Leo XIV. und die Kirche setzen die US-Regierung unter Druck
Groß ist die Aufregung nicht nur in den USA, seit US-Präsident Donald Trump am 13. April frontal und polemisch gegen Papst Leo XIV. Stellung bezog. Zwar verzichtete Trump auf beleidigende Ausfälle, wie er sie im Kampf gegen innenpolitische Gegner gerne nutzt. Er benutzte keine Schimpfwörter, nannte den Papst aber "schwach" mit Blick auf die Verbrechensbekämpfung und eine "Katastrophe" in der Außenpolitik. Er sei "kein Fan von Papst Leo". In späteren mündlichen Äußerungen legte er nochmals nach, nannte ihn einen Liberalen – für Trump fast ein Schimpfwort, "schrecklich" und "ahnungslos" in Bezug auf den Krieg mit dem Iran.
Der Papst reagierte überraschend direkt. Noch im Anflug auf das erste Ziel seiner Afrikareise erklärte er vor mitreisenden Journalisten, er habe keine Angst vor der Trump-Regierung. Und er sei kein Politiker und greife niemanden an. Das eine stimmt offensichtlich, das andere ist nur teilweise wahr. Denn tatsächlich hat Papst Leo in einer geradezu strategischen Vorgehensweise seit Monaten Druck gegen die Politik von US-Präsident Trump aufgebaut. Dabei spielte er auf mehreren Ebenen.
Strategie der Nadelstiche
Zum einen nutzte er in Castel Gandolfo immer wieder die allwöchentlichen "Doorstep"-Fragen amerikanischer Journalisten – die meist zum konservativ-katholischen Lager in den USA gehören –, um klare Botschaften in Richtung Heimat zu senden. Anfangs ging es um das Vorgehen gegen Migranten in den USA, später immer häufiger um Krieg und Frieden. Sogar zu den Spannungen innerhalb der Nato äußerte er sich in diesem Format.
Feierlich und vor ganz großem Publikum sprach er zudem bei herausragenden zeremoniellen Gelegenheiten über Krieg und Frieden: einmal vor den beim Vatikan akkreditierten Botschaftern aus aller Welt im Januar, und dann an Ostern im Vatikan. Die maximale Reichweite nutzend, die ihm bei diesen Gelegenheiten zur Verfügung steht, sprach er von "sinnloser und unmenschlicher Gewalt" im Nahen Osten. Christen könnten nicht an der Seite jener stehen, die "heute Bomben abwerfen".
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin lieferte dem Papst in immer neuen Varianten in Interviews und Reden Vorlagen.
Und er sprach von "Allmachtsfantasien, die um uns herum immer unberechenbarer und aggressiver werden". An keiner Stelle nannte er dabei den Namen Trump oder erwähnte explizit die USA. Doch schon nach der Ansprache an die Diplomaten, in denen er die Verletzungen der multilateralen Ordnung und des Völkerrechts geißelte, klingelten in Washington die Alarmglocken. Zu dieser Mixtur von politischen Nadelstichen und friedensbeseelten Breitseiten kamen die Äußerungen von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hinzu, der in immer neuen Varianten in Interviews und Reden dem Papst Vorlagen lieferte. Für einen Chefdiplomaten ging er erstaunlich weit und steckte mit seinen Absagen an das Vorgehen der USA immer wieder neu das Terrain ab für weitere Äußerungen des Papstes.
Aber die wohl wirksamsten Vorstöße kamen aus den Reihen der Bischöfe und Kardinäle in den USA. Schon im Januar hatten sie beim Thema Migration mit einem Hirtenwort die Linie der Trump-Regierung und der ICE-Polizei gegeißelt. Und nach dem Angriff der US-Streitkräfte auf den Iran am 28. Februar legten sie weiter nach. Die US-Bischöfe und Kardinäle taten nun genau das, wovor die Sicherheitsberater im Pentagon unter Führung des (katholischen) Staatssekretärs Elbridge Colby am 22. Januar den Vatikan in einem denkwürdigen "Gedankenaustausch" mit dem Apostolischen Nuntius, Kardinal Christophe Pierre, gewarnt hatten: Die Geistlichen stellten die Legitimität des als präventiv deklarierten US-Angriffskrieges komplett in Frage und sagten, dies sei nach Maßstäben der kirchlichen Lehre kein "gerechter Krieg".
Eskalation nach Trumps Vernichtungs-Tweet
Dass auch Erzbischof Timothy Broglio, immerhin seit 2007 Militärbischof der US-Streitkräfte und mit führenden Militärs gut bekannt, dies tat, schmerzte im Pentagon besonders. Zu den Nadelstichen zählt auch die im Februar sang- und klanglos verkündete Absage des Papstbesuches zu den 250-jährigen Unabhängigkeitsfeiern der USA.
Doch sie war nichts im Vergleich zu den Tönen, die der Papst und seine Hilfstruppen einschlugen, nachdem Trump in einem Morgen-Tweet am 7. April als neue Eskalationsstufe im Iran-Krieg die "Vernichtung einer ganzen Zivilisation" androhte. Der Papst nannte das am selben Abend beim Doorstep in Castel Gandolfo "inakzeptabel". Zudem rief er die Amerikaner dazu auf, ihr Nein zum Krieg auch gegenüber ihren politischen Vertretern zu bekunden, und er organisierte ein weltweites Friedensgebet. Das wiederum nutzte er zu einer leidenschaftlichen Anti-Kriegs-Ansprache am Abend des 11. April im Petersdom.
Eine Predigt des Kardinals von Washington D.C., Robert McElroy, schlug aus Sicht des Weißen Hauses dem Fass den Boden aus
Was dann aus Sicht des Weißen Hauses dem Fass den Boden ausschlug, war die Predigt, die zu diesem Anlass der Kardinal von Washington D.C., Robert McElroy, in der "nationalen Kathedrale" der US-Hauptstadt hielt. Er sprach von einem "unmoralischen Krieg" und endete unter langem Applaus der Kirchgänger mit den Worten: "Wir müssen laut und mit einer Stimme antworten: Nein! Nicht in unserem Namen! Nicht jetzt! Nicht mit unserem Land!"
Dass Trump darauf rhetorisch reagieren würde, lag auf der Hand. Seither wird immer wieder die Frage ventiliert, ob es in der Geschichte Präzedenzfälle für diesen Showdown zwischen dem Präsidenten in Washington und dem Papst im Vatikan gab. Die Antwort lautet auf den ersten Blick: Nein. Zum einen hat es noch nie ein Gegenüber von einem US-Präsidenten und einem in USA geborenen Papst gegeben. Und zum anderen gab es noch nie einen so direkten und scharfen verbalen Schlagabtausch zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und dem Oberhaupt der weltgrößten Religionsgemeinschaft.
Zwist beim Vietnamkrieg
Doch ganz frei von derartigen Konstellationen ist die Geschichte nicht. Das beginnt mit Papst Benedikt XV., der versuchte, im Ersten Weltkrieg mit geheimen Verhandlungen einen Frieden zwischen den verfeindeten Großmächten Frankreich und Deutschland zu vermitteln. Als die Sache aufflog, wurde er vor allem im mehrheitlich katholischen Frankreich dafür heftig attackiert und in der regierungsnahen Presse als Verräter beschimpft.
Nicht viel besser erging es Paul VI., als er 1966 im Vietnamkrieg an die USA appellierte, die Bombardierung Nordvietnams einzustellen, zu Gebeten für den Frieden aufrief und Verhandlungen forderte. Er bezeichnete damals den Konflikt als "schwindelerregendes Glücksspiel mit dem Schicksal der Menschheit" und beschwor vergeblich US-Präsident Lyndon B. Johnson, einen Verhandlungsweg zur Beendigung des Krieges zu suchen, dem immer mehr Zivilisten zum Opfer fielen. Schon damals warfen konservativ-nationale Stimmen (bei Demokraten wie bei Republikanern) dem Papst vor, er verstehe nicht, worum es in diesem Krieg gehe. Sein Engagement für den Frieden nütze den Feinden Amerikas und der Freiheit.
Papst Johannes Paul II. zog gegen den kommunistischen Block zu Felde.
Ähnliche Argumente hatte es schon gegen seinen Vorgänger Johannes XXIII. gegeben. Der hatte mit "Pacem in terris" (Frieden auf Erden) 1963 die erste Friedens-Enzyklika eines Papstes im Atomzeitalter veröffentlicht und die Abrüstung der Supermächte gefordert, um eine Selbstzerstörung der Menschheit zu verhindern. Auch hier lautete das Argument der "Falken" in den USA, dass der Papst mit seinem blauäugigen Friedenswünschen letztlich den kommunistischen Diktatoren im Ostblock nütze, die man im Wettrüsten besiegen müsse. Peinlicherweise nannten sich dann auch noch in einigen Ostblock-Ländern regimetreue Claqueure in den Reihen der Kirche nach dieser Enzyklika. Unter der Bezeichnung "Pacem-in-Terris-Priester" priesen sie die "friedliebende Sowjetunion" und geißelten den "aggressiven US-Imperialismus".
Ganz anders lief es im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges. Damals zogen US-Präsident Ronald Reagan und der polnische Papst Johannes Paul II. gemeinsam (und am Ende sehr erfolgreich) auf unterschiedlichen Wegen gegen den kommunistischen Block zu Felde. Antikommunismus und das Eintreten für Religionsfreiheit und die traditionelle Familie verbanden den Vatikan und Washington noch bis Mitte der 1990er Jahre eng miteinander und kamen auch im Einsatz gegen kommunistische Bewegungen in Lateinamerika zum Tragen.
Risse in der harmonischen Beziehung
Die harmonische Beziehung bekam Risse, als die USA 1990/91 in ihrem ersten Golfkrieg den Irak unter Saddam Hussein attackierten und der Vatikan auf Distanz ging. Im Jugoslawienkrieg näherten sich die beiden dann wieder an. Der Vatikan billigte eine Nato-Intervention mit UN-Mandat zumindest indirekt. Als Argument wurde das Selbstbestimmungsrecht der Völker angeführt – und die Pflicht der internationalen Gemeinschaft, einem drohenden Genozid zur Not auch mit militärischen Mitteln entgegenzutreten. Die alte Theorie des "gerechten Krieges" erlebte damals in neuem Gewand eine Wiederauferstehung.
Zum offenen Zwist kam es aber dann beim zweiten amerikanischen Golfkrieg gegen den Irak unter Präsident George W. Bush Junior, der ab 2003 unter dem Vorwand geführt wurde, der Irak bereite den internationalen Einsatz von Massenvernichtungswaffen vor. Diesem Krieg, dessen destabilisierende Wirkung für den Nahen Osten samt den verheerenden Folgen für die christlichen Minderheiten dort der Vatikan fürchtete, trat der bereits schwer kranke Papst Johannes Paul II. unter Aufbietung seiner letzten Kräfte entgegen. Nicht zufällig machte sich Leo XIV. den leidenschaftlichen Friedens-Appell des später heiliggesprochenen Papstes aus Polen zu eigen, als er am 11. April 2026 vom Petersdom aus das weltweite Friedensgebet leitete.
