Katholizismus in Afrika ist vielfältig wie nirgends sonst
Afrika ist ein boomender Kontinent, wenn es um Bevölkerung und Christen geht – insbesondere Katholiken. Laut aktueller Ausgabe des Statistischen Jahrbuchs der Kirche stieg ihre Zahl nirgends auf der Welt zuletzt so stark. Für 2024 wird sie mit 288 Millionen Katholiken beziffert; 7 Millionen mehr als noch im Vorjahr. Weltweit stellt Afrika inzwischen mehr als ein Fünftel (20,3 Prozent) aller Katholiken – und hat Europa (20,1 Prozent) überholt. Insgesamt leben mehr als 1,5 Milliarden Menschen zwischen Dakar, Kairo und Kapstadt.
Doch der Kontinent mit seinen 54 offiziell anerkannten Ländern – das jüngste ist der Südsudan – könnte vielfältiger nicht sein. Im Norden sind Katholiken wie Christen anderer Konfessionen zumeist eine kleine Minderheit. Von Marokko bis Ägypten ist der Islam die vorherrschende Religion, Arabisch in unterschiedlicher regionaler Färbung die zentrale Sprache.
Das war einst anders. In Nordafrika kann die Kirche bis auf die Antike zurückblicken – was sich ab dem 8. Jahrhundert jedoch durch die Expansion des Islam änderte. Auch Jahrhunderte später sorgten muslimische Herrscher wie Usman dan Fodio in der Sahelzone für die Ausbreitung des Islam.
Kolonialherren zwangen Traditionen auf
Südlich der Sahara hingegen begannen im 15. und 16. Jahrhundert erste christliche Missionierungen; weitere folgten im 19. Jahrhundert. Sie wurden durch oft gewalttätiges Vorgehen von Missionaren und der westlichen Kolonialmächte überschattet.
Die Kolonialherren oktroyierten vielfach nicht nur ihre Sprachen, sondern auch ihre kirchliche Tradition und Konfession: die anglikanische wie in Südafrika und Simbabwe oder die römisch-katholische in einst französischen, belgischen oder portugiesischen Kolonien.
Heute eher die Ausnahme: Der Franzose Jean-Paul Vesco ist Erzbischof im algerischen Algier.
Das hat bis heute mitunter seltsame Auswüchse: Im Senegal im äußersten Westen Afrikas bekennen sich von rund 19 Millionen Einwohnern gut 97 Prozent zum Islam. Trotzdem sind Pfingsten, Mariä Himmelfahrt und Allerheiligen Feiertage – dank der französischen Kolonialmacht.
Nach Ende der Kolonialzeit und der Welle staatlicher Unabhängigkeitsbewegungen Anfang der 1960er Jahre erlebte die katholische Kirche in den jungen Nationen Afrikas eine besondere Entwicklung. Vielfach mussten die Missionsorden stärker auf die Ausbildung eines einheimischen Klerus setzen.
So hat die Kirche in vielen Ländern Afrikas ihr Gesicht völlig verändert. Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) waren sie noch fast komplett von ausländischen Missionaren bestimmt. Dass mit Kardinal Jean-Paul Vesco ein Franzose Erzbischof von Algier ist und mit Kardinal Cristobal Lopez Romero ein Spanier Erzbischof von Rabat in Marokko, ist heute die Ausnahme.
Kirche als Bedrohung
Unbeschwert war das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Staat gerade in den Anfängen der Unabhängigkeit nicht. Vielerorts galt sie als verlängerter Arm der einstigen Kolonialherren. Auch ihre gute Infrastruktur und materielle Ausstattung schienen den noch schwachen, auf Ausbildung einer eigenen Autorität und Identität bedachten Regierungen als Bedrohung. So kam es in den 1960er und 70er Jahren zu Konflikten und teils Verfolgungen, teils aber auch zu Arrangements mit autoritären Regimen.
Erst seit dem Abflauen der ideologischen Stellvertreterkriege in den 1980er Jahren und angesichts kollabierender Volkswirtschaften in den 1990er Jahren sieht man die Kirche vor allem in der Verteidigung von Menschenrechten, im Kampf gegen Armut und in der Arbeit für den Frieden.
Auch Pfingst- und Freikirchen sind in Afrika auf dem Vormarsch.
Es gab Märtyrer der Menschenrechte und des Glaubens, etwa in Burundi, im Kongo oder in Algerien, aber auch Täter unter der Geistlichkeit, wie 1994 beim Völkermord in Ruanda. Priester und Ordensleute machten sich unterlassener Hilfeleistung oder gar aktiver Beteiligung an Gräueltaten schuldig.
Eines müssen Priester wie Laien zunehmend zeigen: Dialog- und Vermittlungsgeschick mit anderen Religionen sowie innerhalb des Christentums. Nicht immer leicht ist das etwa in Nigeria mit seinen 235 Millionen Einwohnern, davon 35 Millionen Katholiken. Dort beanspruchen Christen wie Muslime gern, die Bevölkerungsmehrheit zu stellen. Regelmäßig gibt es blutige Konflikte. Einen religiösen Kern haben sie aber in aller Regel nicht; meist geht es um politische, wirtschaftliche oder soziale Fragen.
Auch Pfingst- und Freikirchen wachsen
Statistisch wächst die Zahl der Katholiken auf dem Kontinent. Längst wachsen aber auch andere Pfingst- und Freikirchen. Anfangs wurden sie vorwiegend aus den USA importiert. Doch schon seit Jahrzehnten gibt es gerade in anglophonen Ländern mit christlicher Tradition unzählige Neugründungen. Sie werben massiv bis aggressiv um Mitglieder, zum Leidwesen der etablierten Kirchen.
Die neuen haben eine Stärke: Sie versprechen – ohne Grund freilich –, was überall auf dem Kontinent so dringend benötigt wird: wirtschaftlichen Wohlstand.
Die katholische Kirche scheint hingegen in manchen Fragen weit entfernt von der Alltagsrealität zu sein. So stößt beispielsweise der Umgang des Vatikans mit Polygamie – die Vielehe ist auf dem Kontinent bis heute nicht nur unter Muslimen verbreitet – auf Kritik. Im März veröffentlichten die afrikanischen Bischöfe dazu ein Schreiben und kündigten an, polygam lebende Menschen in der Kirche besser begleiten zu wollen. Und auch der Zölibat für Priester wirkt mitunter eher aus der Zeit gefallen.
