von dessen diplomatischer Laufbahn nach Deutschland. In seine Amtszeit fielen die ersten massiven Erschütterungen der Kirche durch den Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg sowie der Bauskandal um den Limburger Bischof Tebartz-van Elst und. Perisset agierte in beiden Fällen zurückhaltend und loyal gegenüber Rom, ohne öffentlich stark in Erscheinung zu treten. Zugleich war er maßgeblich an der Vorbereitung der letzten Deutschlandreise Benedikts XVI. 2011 beteiligt – einem kirchenpolitischen Höhepunkt seiner Amtszeit. 2013 nahm Papst Franziskus sein altersbedingtes Rücktrittsgesuch an.

2013–2026: Nikola Eterovic

Erzbischof Nikola Eterovic vertrat den Vatikan fast 13 Jahre in Deutschland – und damit länger als die meisten seiner Vorgänger. Nachdem er im Januar die Altersgrenze von 75 Jahren erreicht hatte, nahm Papst Leo XIV. am Donnerstag das Rücktrittsgesuch des Kroaten an. Als Eterovic 2013 seinen Dienst in Berlin antrat, befand sich die katholische Kirche in Deutschland im Schatten des Missbrauchsskandals und eines massiven Vertrauensverlusts. Die Aufarbeitung der Verbrechen und die wachsenden Spannungen zwischen Rom und der Kirche in Deutschland sollten seine Amtszeit prägen. Besonders der 2019 gestartete Synodale Weg entwickelte sich zur zentralen Belastungsprobe: Eterovic verstand sich weniger als Vermittler zwischen unterschiedlichen kirchlichen Lagern, sondern vor allem als loyaler Vertreter der römischen Positionen. Immer wieder mahnte er die deutschen Bischöfe, Reformforderungen an der kirchlichen Lehre und der Autorität des Papstes zu messen. Dieser mitunter als kompromisslos wahrgenommene Kurs sorgte wiederholt für Spannungen mit Teilen des deutschen Episkopats.

Von Steffen Zimmermann