Das komplizierte Erbe der Mission

Was passiert mit den Missionssammlungen deutscher Orden?

Veröffentlicht am 11.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Beate Kampen – Lesedauer: 

Köln ‐ Europäische Missionare brachten Gegenstände aus aller Welt nach Europa. Bis heute ist ein Großteil davon undokumentiert. Wie steht es um die Aufarbeitung der Missionsgeschichte von Ordensgemeinschaften?

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Hans Vöcking stützt sich auf seinen Gehstock ab und schlendert langsam entlang von Artefakten aus Burkina Faso, Uganda oder Indien. Vor einer über einen Meter großen dunklen Holzmaske bleibt der 85-jährige Pater stehen. "Die hing früher bei uns im Versammlungsraum", erzählt er und inspiziert ihre großen Augen und weißen Verzierungen. Die Nwantantay-Maske war eine Auftragsarbeit für die Afrikamissionare "Weiße Väter", zu denen auch Vöcking gehört. Für das Volk der Bwa in Burkina Faso spielen solche Masken bis heute eine wichtige Rolle. Doch anstatt bei Aussaat- und Erntefesten genutzt zu werden, hing diese Maske in einem deutschen Ordenshaus – mitgebracht von Missionaren. Damit ist sie kein Einzelfall, sondern ein Zeugnis, das an die teils dunkle Missionsgeschichte erinnert.

Seine ersten Mitbrüder haben sich 1874 auf den Weg nach Afrika gemacht, erzählt Pater Vöcking im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, in dem Exponate seines Ordens ausgestellt sind. Er selbst war in den 1970ern acht Jahre lang als Missionar in Nordafrika aktiv. Wie er haben es Generationen von Missionaren vor ihm getan. Sie zogen mit dem Aufkommen des europäischen Imperialismus ab dem 16. Jahrhundert los, um Menschen in aller Welt zu Christen zu machen. Während sie den Glauben in ferne Regionen trugen, brachten sie zugleich Dinge mit in ihre Heimatländer zurück. So entstanden im deutschsprachigen Raum knapp 80 Missionssammlungen.

Für eine solche Sammlung war auch Vöcking zuständig – wobei "Sammlung" für ihn nicht ganz passt: "Wir haben nie systematisch gesammelt." Trotzdem häuften sich in über 150 Jahren Missionsgeschichte einige Objekte an. "Ich erinnere mich an ein besonderes Artefakt", beginnt er über einen Stammbaum zu erzählen – in Tansania aus dunklem Holz geschnitzt. An ihm könne man viel über das Ahnenverständnis dieser Kulturen lernen, sagt Vöcking. Doch wie alt er genau ist, weiß er nicht mehr. "Wir hatten aber zum Beispiel auch viele Alltagsgegenstände wie Möbel. Und es gab ausgestopfte Tiere." So ein buntes Sammelsurium ist ziemlich typisch für Missionssammlungen.

Ausgestellt im Museum oder verstaubt im Lager

Was sie jedoch unterscheiden, ist die Art der Aufbereitung. Eine Umfrage bei 26 Ordensgemeinschaften aus dem Jahr 2017 gibt einen Einblick. Knapp 40 Prozent der Sammlungen sind in eigenen Missionsmuseen ausgestellt. Ein bekanntes Beispiel ist das Museum Sankt Ottilien in München mit über 5.000 Objekten. Weitere rund 40 Prozent stehen in Vitrinen verstreut in Ordenshäusern. "So war das auch bei uns", erklärt Vöcking, bevor die Ordensgemeinschaft ihre Sammlung 2021 an eine Forschungseinrichtung übergeben hat. Die restlichen 20 Prozent lagern in Depots.

In den meisten Fällen fehlen konkrete Informationen zu den Gegenständen. Etwa die Hälfte aller Objekte aus Missionsgebieten in deutschen Ordenshäusern ist undokumentiert. Das heißt, es gibt keine schriftlichen Hinweise, um was für Gegenstände es sich handelt, woher sie stammen und wann sie nach Deutschland kamen.

Dennoch bergen die Objekte ein großes geschichtliches Potenzial: Sie sind nicht nur künstlerisch oder historisch wertvoll, sondern auch identitätsstiftend. Der tansanische Historiker Valence Silayo von der Universität Dar es Salaam erklärt: "Viele Gegenstände sind voll und ganz in der Gemeinschaft eingebettet, aus der sie kommen. Als sie dort entfernt wurden, bedeutete das für die Menschen den Verlust von Souveränität, Freiheit und eines Teils ihres Lebens." Doch die Missionare verfolgten beim Sammeln der Gegenstände ihre eigenen Ziele.

Missionsmuseen waren weit verbreitet.
Bild: ©katholisch.de/bak

Missionsmuseen waren weit verbreitet.

Denn neben Berichten über ihre Arbeit schickten die Missionare von Anfang an auch materielle Gegenstände in ihre Mutterhäuser. Schüsseln oder getrocknete Pflanzen sollten den zukünftigen Missionaren in Ausbildung den Alltag und die Umgebung ihrer Einsatzorte näherbringen. "In unserer Missionsschule in Rietberg standen Schauschränke, die das Leben in Afrika zeigen sollten", erzählt Vöcking.

Mit der Ansammlung von Gegenständen entdeckten die Orden auch deren Wirkung für die Öffentlichkeitsarbeit – etwa durch Führungen oder in eigenen Museen. Und wer Menschen in ein Museum holen wollte, der wusste damals: "Fremd oder exotisch anmutende Gegenstände haben einen anderen Stellenwert als ein einfacher Kochlöffel", sagt der Ethnologe Markus Scholz vom Frankfurter Institut für Weltkirche und Mission. Sogenannte Missionstrophäen wurden zu einem wichtigen Bestandteil der Sammlungen. Rituelle Gegenstände, die beispielsweise einem Schamanen abgenommen wurden, sollten zeigen, dass die Menschen ihre vorchristliche Religion abgelegt hatten. Es war "ein Ausweis des missionarischen Erfolgs", erklärt Scholz.

Gerade auf dem Land, wo Ordensgemeinschaften meist ihre Mutterhäuser hatten, waren Missionsmuseen gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Tor zur Welt. Sie zeigten die Welt aber nur so, wie die Missionare sie sahen. Aus religiösen Objekten afrikanischer Kulturen wurden "Fetischobjekte". Widerstand gegen die Mission blieb unberücksichtigt, während die Arbeit der Ordensleute stets positiv dargestellt wurde, um Spenden zu gewinnen.

Neue Aufmerksamkeit durch postkoloniale Perspektiven

Ab den 1950ern ist die große Zeit der Missionsmuseen vorbei, die Besucher wurden weniger. Eindrücke "fremder" Welten boten zunehmend Film und Fernsehen. Zudem veränderte sich das Missionsverständnis der katholischen Kirche, nicht zuletzt durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965). "Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist", heißt es in der Konzilserklärung "Nostra aetate".

Wie bei vielen anderen Ordensgemeinschaften sind die Sammlungen der Weißen Väter erst um das Jahr 2000 wieder im Gespräch. "Der Nachwuchs in Europa blieb aus und die Ausbildungsstätten in Deutschland wurden nach und nach geschlossen", erzählt Vöcking. Er musste dann entscheiden, wohin all die Andenken, Artefakte, Bücher und Zeitschriften kommen sollten. "Viele Fotografien habe ich weggeschmissen", gibt er zu. Sie zeigten zwar über ein halbes Jahrhundert afrikanischer Geschichte, doch undatiert seien sie wertlos. Wer die Personen auf den Bildern waren, wird sich nun nie mehr klären lassen. Weil es sich bei Missionssammlungen eben um Privatsammlungen der Ordensgemeinschaften handelt, haben sie den Spielraum, selbst zu entscheiden, was mit ihrem Erbe passiert.

Doch durch die weltweite Aufarbeitung des Kolonialismus werden ethnologische Sammlungen im Globalen Norden nach und nach wieder interessant – so auch die Missionssammlungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, welche Rolle Missionare in ehemaligen Kolonien hatten. Die Antwort mag je nach Region, Zeitraum und Missionsgesellschaft unterschiedlich sein. Sie alle trugen aber zur Europäisierung indigener Gesellschaften bei. Der Ethnologe Markus Scholz fordert dabei einen differenzierten Blick auf die Missionssammlungen. "Alles pauschal als Raubkunst zu verurteilen, wird der Komplexität der Sache nicht gerecht". Entscheidend sei, wie die Gegenstände zu den Missionaren gelangt seien.

„Jeder dieser Gegenstände hat damals eine Bedeutung gehabt – entweder für Individuen, Familien oder ganze Communities“

—  Zitat: Valence Silayo

Zwei Beispiele zeigen die Bandbreite. Die Pallottiner aus Limburg missionierten im heutigen Kamerun, als es deutsche Kolonie war. Sie beschäftigen sich intensiv mit ihrer Sammlung und wissen heute: Sie besitzen auch Gegenstände, die über Strafexpeditionen von kolonialen Truppen gesammelt wurden. In der Sammlung der Weißen Väter gibt es dagegen rituelle Masken, die im unabhängigen Mali als Spezialanfertigungen für die Missionare hergestellt wurden. Entscheidend ist eben der historische Kontext, in dem gerade kulturell sensible Gegenstände zu den Orden kamen. In etlichen Fällen hatten die Missionare genügend Macht und Druckmittel, ihren Willen durchzusetzen. "Das änderte sich aber mit der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten", erklärt die Religionswissenschaftlerin Belinda Peters von der Universität Bochum. Diese kam aber oft erst in den 1960er Jahren.

In vielen Sammlungen liegt also Geraubtes unterschiedslos neben Geschenktem oder legal Erworbenem. Deshalb fordern wiederholt Stimmen, dass sich die Ordensgemeinschaften mit ihrer Missionsgeschichte und den Sammlungen aus dieser Zeit auseinandersetzen. "Jeder dieser Gegenstände hat damals eine Bedeutung gehabt – entweder für Individuen, Familien oder ganze Communities", sagt der tansanische Historiker Silayo. Ob ein Gegenstand auch heute noch wichtig ist, könnten nur die Menschen aus ehemaligen Missionsgebieten entscheiden. Für ihn ist deswegen klar: Die Kirche muss die Herkunft aller Gegenstände klären und Kontakt mit den betroffenen Nachfahren und Gemeinschaften herstellen. "Sie wollen diese Gegenstände zurück – und vor allem mit einer guten Erklärung, was in den letzten 100 Jahren mit ihnen passiert ist."

Vöcking sieht das anders. Die Ordensgemeinschaften müssten die Freiheit haben, sich von Dingen zu trennen. "Wir haben über all die Jahrzehnte gelernt, zu unterscheiden, was aufbewahrenswert ist und was eben nicht", sagt der Ordensmann. In seiner Ordensgemeinschaft fehlten die Ressourcen, alles aufzuarbeiten. Eine vollständige Herkunftsklärung aller Gegenstände sei schlicht nicht machbar.

Aufarbeitung ist keine Priorität

Wie ihm geht es vielen Ordensmännern und -frauen, weiß der Ethnologe Markus Scholz . "Bei den allermeisten Gemeinschaften ist es keine Priorität, sich der eigenen Missionsgeschichte anzunehmen", so der Ethnologe. Es gebe viel dringendere Probleme wie etwa die Versorgung von alten und kranken Ordensleuten. Vielen sei einfach nicht bewusst, welche Bedeutungen mit Dingen in ihren Sammlungen verbunden sein können. Hinzu kommt, dass man eben nicht weiß, was bei der Aufarbeitung der Ordensgeschichte herauskommt. Die Gemeinschaften hätten die Befürchtung, dass in der Presseberichterstattung zu pauschalisierend negativ über sie geurteilt werden könnte, wenn etwa koloniale Verstrickungen, Missbrauchsfälle oder Kritik an hoch angesehenen Missionaren an die Öffentlichkeit kommen, erklärt Scholz.

All diese Sorgen kennt auch der Ordensmann Vöcking. "Es ist nun mal so, dass die Entwicklung der Weißen Väter und der Kolonialismus parallel verlaufen", sagt er. Europäische Akteure hätten die Geschichte Afrikas auch negativ beeinflusst. "Afrikanische Kultur wurde als minderwertig im Vergleich zu der eigenen Kultur angesehen", so Vöcking. Er weiß, dass sich das auch in den Schriften und Artefakten widerspiegelt. Dennoch hat er sich an verschiedene Forschungseinrichtungen gewandt, um die Sammlung und Missionsgeschichte seiner Gemeinschaft aufzuarbeiten. Der Grund ist ziemlich banal: Vöcking und seine Mitbrüder mussten ihre Niederlassung in Köln räumen und zogen ins Altenheim um. "Dort gab es keinen Platz für all unsere Gegenstände."

Übernommen hat die Sammlung das CERES, die religionswissenschaftliche Fakultät der Universität Bochum. Religionswissenschaftlerin Belinda Peters erhofft sich anhand der Sammlung aus Gegenständen, Missionszeitschriften und internen Dokumenten Erkenntnisse darüber, wie Religionskontakte ablaufen. Dafür müssen sie aber zuerst die Herkunft der Gegenstände klären.

Der Afrikamissionar Hans Vöcking schaut sich die Objekte der Sammlungen gerne an.
Bild: ©katholisch.de/bak

Der Afrikamissionar Hans Vöcking schaut sich die Objekte der Sammlungen gerne an.

Eine solche Aufarbeitung wünscht sich auch der tansanische Historiker Silayo. Die Ordensgemeinschaften hätten immer viel aufgeschrieben, ihre Archive seien voller Informationen über Mission im kolonialen Kontext und darüber hinaus. "Wenn sie selbst aber nicht den Willen oder die Ressourcen haben, diese Geschichte lückenlos aufzuarbeiten, müssen sie externen Kräften wie uns Wissenschaftlern Zugang ermöglichen". Nur so könne das Handeln von Missionaren gegenüber den Einheimischen und damit auch der Ursprung der vielen Gegenstände in den Missionssammlungen unabhängig aufgeklärt werden.

Der 85-jährige Vöcking beobachtet diese Aufarbeitung nun aus zweiter Reihe. Die Ausstellung im Kölner Museum, die bis jetzt daraus entstanden ist, gefällt ihm. Die wenigen Artefakte ziehen nach und nach seinen Blick auf sich. Stundenlang könnte er davor stehen und sie beobachten. "Es geht hier nicht darum, wie viel die Missionare gesammelt haben, sondern einzelne Stücke stehen im Vordergrund. Und die sind einfach wunderschön." Zumindest in dem Punkt wird er sich mit Silayo einig sein.

Von Beate Kampen