Journalistin: Viele Türken wollen Religion wieder als Privatsache
HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.
"Was wissen wir schon über den Islam?", fragt die Journalistin und Juristin Marion Sendker, die seit Jahren in Istanbul lebt. Für Programme der ARD, den Deutschlandfunk und weitere Medien berichtet die Katholikin aus und über die Türkei und den Nahen Osten. Sie reist in Kriegs- und Krisengebiete und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Region verstehen zu wollen. Im Podcast erzählt Sendker, wie Präsident Erdogan die Islamisierung der Türkei vorantreibt, neue Moscheen eröffnet und den Islam zum politischen Instrument macht. Für die Christen im Land habe das aber nicht nur Nachteile.
Frage: Frau Sendker, gibt es das Gefühl einer Verbundenheit im Glauben in der Türkei?
Sendker: Man darf zwei Sachen nicht vergessen. Auf dem Gebiet der Türkei hat es seit Jahrhunderten immer viele verschiedene Religionen gegeben. Gerade zu Zeiten des Osmanischen Reiches lebten dort noch mehr Christen. Und davor, was wir heute Byzanz nennen, das war ja durch und durch christlich. Verschiedene Konfessionen gab es da. Auch heute noch gibt es eine riesige jüdische Diaspora in Istanbul und in der Türkei. Man hat immer schon multireligiös und multiethnisch zusammengelebt. Daran ist man gewöhnt. In den ersten Jahren, in denen die Regierung Erdogan am Start war, haben viele Christen erzählt, dass die Politik ein Verständnis für Religion hat. Die unterstützen zwar nicht das Christentum an sich, aber sie sagen: Die glauben auch an einen Gott und verstehen, was Religion bedeutet. Das hat schon einen Unterschied gemacht, und das war zumindest vorher, unter den säkularen Regierungen, nicht so. Viele Christen und auch Priester haben gesagt, seitdem Erdogan da ist, geht es ihnen strukturell ein bisschen besser, was nicht heißen soll, dass sie deswegen jetzt große Erdogan-Anhänger sind.
Frage: Erdogan ist ein strenger Muslim, oder er inszeniert sich auf jeden Fall als solcher. Es herrscht ein politischer Islam. Das ist für mich persönlich etwas, das mir sehr befremdlich ist. Wie ist das einzuordnen, dass damit Politik gemacht wird?
Sendker: Das ist auch befremdlich. Man merkt, dass es ein sehr einfaches Mittel ist, um Politik zu machen und Massen zu lenken. Man sieht aber mit den Jahren immer mehr, dass es nicht mehr so gut funktioniert.
Auch die Leute, die jahrelang Anhänger waren und dem gefolgt sind, sagen mittlerweile: Hey, irgendwie passt hier was nicht. Von der Regierung wird ständig gepredigt, dass man arm leben soll und dass man nicht klauen soll. Und dann kommt zum hundertsten Mal eine Nachricht heraus, dass die Regierung selbst in Korruption und sonst was verwickelt ist. Das wird natürlich von der Regierung dementiert. Das Volk hat immer weniger zu essen, es gibt seit Jahren eine steigende Inflation. Es wird immer härter für die Menschen. Auch Umfragen legen nahe, dass es doch eine Tendenz gibt, dass sich immer mehr Menschen wünschen, Religion wieder zur Privatsache machen zu können.
Frage: Ich erinnere mich an das verheerende Erdbeben in der Türkei vor drei Jahren, über 50.000 Menschen sind da gestorben. Erdogan war dann dort und hat das Erdbeben mit Allah in Verbindung gebracht, er hat sich also religiös geäußert. Das war so was wie – das war Allahs Wille – so extrem waren seine Worte nicht, aber das schwang so mit.
Sendker: Genau. Und das ist wirklich spannend. Ich habe in der Zeit danach genau in diesem Erdbebengebiet im Südosten Menschen getroffen, die alles verloren hatten und die trotzdem gelächelt haben und gesagt haben: Von Allah kam dieses Erdbeben. Einmal habe ich mich auch getraut nachzufragen: Liebt Allah euch so wenig, dass er euch dieses Erdbeben schickt und dass so viele Freunde und Familienangehörige gestorben sind? Aber es gab keine Antwort darauf, sondern das ist einfach eine Erklärungsweise, die auch vor ein paar Monaten oder vor ein, zwei Jahren von der Religionsbehörde Diyanet benutzt wurde. Da gab es ein Schreiben, dass auch die steigenden Preise quasi von Allah kommen. Also alles, was irgendwie schlecht ist, kommt dann von Allah. Und dann gibt es zumindest immer noch einen Teil in der Bevölkerung, der das dadurch annimmt und mit ihrem Gott ausmacht und deswegen nicht mehr auf Erdogan sauer ist.
„Immer mehr islamische Werte wurden vom Staat und von der Regierung gefördert. Die säkularen Werte wurden immer mehr ausgehöhlt.“
Frage: Aber es wird auch hinterfragt. Sind das die jungen Menschen, die das hinterfragen? Die jungen Türken?
Sendker: Es sind schon zunehmend die jungen Menschen. Wir sehen auch in Umfragen, oder ich kenne es aus meinem persönlichen Umfeld auch ein bisschen, dass gerade junge Leute keine Lust mehr haben auf diesen Islam, eben weil er so stark gefördert worden ist. Das ist so eine Frage von Actio – Reactio. Immer mehr islamische Werte wurden vom Staat und von der Regierung gefördert. Die säkularen Werte wurden immer mehr ausgehöhlt. Das hat man zumindest versucht. Gerade in der Jugend merkt man, dass die das einfach ablehnen, dass sie Fragen stellen, dass sie googeln und auch in sozialen Medien nachgucken und auf einmal merken, dass das, was immer erzählt worden ist, entweder so nicht im Koran steht oder nicht passt. Das kann irgendwie nicht sein, und dann wenden die sich auch immer mehr ab.
Frage: Wie religiös ist die Türkei? Wie viele Menschen sind Muslime und auch praktizierende Muslime?
Sendker: Statistisch gesehen sind es 99 Prozent, sagt der Staat immer, aber das kann natürlich nicht sein. Ein Beispiel: Wenn man in der Türkei geboren wird, dann wird man automatisch als Muslim eingetragen. Das heißt natürlich nicht, dass man einer ist. Wenn ich schätzen müsste, sind vielleicht 50-60 Prozent wirklich Muslime, 70 Prozent Maximum. Wer davon wirklich praktizierend ist, das ist nochmal eine andere Frage. Und dann muss man noch gucken, was für einen Islam die Menschen da praktizieren. Man spricht beispielsweise auch vom anatolischen Islam, ganz grob nach dem Motto: freitags mittags zum Gebet und freitagabends in die Meyhane zum Alkoholtrinken. So etwas gibt es ganz häufig. Es gibt auch sehr viele politische Sekten in der Türkei, die im Hintergrund eine riesengroße Rolle spielen. Die fangen auch die Menschen auf, versuchen, für sie da zu sein, aber sie dann natürlich auch mit in ihre Netzwerke reinzuschleusen. Da gibt es auch große Unterschiede. Es gibt sehr viele Aleviten, auch da gibt es noch mal Unterschiede, und natürlich auch ganz viele Orthodoxe, Juden und andere. Es ist schon ein religiöses Land, aber man kann ganz schwer sagen, wie viele Muslime es sind. Und ich würde nicht unbedingt sagen, dass es ein rein muslimisches Land ist. Das ist es auf keinen Fall.
Frage: Auf der anderen Seite entstehen ja immer mehr Moscheen in Istanbul. Am aufsehenerregendsten war wahrscheinlich die Umfunktionierung der Hagia Sophia durch Erdogan. Sind das Statusobjekte oder was ist das? Ständig inszeniert er sich, wie er wieder eine riesige Moschee aufmacht.
Sendker: Genau, gerade die Hagia Sophia war das Größte. Ich glaube, größer geht es auch nicht, was er da machen kann. Die Hagia Sophia war als Kirche gebaut, sie war dann zur Moschee geworden, dann Museum, und jetzt ist sie wieder in eine Moschee umfunktioniert worden. Da sind Leute aus der ganzen Welt angereist, um Erdogan zu feiern. Und ich weiß noch, der damalige Diyanet-Chef ist mit einem Schwert in die Moschee gegangen. Das war so ein Siegessymbol. Aber das ist auch am Ende nur Symbolik und spiegelt nicht die Realitäten im Land wider, zumindest nicht die der gesamten Bevölkerung.
