Jerusalemer Dormitio-Abtei in Not

Pater Matthias: "Bitte helft uns, wir schaffen es alleine nicht"

Veröffentlicht am 24.05.2026 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 
Pater Matthias: "Bitte helft uns, wir schaffen es alleine nicht"
Bild: © Dormitio

Jerusalem ‐ Seit Jahren bleiben Pilger und Touristen aus – der Dormitio-Abtei in Jerusalem sind so die wichtigsten Einnahmen weggebrochen. Cellerar Pater Matthias Karl spricht im Interview über Existenzsorgen, Spenden und Hoffnung.

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Die deutschsprachige Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem steckt in einer schweren finanziellen Krise. Wegen ausbleibender Pilger und Touristen fehlen der Gemeinschaft seit Jahren die wichtigsten Einnahmen. Im Interview mit katholisch.de spricht der Cellerar der Abtei, Pater Matthias Karl OSB, über die aktuelle Situation der Abtei, den Kampf um Arbeitsplätze, die Unterstützung aus Deutschland – und warum die Gemeinschaft trotzdem nicht aufgibt.

Frage: Pater Matthias, Ihre Abtei hat die eigene Finanzlage zuletzt als "dramatisch" bezeichnet und davon gesprochen, dass die wirtschaftliche Basis des Klosters mittlerweile zusammengebrochen sei. Wie stellt sich die Situation aktuell dar?

Karl: Wir leben ganz wesentlich von den Erträgen, die wir erwirtschaften, wenn Pilger und Touristen zu uns kommen – mit unseren Souvenirläden in Tabgha und Jerusalem, mit der Cafeteria in Jerusalem, aber natürlich auch durch die Großzügigkeit der Besucher, die uns Geld spenden oder Kollekten hinterlassen. Mit diesen Geldern konnten wir in Friedenszeiten viele unserer laufenden Kosten decken. Aber aktuell gibt es keine Pilger und keine Touristen. Und das ist nicht erst seit dem Iran-Krieg oder seit dem Gaza-Krieg so. Eigentlich befinden wir uns schon seit der Corona-Pandemie in dieser Situation. Es gab nach der Pandemie ein kurzes Aufatmen, bis dann am 7. Oktober 2023 mit dem schrecklichen Überfall der Hamas der Gaza-Krieg begann. Seitdem fehlen uns die Einnahmen durch Besucher praktisch komplett.

Frage: Wie stark sind die Einnahmen konkret eingebrochen?

Karl: Wir haben laufende Kosten von über 100.000 Euro pro Monat – aktuell wahrscheinlich sogar noch mehr, weil der Schekel im Verhältnis zum Euro zuletzt so stark geworden ist. Unabhängig vom Tourismus erwirtschaften wir rund 20 Prozent unserer Einnahmen selbst. Dazu zählen etwa Honorare für Publikationen oder Vorträge – vor allem von Abt Nikodemus –, Rentenzahlungen einzelner Mönche oder Zuschüsse, die wir seit Jahren vom Verband der Diözesen Deutschlands und der Deutschen Ordensobernkonferenz bekommen. Und wir haben – Gott sei Dank – zwei Gestellungsverträge, die Auslandsseelsorge und die geistliche Leitung im Pilgerhaus Tabgha. Doch wahr ist: Durch den Wegfall der Einnahmen durch Pilger und Touristen müssen wir derzeit monatlich rund 80.000 Euro auf andere Weise beschaffen – durch Spenden, Fundraising oder, wenn es gar nicht anders geht, durch das Auflösen von Rücklagen.

Frage: Zuletzt war zu lesen, dass Sie auch auf die Altersvorsorge Ihrer Gemeinschaft zurückgreifen?

Karl: Teilweise ja. Es gibt einzelne Lebensversicherungen, die wir weiter bedienen können. Aber freie Geldanlagen bei Banken mussten wir teilweise kündigen, weil wir es einfach nicht schaffen, Monat für Monat genügend Spenden einzuwerben, um die anstehenden Zahlungen leisten zu können.

„Wir denken nicht daran aufzugeben. Genau deshalb machen wir derzeit unser "Maul" so weit auf.“

—  Zitat: Pater Matthias Karl OSB

Frage: Wie lange kann die Dormitio unter diesen Bedingungen noch handlungsfähig bleiben?

Karl: Wir denken nicht daran, aufzugeben. Genau deshalb machen wir derzeit unser "Maul" so weit auf. Abt Nikodemus appelliert ja bei jeder Gelegenheit ganz offen, zuletzt auch beim Katholikentag in Würzburg: "Bitte helft uns, wir schaffen es alleine nicht." Wir vertrauen darauf, dass wir weiterhin Unterstützung bekommen. Ansonsten müssten wir das Kloster im schlimmsten Fall irgendwann zusperren und unsere Mitarbeiter entlassen. Aber genau das wollen wir nicht. Wir wissen: Wenn wir die Leute heute entlassen, finden sie in der jetzigen Situation keine neue Arbeit – die Christen aus der Westbank schon gar nicht.

Frage: Die Dormitio beschäftigt 29 Mitarbeiter, vor allem Christen aus der Region. Welche Bedeutung hat Ihre Abtei als Arbeitgeber für diese Menschen?

Karl: Eine sehr große. Unsere Mitarbeiter sind keine Spitzenverdiener, sie arbeiten im unteren Lohnsegment. Oft müssen beide Ehepartner arbeiten, damit eine Familie überhaupt über die Runden kommt. Wie wir versuchen derzeit fast alle kirchliche Einrichtungen hier – die Franziskaner, die Vinzentinerinnen und andere – alles, um ihre Mitarbeiter zu halten. Denn deren Familien hätten sonst kaum eine Chance. Wenn ich die Familien unserer Mitarbeiter mitrechne, hängen an den Arbeitsplätzen bei uns unter anderem rund 50 Kinder, die noch zur Schule gehen. Wir haben auch mehrere Neugeborene in diesen Familien. Die Eltern brauchen dieses Gehalt dringend.

Frage: Welche Kosten entstehen der Dormitio allein durch die Löhne für die Mitarbeiter?

Karl: Für die 29 Mitarbeiter und die fünf Benediktinerinnen, die uns in Tabgha unterstützen, liegen wir bei fast 70.000 Euro pro Monat. Darin enthalten sind auch die Steuern und Sozialabgaben und die Kosten für das externe Lohnbüro.

Frage: Welche Rückmeldungen bekommen Sie auf Ihre Spendenaufrufe – besonders aus Deutschland?

Karl: Die Rückmeldungen ermutigen uns sehr. Seit Corona erhalten wir immer wieder Spenden von Einzelpersonen – mal 20 Euro, mal 500 Euro, und manchmal sogar noch deutlich mehr. Es gibt Priester, die bei ihren Priesterjubiläen für uns sammeln, Menschen, die uns anlässlich runder Geburtstage unterstützen oder auch bei Todesfällen zu Spenden für uns aufrufen. Aktuell hilft uns auch unser Jubiläumsjahr: Seit 125 Jahren leben deutsche Benediktiner auf dem Zion, seit 100 Jahren gibt es die Abtei. Zu diesem Anlass haben die Benediktinerinnen aus Dinklage eine besondere Osterkerze gestaltet, die über unseren Freundeskreis vertrieben wird. Auch dadurch kommen Spenden zusammen. Wir haben keine Torschlusspanik! Aber wir wissen: Wir haben keine andere Wahl, als aktiv zu bleiben. Denn noch bucht praktisch niemand wieder Pilgerreisen nach Israel. Viele Menschen haben derzeit verständlicherweise Angst, hierher zu reisen. Und das wird wohl auch noch eine Zeit lang so bleiben.

Blick auf die Türme der Dormitio-Abtei in Jerusalem
Bild: ©KNA/Andrea Krogmann (Archivbild)

Blick auf die Türme der Dormitio-Abtei in Jerusalem.

Frage: Die Dormitio hat traditionell gute Kontakte zur deutschen Politik. Bekommen Sie aktuell Unterstützung durch die Bundesregierung?

Karl: Ja, aber nicht für unsere laufenden Kosten. Das würden die Vorschriften für die Verwendung von Steuergeldern auch gar nicht zulassen. Die Bundesregierung hat uns allerdings bei der Generalsanierung der Abtei mit über vier Millionen Euro unterstützt – weil wir als deutsches Kulturgut im Nahen Osten gesehen werden und gewissermaßen eine deutsche Repräsentanz vor Ort sind. Aktuell arbeiten wir mit der Bundesregierung sogar an einem neuen Projekt: einer neuen Orgel für die Dormitio. Dass die Abtei heute baulich so gut dasteht und generalsaniert ist, ist für uns in der jetzigen Situation eine große Hilfe.

Frage: Sie erhalten auch Unterstützung von deutschen Bistümern und Ordensgemeinschaften. Würden Sie sich trotzdem noch mehr Hilfe wünschen?

Karl: Wir haben bei vielen Diözesen, Ordensgemeinschaften und auch Pfarreien immer wieder offene Ohren gefunden – sowohl für unsere Arbeit in Jerusalem und Tabgha als auch für soziale Projekte oder Baumaßnahmen. Dafür sind wir sehr dankbar, und wir hoffen natürlich, dass diese Unterstützung nicht nachlässt.

Frage: Abschließend: Was macht Ihnen trotz all der Herausforderungen Hoffnung?

Karl: Hoffnung machen uns die Menschen im Ausland, vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die uns nicht vergessen. Manche haben viel Geld, andere wenig – und trotzdem unterstützen sie uns. Das gibt Mut. Und vor Ort machen uns die Menschen Hoffnung, die trotz allem am friedlichen Zusammenleben festhalten. Vor Kurzem gab es in Jerusalem einen interreligiösen Friedensmarsch mit Christen, Juden und Muslimen. Diese Menschen gibt es weiterhin. Man darf den Blick nicht nur auf das Dunkle richten, sondern muss auch das bunte Leben sehen, das es hier noch gibt.

Von Steffen Zimmermann