Ohne Kleidung, ohne Medizin: So kommen Menschen bisweilen am Flughafen an

Caritas-Abschiebebeobachter: So laufen letzte Stunden vor Ausreise

Veröffentlicht am 01.01.2026 um 12:00 Uhr – Von Gabriele Höfling – Lesedauer: 

Bonn/Limburg ‐ Wenn Menschen kein Aufenthaltsrecht mehr in Deutschland haben und zur Abschiebung abgeholt werden, werden sie bisweilen brutal aus dem Alltag gerissen. Wie er versucht, in dieser Situation zu unterstützen, erzählt Abschiebebeobachter Finn Dohrmann im Interview mit katholisch.de.

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Finn Dohrmann arbeitet für die Caritas als Abschiebebeobachter am Frankfurter Flughafen. Dort begegnet er Menschen in Extremsituationen. Bisweilen werden Kranke aus dem Krankenhaus abgeholt, Kinder aus den Betten gerissen, um zum Abschiebflug gebracht zu werden. Wie Dohrmann sie in den letzten Stunden in Deutschland begleitet, berichtet er im Interview mit katholisch.de.    

Frage: Herr Dohrmann, was genau ist Ihre Aufgabe als Abschiebebeobachter?

Dohrmann: Wir arbeiten in den Räumen der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen als Ansprechpartner für Menschen in den letzten Stunden vor ihrer Abschiebung. Gleichzeitig beobachten wir, ob die Bundespolizei mit den Betroffenen angemessen umgeht: ist der Einsatz von Zwangsmitteln verhältnismäßig, werden die Menschen in einem angemessenen Ton angesprochen. Wenn wir Fehlverhalten wahrnehmen, melden wir das an die Verantwortlichen der Bundespolizei und bringen es im Flughafenforum ein. In diesem Gremium tauschen sich Kirchen, Ministerien, NGOs und die Bundespolizei aus, mit dem Ziel, die Rechte der Betroffenen zu schützen.

Frage: Wie oft kommt es denn vor, dass die Polizei unangemessen vorgeht – und das auch noch vor Ihren Augen?

Dohrmann: Wir erleben häufig problematische Situationen bereits bei der Ankunft hier am Flughafen: Menschen kommen unzureichend gekleidet hierher. Eine Frau wurde nachts zu Hause abgeholt und war nur mit einer Jacke und BH bekleidet, ihr Sohn hatte einen Schlafanzug an und war barfuß. Ein Mann ist direkt aus dem Krankenhaus mitgenommen worden. Er trug auf seinem stundenlangen Transport nur einen Krankenhauskittel und war darunter nackt – sonst hatte er nichts dabei, kein Geld, kein Handy, kein Gepäck. Fälle wie diese erleben wir eigentlich jede Woche. Menschen dürfen die Medikamente nicht einpacken, die sie dringend brauchen. Andere haben über Stunden nichts getrunken und nichts gegessen. Sie kommen gefesselt hier an, weil das für die zuführenden Landespolizeien einfacher ist. Wenn ein Familienmitglied zum Termin der Abschiebung nicht zu Hause ist, dann werden Familien bisweilen auseinandergerissen. Die, die zu Hause sind, werden gleich abgeschoben, die anderen später.  

Abschiebebeobachter Finn Dohrmann
Bild: ©Caritas Bistum Limburg

Finn Dohrmann arbeitet für die Caritas als Abschiebebeobachter am Flughafen in Frankfurt am Main.

Frage: Wie ist das Setting, in denen Menschen ihre letzten Stunden in Deutschland verbringen?

Dohrmann: Die Leute sitzen auf einfachen Holzstühlen und -bänken. Die Türen sind immer offen; die Menschen werden von den Bundespolizisten konstant beobachtet, damit sie sich nichts antun. Wenn sie aus dem Gefängnis kommen, dann werden sie polizeilich durchsucht. Sie werden komplett ausgezogen und auch in Körperöffnungen wird nachgeschaut. Das ist leider schon sinnvoll, zur Fremd- und Eigensicherung. Es ist schon vorgekommen, dass Menschen Gegenstände wie Rasierklingen in Körperöffnungen verstecken, um sich dann später damit selbst zu verletzen.

Frage: In welcher Verfassung sind die Menschen so kurz vor ihrer Abschiebung?

Dohrmann: Die meisten sind verzweifelt und in einem psychischen Ausnahmezustand. Sie kennen sich nicht gut aus über das, was ihnen jetzt bevorsteht. Sie sagen, dass sie Briefe der Ausländerbehörde nicht bekommen haben. Das kann daran liegen, dass sie in Gemeinschaftsunterkünften lebten und die Post nicht richtig zugestellt worden ist oder dass die Briefe wegen der Sprachbarriere schlicht nicht verstanden worden sind. Von der konkreten Abschiebung werden eigentlich alle überrascht, weil der Termin vorher nicht angekündigt werden darf.  Wir sehen Menschen, deren traumatische Erlebnisse auf der Flucht dadurch wieder hochkommen.

Frage: Was können Sie in solchen Situationen überhaupt machen?

Dohrmann: Wir können natürlich keine behördlich angeordnete Abschiebung verhindern. Aber wir organisieren Kleidung aus unserer Kleiderkammer. Wir bieten Kekse, Schokolade und Wasser an. Wir ermöglichen den Menschen, die Angehörigen über ihre Abschiebung zu informieren oder auch Anwälte zu kontaktieren. Wir geben den Menschen Kontaktadressen der Caritas im Zielland, damit sie eine Anlaufstelle haben. Manche haben nur ein paar Cent bei sich, dann geben wir ihnen etwas Bargeld, damit sie nicht mittellos am Zielflughafen ankommen. Wir vermitteln zwischen Betroffenen und der Bundespolizei. Vielen Betroffenen tut es schon gut, dass jemand ihre Situation ernst nimmt, dem sie sagen können, wenn eine Behandlung aus ihrer Sicht nicht richtig war. Wir geben unsere Kontaktdaten weiter. Viele Menschen melden sich später noch einmal aus dem Zielland. Ihnen bedeutet es etwas, wenn sie wissen, dass es an die übergeordneten Stellen bei Landes- und Bundespolizei kommt, wenn etwas schiefläuft – auch wenn sich die konkrete Lage für sie nicht mehr ändern lässt.

Frage: Was erwartet die Menschen in dem Land, in das sie abgeschoben werden?

Dohrmann: Das kommt sehr auf das jeweilige Land an. Unter den Dublin-Staaten, in denen die Menschen erstmals EU-Territorium betreten haben, gibt es einige, die sich gut kümmern. Ein Beispiel ist Schweden. Aus Rumänien etwa hören wir regelmäßig, dass Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert werden, in schmutzigen Einrichtungen, oft ohne ausreichendes Essen. Einige berichten, dass sie aus einem Dublin-Staat illegalerweise direkt weiter in Länder wie Libyen oder Tunesien abgeschoben werden. Wenn Menschen im Zielland keine persönlichen Kontakte haben und es auch sonst keine Hilfsstrukturen gibt, haben sie keinerlei Unterstützung. In Algerien beispielsweise sind keine ausländischen NGOs mehr aktiv. Auch in manchen EU-Ländern sind die vorhandenen Hilfsangebote überlastet. Dann landen die Menschen auf der Straße. Das betrifft etwa Spanien, Griechenland, Italien oder Bulgarien.

Frage: Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Dohrmann: Brutal finde ich es, wenn schwer kranke Kinder abgeschoben werden. Für Kinder ist eine Abschiebung allgemein eine ungeheuerliche Stresssituation. Sie werden nachts aus ihren Betten geholt oder auch direkt aus der Schule mitgenommen. Die Polizei spricht vielleicht harsch mit ihren Eltern. Wenn Kinder hier ankommen, sind sie verängstigt und überfordert. Manche von ihnen brauchen anschließend psychosoziale Betreuung.

Frage: Haben Sie denn den Eindruck, dass die Abschiebepraxis strenger wird?

Dohrmann:  Es werden immer häufiger Personen aus stabilen Arbeits- oder Ausbildungsverhältnissen abgeschoben oder auch Studierende. Arbeitgeber rufen uns an und sagen, sie verstehen nicht, warum ihr Mitarbeiter plötzlich weg ist. Das betrifft auch Berufe mit Fachkräftemangel wie etwa Pfleger oder Erzieher. Rechtlich gesehen gibt es dafür meist eine Erklärung: Abschiebehindernisse fallen weg – zum Beispiel, wenn Herkunftsstaaten nach langer Zeit plötzlich wieder Reisedokumente ausstellen. Dann sind die Menschen plötzlich ausreisepflichtig, obwohl sich ansonsten nichts verändert hat. Andere beantragen aus Unwissenheit Asyl, obwohl sie eigentlich bessere Chancen für ein Arbeitsvisum hätten. Ihr Asylverfahren wird abgelehnt und sie geraten in den Abschiebungsprozess. Solche Einzelfälle nehmen zu.

Frage: Wie reagieren die Leute, wenn sie erfahren, dass Sie von der Kirche sind?

Dohrmann: Meist ist es eher ein Plus, weil die Menschen Caritas oder Diakonie bereits kennen – etwa aus der Asyl- oder Sozialberatung. Manche möchten sogar noch vor dem Flug noch gemeinsam beten. Für Muslime halten wir dafür Gebetsteppiche bereit.

„Die Türen sind immer offen; die Menschen werden von den Bundespolizisten konstant beobachtet, damit sie sich nichts antun.“

—  Zitat: Finn Dohrmann

Frage: Halten Sie den Umgang mit Menschen in den Abschiebzentren an Flughäfen für angemessen?

Dohrmann: Leider sind die meisten Polizisten für einen ganzheitlichen Umgang mit Menschen in psychischen Extremsituationen nicht ausgebildet. Sie lernen alles unter Sicherheitsaspekten zu sehen, da kommt das Menschliche bisweilen zu kurz. Da müsste es mehr Fortbildungen geben. Die meisten Probleme sehen wir aber, bevor die Menschen an den Flughafen kommen. Da sind zum Beispiel rigide bürokratische Prozesse der Ausländerbehörden. Wenn Menschen fälschlicherweise Asyl beantragen, dann muss es möglich sein, dass sie stattdessen ein normales Visum beantragen können. Auch die Abholung zur Abschiebung sollte viel humaner ablaufen. Dass Menschen aus dem Krankenhaus oder der Psychiatrie abgeholt werden, geht gar nicht. Nachts darf es keine Abschiebungen mehr geben, Familien dürfen nicht auseinanderrissen werden. Die Menschen müssen adäquat gekleidet am Flughafen ankommen, mit ausreichend Barmitteln ausgestattet sein und mit Essen und Trinken versorgt werden. Dass diese grundlegende psychosoziale Betreuung bisher den Kirchen überlassen wird, ist unseres Staates eigentlich unwürdig. Jeder Betroffene hat Anspruch auf den Schutz seiner Menschenwürde – gerade in Deutschland, mit unserer historischen Verantwortung.

Frage: Wie wirken vor dem Hintergrund Ihrer Arbeit die Diskussionen um effizientere und schnellere Abschiebungen von Menschen?

Dohrmann: Die öffentliche Debatte über Abschiebungen wird oft ungenau und nicht in Kenntnis aller Tatsachen geführt. Genau deshalb halte ich unsere Arbeit für so zentral: Wir sehen, wer am Ende im Flugzeug sitzt. Manchmal handelt es sich bei den berühmten "Straftätern" einfach um Schwarzfahrer. Wer für mehr Abschiebungen argumentiert, sollte erstmal bei einer dabei gewesen sein.

Von Gabriele Höfling