Gastbeitrag von Militärpfarrer Sven Hofmann

Unzeitgemäß? Einsätze zeigen, warum es mehr Militärseelsorge braucht

Veröffentlicht am 14.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Sven Hofmann – Lesedauer: 

Bad Frankenhausen ‐ Die Militärseelsorge – ein historisches Relikt? Militärpfarrer Sven Hofmann teilt Erfahrungen von seinem jüngsten Einsatz: Sie zeigen ihm, dass es eine Intensivierung der Seelsorge für, bei und mit Soldaten braucht.

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"Die Kirche in der Bundeswehr: Zeit, Schluss zu machen." So titelte kürzlich Ralf Nestmeyer in seinem Kommentar in der taz (Ausgabe vom 8. Februar 2026) und plädierte für die Abschaffung der Militärseelsorge. Eine moderne Bundeswehr brauche keine Militärseelsorge, die auf Pfründe bestehe und missionieren möchte. Bei der Präsentation der Studie "Was kann und was leistet Militärseelsorge?" Ende Januar hatte sich der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg für ein "proportionales Mitwachsen der Militärgeistlichen" in einer wachsenden Bundeswehr ausgesprochen. Nestmeyer hingegen meint, die Militärseelsorge verschlinge viel Geld, sei unzeitgemäß, ein historisches Relikt – und überhaupt brauche es keine staatlich subventionierte Missionsarbeit. Vielmehr bräuchten Soldatinnen und Soldaten heute professionelle Krisenintervention und psychologische Betreuung.

Gerade aus dem Einsatz in Litauen zurückgekehrt, lese ich diesen Kommentar, den mir ein Soldat zugeschickt hat. Im Gepäck habe ich eine Erfahrung, die aufzeigt, wie wichtig Seelsorge vor allem im Einsatz ist. Über 500 deutsche Soldaten sind in einer Kaserne der litauischen Streitkräfte untergebracht. Für sechs Monate teilen sich zwei bis drei Soldatinnen und Soldaten einen Container. Es gibt kaum Privatsphäre auf 15 Quadratmeter. Ein wichtiger Orte ist die "Little Church", ein Mehrzweckraum der Militärseelsorge: ein Ort zum Innehalten, zum Abschalten, zum Plaudern und Essen, zum Filme schauen und zum Musizieren. 24 Stunden, sieben Tage die Woche kann die Little Church von jedem aufgesucht werden.

Seit Anfang Dezember steht auf dem Altar das Foto eines verunglückten Soldaten: Nennen wir ihn David. Mit Anfang 20 wurde er bei einem Schießunfall schwer verletzt und starb zwei Tage später in Krankenhaus. Vor dem Bild stehen immer wieder Kerzen, ein kleiner Engel, ein Kreuz. Davids Kameraden brauchen einen Ort zum Abschied nehmen.

"Was wollen sie dort?"

David wurde aus dem prallen Leben gerissen. Am Wochenende war er noch mit seinen Kameraden unterwegs und hatte Spaß beim Kaufen der ersten Weihnachtsgeschenke. Um ihn trauern seine Familie, seine Freunde und über 1.000 Kameraden aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Norwegen und Litauen. Nach dem Schießunfall wurden die Truppenpsychologie und die Militärseelsorge aus verschiedenen Ländern zusammengezogen um Betroffenen zu helfen und für Gespräche bereit zu stehen.

Auch ich war da... aber nicht bei David im Krankenhaus. Schmerzlich habe ich erfahren, was passiert, wenn niemand weiß, wofür Militärseelsorge da sein kann. Einem Soldaten im Sterben beizustehen, zuzuhören, Trost und Segen zuzusprechen, Sakramente zu spenden. Auf die Frage, ob Davids Leichnam von einem Seelsorger gesegnet und verabschiedet wird, bekam ich keine Antwort. Nur eine Gegenfrage: "Was wollen sie dort?"

Letztlich standen wir mit vier Militärseelsorgern am Airbus A400M der belgischen Airforce. Nur ein stilles Gebet und ein Segen beim Vorbeitragen des Sarges. Das war einmal anders. In früheren Auslandseinsätzen der Bundeswehr wurde kein getöteter Soldat ohne einen Segen eines Militärseelsorgers ausgeflogen.

Militärseelsorger Sven Hofmann am 24. September 2025 bei einem Gottesdienst in Weißenfels.
Bild: ©KNA/Sven Hofmann (Archivbild)

Der Priester Sven Hofmann ist Militärgeistlicher.

Bei David war es anders. "Sieht so etwa die Zukunft der Bundeswehr ohne Militärseelsorge aus?", frage ich mich. Ich wehre mich dagegen, denn für mich sind es Menschen, Kameradinnen und Kameraden, die einen Namen, eine Biografie haben und mehr sind als die Nummer auf der Erkennungsmarke. Genau dafür braucht es in einer modernen Bundeswehr auch die Militärseelsorge, um den Menschen in Uniform im Blick zu halten und ihm auch im Ernstfall ein Gesicht zu geben.

In der Folgezeit kommen immer wieder Kameradinnen und Kameraden auf mich zu und möchten einfach nur reden. Erzählen von ihrem Erlebten und wie tragisch dieser Unfall war.

Nicht nur in dieser Extremsituation kommen Soldaten zu mir und den anderen Mitgliedern des Psycho-Sozialen-Netzwerkes (PSN), von dem die Militärseelsorge ein Teil ist. Truppenpsychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und Militärseelsorger sind für die Soldaten da. Bei manchen Problemen und Sorgen braucht es einen unabhängigen Zuhörer, der einer besonderen Verschwiegenheit (Beichtgeheimnis) unterliegt und nicht in die Hierarchie der Bundeswehr eingebunden ist.

Offenes Ohr und helfende Hand

Soldatinnen und Soldaten dürfen mit allem zu mir kommen und können mir alles erzählen, vollkommen unabhängig ob und woran sie glauben. Das Erzählte bleibt stets im Raum, denn ich darf und kann mit niemanden darüber reden – außer der Soldat entbindet mich von der Schweigepflicht und bittet mich gegebenenfalls, mit einem Vorgesetzten zu sprechen. Darüber hinaus bin ich einer der wenigen, der jederzeit und ungefragt mit Kommandeuren und Vorgesetzten sprechen und sich für die Belange der Soldatinnen und Soldaten einsetzen kann.

Um diese Aufgabe gut und verantwortungsvoll leisten zu können, braucht es dringend mehr Militärseelsorger. Soldaten brauchen überall und jederzeit ein offenes Ohr und eine helfende Hand. Längst nicht in jeder Kaserne gibt es einen Seelsorger. Einsätze werden so gut es geht alle begleitet. Die vielfältigen Aufgaben der Bundeswehr wirken sich direkt auf den Menschen aus und die Belastung ist hoch, höher als je zuvor. Es sind nicht nur die Soldaten, sondern auch deren Lebenspartner, ihre Eltern und Geschwister, ihre Familien, die eine besondere Betreuung brauchen.

"Die Kirche in der Bundeswehr: Zeit, Schluss zu machen." – Nein, wir brauchen mehr Seelsorger, die für die Soldatinnen, Soldaten, ihre Familien und Freunden da sind, sich für sie einsetzen und in allen Lebenslagen beistehen.

Von Sven Hofmann