Bischof Bonny zu Priesterweihe Verheirateter: Will nicht provozieren
Er werde "alles daran setzen, bis 2028 verheiratete Männer in unserer Diözese zu Priestern zu weihen", schrieb der Antwerpener Bischof Johan Bonny Mitte März in einem Hirtenbrief zur Umsetzung des weltweiten synodalen Prozesses in seinem Bistum. "Die Frage ist nicht mehr, ob die Kirche verheiratete Männer zu Priestern weihen kann, sondern wann sie es tun wird und wer es tun wird. Jede Verzögerung wirkt wie eine Ausrede." Diese Ankündigung hat ein weltweites Medienecho ausgelöst, denn das Kirchenrecht verpflichtet Priester zum Zölibat – eine Abkehr davon ist momentan nicht zu erkennen. Warum er sein Anliegen trotzdem verfolgt und wie er auf ein "Nein" aus Rom reagieren würde, erklärt Bischof Bonny im katholisch.de-Interview.
Frage: Bischof Bonny, Ihr Hirtenbrief hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Sind Sie überrascht über die große Aufmerksamkeit?
Bonny: Nein. Fast alle, mit denen ich gesprochen habe, haben mir gesagt, dass sie damit einverstanden sind. Es gibt einen großen Konsens unter den Gläubigen, dass sie einen Priester wollen – egal ob er zölibatär lebt oder verheiratet ist. Wir haben aber einen so gewaltigen Priestermangel, dass unsere wenigen Priester nur noch in Meetings sitzen, sich um Administration kümmern müssen und dann nur noch am Sonntag die Messe feiern. Für Seelsorge, die Begleitung der Menschen und das Leben mit der Gemeinde ist keine Zeit. Wenn ich sage, dass wir heute verheiratete Priester brauchen, dann ist das keine theoretische oder theologische Frage mehr, sondern eine praktische.
Frage: Was meinen Sie damit?
Bonny: Bis in die 1960er Jahre hatte eine Diözese wie Antwerpen fast 1.500 aktive Priester und noch einige hundert pensionierte. Jetzt habe ich weniger als 100 – und die Hälfte von ihnen kommen aus dem Ausland. Die Kirchen und Pfarreien bestehen aber noch. Heute sind im Bistum Antwerpen bereits ganze Kirchenregionen ohne einen Priester, der unter 75 Jahre alt ist. Klar sorgt die Säkularisierung dafür, dass weniger Leute in die Kirche kommen. Aber die Lösung kann doch nicht sein, dass wir auch keine Priester mehr haben. Das Abschlussdokument der Weltsynode fordert eine missionarische Dynamik in der Kirche. Es braucht die Kraft des geweihten Amtes, es braucht die Kraft der Sakramente. Und dafür brauchen wir Priester.
„Ich habe noch keinen katholischen Bischof gehört, der mir gesagt hat: Auch wenn der Papst mir die Möglichkeit gibt, werde ich keine verheirateten Männer weihen. Das wissen sie auch in Rom.“
Frage: Sie haben angekündigt, bis 2028 verheiratete Priester weihen zu wollen. Warum dieser enge Zeitrahmen?
Bonny: Wenn ein Kind Hunger hat, kann man nicht sagen: Wir denken darüber nach und finden vielleicht nächste Woche eine Lösung. Nein, das Kind hat Hunger und man muss ihm jetzt zu essen geben. Wir warten schon seit 30 oder 40 Jahren auf mehr Priester. Die Dringlichkeit ist da, der Konsens ist da und auch einige Kandidaten sind da. Zudem befinden wir uns gerade in der Implementierungsphase der Weltsynode. Jetzt geht es nicht mehr darum nachzudenken oder zu studieren, sondern darum zu handeln. Wir Bischöfe sollen abstrakte Hypothesen hinter uns lassen. Ich bin ehrlich: Bis Ende 2025 war ich selbst skeptisch, fast agnostisch was die Weltsynode angeht.
Frage: Inwiefern?
Bonny: Ich hatte die Haltung wie Thomas im Evangelium: Wenn ich die Wunden nicht sehe, glaube ich nicht. In der Weihnachtszeit habe ich das Abschlussdokument dann ein zweites und noch ein drittes Mal gelesen. Und für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es ist wieder ein schönes Papier, um zu trösten, abzurunden und es nicht zu ernst zu nehmen. Oder ich nehme meine Verantwortung als Bischof wahr, bin mutig und mache das, was der Text fordert. Und wenn ich das ernst nehme, dann kann ich nichts anders machen, dann ist mein Hirtenbrief die Übersetzung davon.
Frage: Sie haben gerade das Stichwort Mut genannt. Auch andere Bischöfe aus Europa und Lateinamerika haben sich in der Vergangenheit bereits für die Weihe von "viri probati" ausgesprochen. So weit wie Sie hat sich aber noch niemand vorgewagt. Fehlt Ihren Mitbrüdern der Mut?
Bonny: Ich kenne viele Bischöfe und fast alle – meist aus Westeuropa – sagen mir, dass sie auch verheiratete Männer weihen wollen. Ich habe noch keinen katholischen Bischof gehört, der mir gesagt hat: Auch wenn der Papst mir die Möglichkeit gibt, werde ich keine verheirateten Männer weihen. Das wissen sie auch in Rom. Das ganze Dossier mit Pro und Contra gibt es dort schon seit Jahrzehnten.
Als internationaler Beobachter nahm Bischof Johan Bonny an einigen Versammlungen des Synodalen Wegs in Frankfurt teil. Er kennt die Anliegen des deutschen Reformprozesses. Er kennt aber auch die vatikanische Perspektive: Vor seiner Bischofsweihe war Bonny zwischen 1997 und 2008 Mitarbeiter des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Dort war er unter anderem für die ökumenischen Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen, vorwiegend im Nahen Osten, zuständig.
Frage: Die Bischöfe in Deutschland haben einige Erfahrung mit Verbotsschreiben aus dem Vatikan. Was macht Sie so hoffnungsvoll, dass das bei Ihnen nicht auch passiert?
Bonny: Ich habe elf Jahre lang im Vatikan gearbeitet und kenne die verschiedenen Schulen und Interessen dort. In Rom wissen sie, wie es uns hier geht und ich kenne Bischöfe und Kardinäle, die so eine Lösung zumindest für Westeuropa befürworten. Bei unserem letzten Ad-limina-Besuch 2023 haben wir mit Papst Franziskus ganz offen über dieses Thema gesprochen. Beim Synodalen Weg der Kirche in Deutschland wurde in Rom gesagt: "So denken sie in Deutschland, aber Deutschland ist nicht die Weltkirche." Aber das Schlussdokument der Weltsynode kommt aus dem Vatikan. Und wenn ich einen ehrlichen synodalen, missionarischen Plan für die Zukunft in meiner Diözese machen soll, dann ist das meine ehrliche, offene und demütige Antwort. Nichts machen geht nicht mehr. Ich habe noch immer so viel Vertrauen in die Leitung der Kirche, dass sie es verstehen und für eine Lösung sorgen werden. Ich vertraue noch immer darauf, dass am Ende die Redlichkeit und der gute Wille so groß sein werden, dass man sagt: "Warum nicht?"
Frage: Haben Sie sich mit Ihren Mitbrüdern in Belgien abgestimmt, oder ist das Ihr alleiniger Schritt?
Bonny: Wir haben darüber miteinander gesprochen und werden auch bei der Vollversammlung im April wieder darüber sprechen. Ein Bischof allein kann keinen Sonderweg gehen, das weiß ich. Aber ich bin über 70 und habe noch vier Jahre als Bischof von Antwerpen. In diesen vier Jahren möchte ich dafür sorgen, dass mein Nachfolger Lösungen für die Probleme hat, die wir jetzt schon kennen. Für die Zukunft zu arbeiten bedeutet, nicht abzuwarten, aus welcher Richtung die Regeln kommen, sondern aktiv zu gestalten.
Frage: Der Vatikan ist nicht unbedingt bekannt dafür, viele Zugeständnisse zu machen. Was machen Sie, wenn tatsächlich ein Verbot kommt? Weihen Sie dann 2028 trotzdem verheiratete Männer?
Bonny: Das ist eine Frage, die ich jetzt nicht beantworten kann. Das werden wir 2028 sehen. Abwarten ist aber keine Arbeit für eine synodal missionarische Kirche. Wir sind eine Kirche, es gibt einen Papst und er ist derjenige, der letztendlich Ja oder Nein sagt. Ich gehe nicht gegen die Ekklesiologie der Kirche, das ist klar. Wir sollen eins sein im Wesentlichen, beim Rest kann aber Verschiedenheit bestehen.
Frage: Was heißt das konkret?
Bonny: Das Wesentliche ist das Sakrament der Priesterweihe. Ob die Person verheiratet ist oder nicht, ist nicht wesentlich. Wir haben schon verschiedene Traditionen im Osten und Westen, in denen es verheiratete Priester gibt. So groß wäre der Schritt also nicht. Wenn wir ein Kirchenrecht mit zwei Möglichkeiten hätten, wäre die Sache schon gelöst.
Dass Rom noch keine Antwort auf die Frauenfrage habe, verstehe er, sagt Bischof Johan Bonny. "Aber was ist dann die Antwort? Die Alternative zur Weihe kann ja nicht nichts sein." Ihm schwebt ein neues Amt für Männer und Frauen vor.
Frage: Die Weihe verheirateter Priester ist nicht der einzige Schritt, den Sie in Ihrem Hirtenbrief ankündigen. Sie schreiben beispielsweise auch, dass Sie ein neues Amt für Frauen und Männer in der Kirche einführen wollen. Wie kann so ein Amt denn aussehen?
Bonny: Der Kontext dafür ist die Frage nach einer Diakoninnenweihe für Frauen. Das ist eine andere theologische Frage als die Priesterweihe verheirateter Männer. Und da möchte ich nicht provozieren. Die Frage nach "viri probati" ist nicht provokant. Das ist eine große Notwendigkeit. Dass Rom noch keine Antwort auf die Frauenfrage hat, verstehe ich. Aber was ist dann die Antwort? Die Alternative zur Weihe kann ja nicht nichts sein.
Frage: Und was wäre die Alternative?
Bonny: Das Schlussdokument spricht dazu von Sakramentalien, also von einem liturgischen Ritus mit zeichenhaften Handlungen. Vorbild hierfür ist die Segnung eines Abtes oder einer Äbtissin durch den Bischof. Ein Abt wird durch die Segnung nicht zum Bischof, sondern bleibt Priester. Aber er empfängt die episkopalen Insignien wie Mitra, Hirtenstab und Brustkreuz. Es kommt also ganz in die Nähe der Bischofsweihe und ist doch verschieden. Das ist eine interessante Linie, auf der ich gerne weitergehen möchte. Ich stelle mir einen schönen liturgischen Ritus vor mit dem Berufungszeugnis eines Kandidaten oder einer Kandidatin. Dann stellt der Bischof drei Fragen, die die drei Sendungen der Kirche widerspiegeln, der Kandidat bekommt eine Bibel, eine weiße Albe und einen Lektorenkragen und der Bischof ruft den Heiligen Geist auf die Kandidatin oder den Kandidaten herab. Das wäre ein sinnvoller spiritueller und öffentlicher Ritus. Auf diesem Weg möchte ich weitergehen.
Frage: Eine Weihe für Frauen ersetzt das aber nicht …
Bonny: Das stimmt. Das ist eine spätere Frage. Man kann nicht alles zur gleichen Zeit machen. Der erste Schritt ist die Priesterweihe verheirateter Männer. Die Weihe von Frauen ist eine Frage für die Zukunft. Die Lösung ist nicht einfach, aber die Frage ist da und wir sollten über das Amt und das Sakrament der Weihe nachdenken.
