Geschichte des Schismas

Von Lefebvre bis heute – wie die Piusbrüder wurden, was sie sind

Veröffentlicht am 27.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Bonn ‐ Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam der Bruch: Aus dem Protest eines Bischofs wurde eine weltweite traditionalistische Bewegung. Alle Dialogversuche Roms scheiterten – bis heute geht es so weiter.

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Die Geschichte der Piusbruderschaft ist vor allem durch einen Mann geprägt: Erzbischof Marcel Lefebvre, den Gründer der Bruderschaft. Lefebvre wurde 1905 im äußersten Nordwesten Frankreichs geboren. Zunächst wurde er Diözesanpriester: Nach seinem Studium in Rom empfing er 1924 in Lille die Priesterweihe. 1931 trat er dem Orden der Spiritaner bei, um Missionar in Afrika zu werden. Seinen Einsatzort hatte er in Gabun, wo er am Priesterseminar lehrte und dessen Regens wurde. Nach einem kurzen Einsatz in der Priesterausbildung in Frankreich wurde er 1941 zum Apostolischen Vikar in Dakar, der Hauptstadt des heutigen Senegal, ernannt. 1948 wurde er zum Apostolischen Delegaten für die französischsprachigen Kolonialgebiete in Afrika berufen. Papst Pius XII. errichtete 1955 aus dem Apostolischen Vikariat ein Erzbistum und ernannte Lefebvre zu dessen erstem Erzbischof.

Oppositioneller Konzilsvater

Unter Papst Johannes XXIII. verlor Lefebvre zunächst sein Amt als Apostolischer Delegat. Als Vorsitzender der westafrikanischen Bischofskonferenz wurde er aber in die Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils berufen. Zugleich berief ihn der Papst zum "Päpstlichen Thronassistenten", einem Ehrentitel, mit dem die Aufnahme in die Päpstliche Familie und zeremonielle Aufgaben verbunden sind. Auf Bitten des Papstes verzichtete Lefebvre auf sein Bischofsamt in Dakar; stattdessen wurde er Bischof von Tulle in Frankreich – ein Amt, das er nur sieben Monate ausübte und das er zugunsten seiner Wahl zum Generaloberen der Spiritaner aufgab.

Damit nahm Lefebvre als Ordensoberer und Titularerzbischof am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Schon mit den Vorgängen zu Beginn war er nicht zufrieden: Anstatt dass die Textvorlagen aus der Kurie als Beratungsgrundlage verwendet wurden, setzte die Mehrheit der Konzilsväter unter Führung der Kardinäle Josef Frings und Achille Liénart durch, neue Entwürfe auszuarbeiten.

Lefebvre gehörte zu einer Gruppe von etwa 250 konservativen Bischöfen, dem "Coetus Internationalis Patrum", die 1963 gegründet wurde und deren Vorsitz er innehatte. Mit mehreren Eingaben wandte er sich während des Konzils gegen den Gedanken der Kollegialität der Bischöfe und gegen die Religionsfreiheit, nicht aber gegen die Liturgiekonstitution. Am Ende akzeptierte er aber die Ergebnisse des Konzils zunächst.

Entstehung der Piusbruderschaft nach der Liturgiereform

Die Spannungen nahmen in der Folge des Konzils weiter zu. 1968 trat er von seinem Amt als Generaloberer der Spiritaner zurück – sein Orden wollte dem konzilskritischen Kurs seines Oberen nicht folgen. 1969 setzte Papst Paul VI. die Liturgiereform in Kraft. Lefebvre weigerte sich, in der neuen Form zu zelebrieren. Seine Eingaben an den Papst, die Reform noch einmal zu überdenken, blieben erfolglos. Auch die auf Lefebvres Initiative von mehreren Bischöfen und Theologen verfasste "Kurze kritische Untersuchung des neuen 'Ordo Missae'" konnte den Papst nicht umstimmen, obwohl sie mit Kardinal Alfredo Ottaviani einen prominenten Fürsprecher hatte.

Auszug der Bischöfe aus der Konzilsaula im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils 1964 im Petersdom im Vatikan.
Bild: ©KNA/Ernst Herb (Archivbild)

Marcel Lefebvre gehörte zu den Konzilsvätern des Zweiten Vatikanum – und wurde zum schärfsten Gegner des Konzils. Schon während der Sitzungen versuchte er, gegenzusteuern.

Ab da ging es schnell: Konservative französische Seminaristen wandten sich an Lefebvre mit dem Anliegen einer traditionellen Priesterausbildung. Der wiederum suchte Unterstützung beim Bischof des Schweizer Bistums Lausanne-Genf-Freiburg, François Charrière. Charrière regte die Gründung der Priesterbruderschaft St. Pius X. an, auf Latein "Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X." (daher die Abkürzung "FSSPX"). Die Geburtsstunde der Piusbruderschaft ist der 1. November 1970: Zu diesem Termin errichtete Charrière die Gemeinschaft als "pia unio", also als religiöse Vereinigung, zunächst für sechs Jahre "ad experimentum".

Eine "pia unio" ist keine Ordensgemeinschaft. Damit konnte sie weder ein Priesterseminar unterhalten noch Priester selbst inkardinieren, also kirchenrechtlich aufnehmen mit dem Leiter als Oberem der Priester. Dennoch nahm die Piusbruderschaft schon 1971 den Betrieb des bis heute bestehenden Priesterseminars im Schweizer Écône auf; 1971 wurden auch die ersten Priester unerlaubt geweiht. 24 Seminaristen traten im ersten Jahr ein. Die französischen Bischöfe weigerten sich, die Geweihten später in ihren Diözesen aufzunehmen; in der französischen Bischofskonferenz wurde für Écône der Name "le séminaire sauvage", das wilde Seminar, geprägt.

Auflösung der Piusbruderschaft als kirchliche Vereinigung

Trotz des offensichtlichen Ungehorsams blieb Lefebvre bis 1972 Konsultor der Glaubenskongregation, und erst 1974 wurde das eigentlich illegale Seminar kanonisch visitiert; der Papst richtete eine Kardinalskommission zur Prüfung der Vorgänge ein. Im November 1974 veröffentlichte Lefebvre eine "Glaubenserklärung". Darin bekennt sich Lefebvre zum "katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens". Damit meinte er aber nicht das gegenwärtige Rom: "Wir lehnen es hingegen ab, und haben es immer abgelehnt, dem Rom der neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kam." Lefebvre wurde von der Kardinalskommission nach Rom einbestellt, die Gespräche zeigten aber keine Wirkung. Der neue Bischof von Lausanne-Genf-Freiburg, Pierre Mamie, wurde daher aufgefordert, der Piusbruderschaft den kanonischen Status zu entziehen, was er auch tat. Seit diesem Zeitpunkt ist die Piusbruderschaft keine Körperschaft des kanonischen Rechts mehr.

Rechtsmittel Lefebvres blieben erfolglos. Papst Paul VI. hatte die Entscheidung der Kardinalskommission "in forma specifica" approbiert, sodass keine Rechtsmittel dagegen eingelegt werden konnten. Lefebvre akzeptierte die Niederlage vor dem höchsten kirchlichen Gericht, der Apostolischen Signatur, aber nicht und erklärte die Auflösung der Piusbruderschaft für ungültig.

1976 kam mit der Weihe von Priesterkandidaten die nächste Eskalation. Auf eine Ermahnung des Präfekten der Bischofskongregation schickte er nicht wie verlangt eine Bitte um Entschuldigung nach Rom, sondern vielmehr einen Brandbrief, in dem er den Papst aufforderte, "die richtige Auffassung der verfälschten Ideen wiederher[zu]stellen, die zu Idolen des modernen Menschen geworden sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Demokratie". Der Papst suspendierte Lefebvre am 22. Juli 1976 a divinis, verbot ihm also die Ausübung des priesterlichen Dienstes.

Erste illegale Bischofsweihen

In den Jahren darauf blieben alle römischen Dialogversuche erfolglos. Das fortschreitende Alter Lefebvres – 1985 wurde er 80 – stellte die Gemeinschaft vor Herausforderungen: Wie lange würden sie noch einen Bischof haben, der ihre Priester weiht? 1987 kündigte Lefebvre daher die Weihe neuer Bischöfe an – ein ungleich schwererer Verstoß als die unerlaubte Weihe von Priestern. Da das "modernistische und liberale Rom" an seinem "Werk der Zerstörung" festhalte, sehe er sich zu den Weihen gezwungen, "damit die Kirche und das katholische Priestertum fortfahren zu bestehen".

Piusbruder feiert "Alte Messe".
Bild: ©KNA (Symbolbild)

Die Piusbruderschaft feiert nur die vorkonziliare Form der Liturgie. Die Liturgiereform war ein wichtiger Auslöser für die Gründung der Piusbruderschaft – aber der theologische Dissens reicht tiefer.

Auf diese Ankündigungen folgten Verhandlungen in Rom unter Leitung des Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. Lefebvre und Ratzinger einigten sich auf ein Protokoll. Dazu gehörten die Anerkennung des Papstes, die Anerkennung der Gültigkeit der Messe in der neuen Form, der Verzicht auf Polemik gegen die neue Messe und die Achtung der kirchlichen Rechtsordnung. Im Gegenzug sollte die Piusbruderschaft wieder einen kanonischen Status als Gesellschaft des Apostolischen Lebens erhalten, die Suspension Lefebvres aufgehoben und dem Papst sogar vorgeschlagen werden, einen Priester der Piusbruderschaft zum Bischof weihen zu lassen.

Das Protokoll wurde zwar von Lefebvre unterzeichnet. Über die Frage, wann ein päpstliches Mandat für eine Bischofsweihe erteilt würde, kam es aber wieder zum Zerwürfnis. Im Juni 1988 teilte Lefebvre dem Papst per Brief mit, dass er auch ohne päpstliche Erlaubnis Bischöfe weihen werde. Postwendend erinnerte Papst Johannes Paul II. Lefebvre an das Protokoll und bezeichnete schon in diesem Brief die angekündigten Weihen als schismatischen Akt.

Noch im selben Monat, am 30. Juni 1988, kam es zu den Weihen. Mit dem brasilianischen Bischof Antônio de Castro Mayer als Kokonsekrator weihte Lefebvre vier Priester der Piusbruderschaft zu Bischöfen: Bernard Fellay, Bernard Tissier de Mallerais, Richard Williamson und Alfonso de Galarreta.

Schon am Folgetag zog Rom die Konsequenz: Die Bischofskongregation stellte per Dekret die Exkommunikation der weihenden und der neugeweihten Bischöfe fest, Papst Johannes Paul II. bestätigte das Dekret mit seinem Apostolischen Schreiben "Ecclesia Dei". Damit stand der schismatische Akt mit höchster kirchlicher Autorität fest. Der Papst erläuterte in seinem Schreiben den falschen Traditionsbegriff der Piusbruderschaft als Auslöser: "Die Wurzel dieses schismatischen Aktes ist in einem unvollständigen und widersprüchlichen Begriff der Tradition zu suchen: unvollständig, da er den lebendigen Charakter der Tradition nicht genug berücksichtigt." Ein Traditionsbegriff sei "unzutreffend und widersprüchlich, der sich dem universalen Lehramt der Kirche widersetzt, das dem Bischof von Rom und dem Kollegium der Bischöfe zukommt".

Papst Johannes Paul II. will Traditionalisten zurückholen

In seinem Schreiben ermahnt der Papst auch die Gläubigen, sich nicht dem Schisma der Piusbruderschaft anzuschließen: "Alle müssen wissen, daß die formale Zustimmung zu einem Schisma eine schwere Beleidigung Gottes ist und die Exkommunikation mit sich bringt, wie im Kirchenrecht festgesetzt ist." Gleichzeitig stellte er den Gläubigen, die an der vorkonziliaren Liturgie hängen, in Aussicht, auf sie zuzugehen.

Dieses Zugehen auf traditionalistische Gläubige zeigte sich vor allem in der Einrichtung der nach dem Apostolischen Schreiben benannten Päpstlichen Kommission Ecclesia Dei. Sie sollte den mit der Piusbruderschaft verbundenen Klerikern und Gemeinschaften eine Rückkehr in die kirchliche Gemeinschaft ermöglichen. Ein früher Erfolg war die Gründung der Petrusbruderschaft, die aus ehemaligen Piusbrüdern entstand, die den Weg ins Schisma nicht mitgehen wollten: Sie wurde am 18. Juli 1988 gegründet und nur drei Monate darauf als klerikale Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechts errichtet. Weitere Gemeinschaften folgten. Gespräche der Kommission mit der Piusbruderschaft blieben aber durchweg erfolglos.

Papst Benedikt XVI. hebt die Exkommunikationen auf

Papst Benedikt XVI. wollte in seinem Pontifikat die Einigung mit den Piusbrüdern erreichen, die ihm als Präfekt der Glaubenskongregation nicht gelungen war. 2005 traf er sich mit dem damaligen Pius-Generaloberen Fellay und seinem Vorgänger Franz Schmidberger zu Gesprächen. 2007 liberalisierte er die Feier der vorkonziliaren Liturgie durch sein Motu proprio "Summorum Pontificum" und übertrug der Kommission Ecclesia Dei die Zuständigkeit dafür. Vor allem aber hob er Anfang 2009 die Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft auf – gnadenhalber, nicht weil er die Feststellung des schismatischen Akts durch seinen Vorgänger nicht teilte. Vorangegangen war ein Brief Fellays, der eine Annäherung nach Aufhebung der Exkommunikation in Aussicht stellte.

Ein Fernsehteam filmt am 16.01.2013 im Gerichtssaal des Regensburger Amtsgerichts (Bayern) einen Tablet-Computer, auf dem ein Video des Fernsehinterviews mit Holocaust-Leugner Richard Williamson zu sehen ist.
Bild: ©dpa/Armin Weigel (Archivbild)

Ein Fernsehteam filmt am 16. Januar 2013 im Gerichtssaal des Regensburger Amtsgerichts einen Tablet-Computer, auf dem ein Video des Fernsehinterviews mit Holocaust-Leugner Richard Williamson zu sehen ist.

Die Aufhebung der Exkommunikation sollte zum größten Fiasko des Pontifikats Benedikts XVI. werden: Kurz danach wurde öffentlich, dass einer der Pius-Bischöfe, Richard Williamson, den Holocaust geleugnet hatte. Als Reaktion setzte das israelische Oberrabbinat die Beziehungen zum Heiligen Stuhl aus, der Zentralrat der Juden in Deutschland brach den Dialog mit der katholischen Kirche vorerst ab. Fellay untersagte Williamson politische Äußerungen und ließ verlautbaren, dass ihm der Antisemitismus seines Mitbruders nicht bekannt gewesen sei.

Die Aufhebung der Exkommunikation hatte keine Wirkung. Die ersehnte Aussöhnung mit den Piusbrüdern blieb aus. "Wir ändern unsere Positionen nicht; sondern wir haben die Intention, Rom zu bekehren, das heißt, Rom zu unseren Positionen zu führen", betonte etwa Bernard Tissier de Mallerais kurz danach.

Trotz der Aufhebung der Exkommunikation änderte sich der Status der Piusbruderschaft und ihrer Mitglieder ansonsten nicht. Weiterhin und bis heute sind alle ihre Mitglieder suspendiert, dürfen also keine priesterlichen Dienste ausüben. Schon im Juni nach der Aufhebung weihte die Piusbruderschaft erneut Priester ohne kirchliche Erlaubnis.

Eine 2011 ausgehandelte "lehrmäßige Präambel" sollte die Bedingungen festschreiben, unter denen die Piusbruderschaft in die Gemeinschaft zurückkehren konnte. Die Unterzeichnung blieb aber aus: Der Generalobere erklärte, dass die Piusbruderschaft die Präambel nicht annehmen könne.

Papst Franziskus versucht einen pastoralen Ansatz

Zu Beginn seines Pontifikats zeigte sich Papst Franziskus hoffnungsvoll, dass ein barmherziges Vorgehen Durchbrüche im Dialog bewirken könnte. Mit der Ausrufung des Jahres der Barmherzigkeit von Ende 2015 bis 2016 erteilte er den Priestern der Piusbruderschaft die Vollmacht, Beichten erlaubt und damit gültig zu spenden – bis dahin waren alle bei der Piusbruderschaft aufgrund der Suspension ihrer Kleriker ungültig. Diese Vollmacht erweiterte Franziskus nach dem Jahr der Barmherzigkeit dauerhaft.

2017 wurde den Piusbrüdern außerdem ermöglicht, mit Erlaubnis des Ortsbischofs Eheschließungen zu assistieren. Die Entscheidung wurde in einem Brief des damaligen Glaubenspräfekten Gerhard Ludwig Müller mitgeteilt. Auch diese Maßnahme erfolgte ausdrücklich im Zuge der Barmherzigkeit: "Aufgrund derselben pastoralen Gesinnung, die darauf abzielt, trotz der derzeit objektiv andauernden kirchenrechtlichen Illegitimität der Piusbruderschaft den Gläubigen in ihren Gewissensnöten entgegenzukommen", sei die Erlaubnis erteilt worden. Zumindest in Deutschland wurde von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht: Die deutschen Bischöfe erklärten, der Piusbruderschaft keine Befugnisse zu Eheschließungen zu erteilen.

Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums (links), und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. (rechtsaußen)
Bild: ©Pressebild Dikasterium für die Glaubenslehre

Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Glaubensdikasteriums, und Pater Davide Pagliarani, Generaloberer der Priesterbruderschaft St. Pius X., nach ihrem Gespräch im Februar 2026. Noch lächeln sie, kurz darauf weist die Piusbruderschaft die ausgestreckte Hand zurück.

Im selben Jahr stand eine erneute Einigung so nah, dass bereits konkrete strukturelle Überlegungen getroffen wurden, etwa die Errichtung einer Personalprälatur. Indes: Es kam wieder zu keiner Einigung. So sehr Papst Franziskus den Piusbrüdern entgegengekommen war – die inhaltlichen Schwerpunkte seines Pontifikats, sei es "Amoris laetitia", sei es die universelle Brüderlichkeit, vor allem aber seine erneute Einschränkung der Feier der vorkonziliaren Liturgie, standen den Einstellungen der Piusbruderschaft diametral entgegen.

Bischofsmangel und neue Weihen

Heute ist die Piusbruderschaft größer denn je. Die Gemeinschaft hat 184 Niederlassungen, die 800 Messorte bedienen, und unterhält 94 Schulen. Nach eigenen Angaben gehören gut 1.500 Mitglieder zu ihr, darunter 733 Priester und 264 Seminaristen in fünf Seminaren – und noch zwei Bischöfe.

Mit der selbstverschuldeten ausbleibenden Einigung stehen die Piusbrüder knapp 40 Jahre nach ihren letzten Bischofsweihen wieder vor derselben Situation: Ohne Bischöfe kann die Gemeinschaft dauerhaft nicht bestehen – ohne Bischöfe keine neuen Priester, ohne Priester keine Priesterbruderschaft. Marcel Lefebvre starb bereits 1991. Richard Williamson verließ die Piusbruderschaft 2012 im Streit und starb 2025 als Vagantenbischof – auf ihn geht eine zunehmend bizarre Kette weiterer Bischofsweihen zurück, die demnächst wohl bei den "Transalpinen Redemptoristen" fortgesetzt wird. Bernard Tissier de Mallerais starb 2024. Am Leben und im Dienst der Piusbruderschaft sind noch Alfonso de Galarreta, Jahrgang 1957, und Bernard Fellay, Jahrgang 1958.

Schon vor dem Tod von Tissier de Mallerais wurde daher in der Piusbruderschaft über neue Weihen nachgedacht. Gewissheit herrscht seit diesem Februar: Der Generalobere Davide Pagliarani kündigte die Weihe neuer Bischöfe an. Ein Treffen des Glaubenspräfekten Víctor Manuel Fernández mit dem Generaloberen scheint für die Piusbruderschaft eher als Formalität angesehen worden zu sein; kurz nach dem Gespräch kam trotz der weitreichenden Zusage, über eine abgestufte Zustimmung zum Zweiten Vatikanischen Konzil sprechen zu können, die Absage der Piusbrüder. Ende Mai nannte Pagliarani die Namen der vier Weihekandidaten, unter ihnen der Leiter des Priesterseminars im bayerischen Zaitzkofen.

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Marc Hannappier im Kollarhemd vor Bücherregalen
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Pascal Schreiber im Messgewand
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Dogmatisch bewegen sich die Piusbrüder nicht. Eine von ihnen Mitte Mai vorgelegte "Glaubenserklärung" dokumentiert die Ablehnung der Tradition der Kirche, wie sie sich seit dem Zweiten Vatikanum entwickelt hat; Ende Mai bekräftigte sie ihre Position in Gestalt eines "Glaubensbekenntnisses".

Damit dürfte sich die Geschichte wiederholen: Wie 1988 wird die Piusbruderschaft eindringlich vor der Weihe gewarnt, auch vom Papst selbst. Und trotzdem laufen die Vorbereitungen für die Weihen in Écône auf Hochtouren. Am 1. Juli sollen die vier neuen Bischöfe geweiht werden. 1988 folgte am Tag darauf das Exkommunikationsdekret. Viel länger wird man auch 2026 darauf nicht warten müssen.

Von Felix Neumann