Bischof Meier: Bosnien und Herzegowina auf europäischem Weg begleiten
30 Jahre nach dem Bosnienkrieg (1992–1995) leben die Menschen in Bosnien-Herzegowina zwischen pragmatischer Versöhnung und ethnischer Trennung. Das Land ist geteilt in zwei Hauptentitäten: die Föderation Bosnien und Herzegowina und die serbische Republik Srpska. Vergangene Woche machte sich der Weltkirche-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz, Bertram Meier (Augsburg), auf einer mehrtägigen Reise nach Sarajevo ein Bild von der Lage in dem Land. Im Gespräch berichtet er über die Rolle der Religionen, Initiativen der katholischen Kirche und sein Gespräch mit dem Großmufti der Bosniaken.
Frage: In Bosnien-Herzegowina ist die Zerreißprobe zwischen orthodoxen Serben, muslimischen Bosniaken und katholischen Kroaten ein Dauerzustand. Welches Gewicht haben die Religionen für die verschiedenen Identitäten? Verstärken sie teilweise auch den Konflikt zwischen den Volksgruppen? Insbesondere die orthodox-serbische Kirche gilt ja als recht nationalistisch.
Meier: Die drei Volksgruppen hier im Land definieren sich tatsächlich stark über die Religionszugehörigkeit. Gleichzeitig wurde in den Gesprächen, die ich in Sarajevo geführt habe, immer wieder betont: Der Bosnien-Krieg war kein Religionskrieg. Gerade während der fast vierjährigen Belagerung von Sarajevo gab es auch über religiöse Grenzen hinweg eine große Solidarität. Heute, 30 Jahre später, bestehen zwar manche Spannungen zwischen den Religionen beziehungsweise Konfessionen. Von einer "Zerreißprobe" würde ich aber nicht sprechen. Vielmehr sind gerade die religiösen Verantwortungsträger um ein gutes Miteinander bemüht.
Frage: Wo und wie tragen die Religionsgruppen zur Entspannung bei? Sie führten auch Gespräche im Interreligiösen Rat von Bosnien und Herzegowina.
Meier: Es war ein wichtiges Zeichen, dass die Religionsgemeinschaften nach dem Krieg einen Interreligiösen Rat gegründet haben, um so ihre gemeinsame Verantwortung für den Frieden zu unterstreichen. Mit dem Dialog zwischen den höchsten Repräsentanten des Islam, der katholischen und der serbisch-orthodoxen Kirche sowie des Judentums verbindet sich aber nicht nur eine symbolische Signalwirkung. Vielmehr hat die Arbeit des Interreligiösen Rates auch eine praktische Dimension: So haben sich insgesamt 19 lokale Gremien gegründet, in denen Imame, Priester und weitere Religionsvertreter dafür Sorge tragen, dass die verschiedenen Gruppen ein besseres Verständnis füreinander entwickeln. Es handelt sich hier um einen ganz konkreten Dialog des Lebens.
Frage: Welchen Eindruck haben Sie speziell von der Rolle der römisch-katholischen Kirche im Land. Kann sie eine besondere Rolle als Vermittlerin spielen?
Meier: Unter den drei "konstitutiven" Völkern von Bosnien und Herzegowina sind die Katholiken die kleinste Gruppe. Dennoch darf die Relevanz des katholischen Engagements nicht unterschätzt werden. In einem Land, in dem das öffentliche Schulsystem weitgehend nach ethnischer Zugehörigkeit segregiert ist, haben insbesondere kirchliche Initiativen im Bereich der Jugendarbeit eine hohe Bedeutung. Das konnte ich beispielsweise im diözesanen Jugendpastoralzentrum Johannes Paul II. in Sarajevo hautnah erleben: Mit vielfältigen Bildungs- und Freizeitangeboten gelingt es dem multireligiösen Team des Zentrums, Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichen Volksgruppen zusammenzubringen. Ähnlich inklusiv habe ich hier auch die Arbeit der Franziskaner wahrgenommen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen Wertschätzung und Vertrauen wachsen. Das sind unverzichtbare Ressourcen, um Versöhnung zu ermöglichen.
Die franziskanische Antoniuskirche im Stadtviertel Bistrik in Sarajevo.
Frage: Der Islam auf dem Balkan galt immer als moderater Brückenbauer zwischen Orient und Okzident. Trifft das immer noch zu? Oder greifen auch hier radikale, islamistische Tendenzen um sich?
Meier: Zu den Höhepunkten meines Sarajevo-Besuchs gehörte ein sehr herzliches und inhaltlich tiefgründiges Gespräch mit dem Großmufti der Bosniaken, Reisul-ulema Husein Kavazovic. Dabei hat der Großmufti hervorgehoben, dass der bosnische Islam sich europäischen Grundwerten verpflichtet weiß und sich daher jedem Extremismus widersetzt. Für den obersten Repräsentanten der bosnischen Muslime steht außer Frage, dass der Staat säkular verfasst sein muss. Nur so lässt sich in einer multireligiösen Gesellschaft gewährleisten, dass die Menschenrechte aller geschützt werden.
Vereinzelt wurde mir in meinen Gesprächen aber auch von der Sorge berichtet, dass externe Scharfmacher die Unzufriedenheit junger Menschen für ihre radikale Agenda ausnutzen wollen. Glücklicherweise gibt es hier im Land ein geschärftes Bewusstsein dafür, welch gefährliches Potenzial radikale Strömungen in sich bergen. Das Bestreben, den moderaten Weg des bosnischen Islam fortzusetzen, verdient auch die Anerkennung und Unterstützung durch nichtmuslimische Akteure.
Frage: Welchen Stellenwert hat das jüdische Leben in Bosnien-Herzegowina heute noch?
Meier: Sarajevo zeichnet sich durch eine über 500-jährige Koexistenz von Juden, Christen und Muslimen aus. Auch deshalb wird die Stadt bisweilen "Jerusalem Europas" genannt. Wahr ist aber auch, dass die jüdische Gemeinschaft leider nur noch eine sehr kleine Minderheit bildet. Vor den Schrecken der Schoah sollen etwa 15.000 Jüdinnen und Juden in Bosnien und Herzegowina gelebt haben, von denen etwa zwei Drittel ermordet wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich dann ein Großteil der Überlebenden zur Auswanderung nach Israel entschieden.
Bei meinem Besuch in der Synagoge von Sarajevo wurde mir gesagt, dass die Zahl der Bosnier mit jüdischen Wurzeln heute nur noch auf knapp 1.000 Personen geschätzt wird. Die Zahl derer, die auch tatsächlich der Jüdischen Gemeinde angehören, ist noch einmal deutlich geringer. Auf der einen Seite haben mir die jüdischen Vertreterinnen und Vertreter versichert, dass sie sich in Sarajevo sicher fühlen und sich als inhärenten Bestandteil der multireligiösen bosnischen Kultur verstehen. Auf der anderen Seite wird aber zurecht beklagt, dass Jüdinnen und Juden gemäß der Dayton-Ordnung nicht für politische Ämter kandidieren können. Dieses Recht kommt nur den muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten zu. Hier zeigt sich auch die Grundproblematik einer ethnisch-religiös definierten Verfassungsordnung.
Frage: Sie sprachen auch mit dem deutschen Botschafter und dem Hohen Repräsentanten Christian Schmidt. Wie sind deren Einschätzungen zur politischen Zukunft des Landes?
Meier: Aus den vertraulichen Gesprächen, die ich mit beiden geführt habe, kann ich keine Einzelheiten berichten. Klar ist aber: Die große Mehrheit der Menschen in Bosnien und Herzegowina sieht die Zukunft ihres Landes in der Europäischen Union. Damit diese Vision Wirklichkeit werden kann, sind jedoch tiefgreifende Reformen erforderlich. Und es braucht Politiker, die den Mut haben, das Geschäftsmodell der Spaltung zu überwinden. Wir dürfen die Menschen in Bosnien und Herzegowina auf ihrem europäischen Weg nicht allein lassen!
